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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 20.07.2007

Jung, gebildet und sexuell unerfahren

Ian McEwan: "Am Strand", Diogenes Verlag 2007, 208 S.

Tragikomödie zweier Individuen
Tragikomödie zweier Individuen (Stock.XCHNG / Arcelia Vanasse)

Nach dem internationalen Bestseller "Saturday", in dem es um das aktuelle Problem der Terrorismus-Angst geht, hat Ian McEwan nun ein auf den ersten Blick stilles, gleichsam zurückgezogenes Buch über ein unglückliches Liebespaar geschrieben. Genauer: den Roman einer fatalen Hochzeitsnacht.

Das ist ein gewagtes Sujet. Denn wann wären Hochzeitsnächte zuletzt als brisantes, grundstürzendes Ereignis empfunden worden? Längst leben viele Paare ohne Trauschein, und wenn sie heiraten, haben sie in den allermeisten Fällen gründlich ausprobiert, ob da auch sexuell zusammenkommt, was zusammengehört.

Das war einmal ganz anders, zuletzt vielleicht Anfang der Sechziger, bevor der emanzipatorische Schub des vielverklärten Jahrzehnts auch der überkommenen Moral, nach der sich die junge Frau für die Ehe "aufzusparen" hatte, den Garaus machte.

Mit gutem Grund siedelt McEwan seinen Roman deshalb knapp an der Epochenschwelle an, im Jahr 1962. Er ist aufgebaut wie ein Drama in fünf Kapiteln. Im ersten findet das Hochzeitsmahl in der Flitterwochensuite am Meer statt. Die Stunde des "Vollzugs" rückt näher, gierig erwartet von dem jungen Historiker Edward, der sich ein Jahr lang zusammenreißen musste und naturgemäß unter heftigem Triebstau leidet.

Ohne jede Vorfreude sieht allerdings seine Frau, die Geigerin Florence, der "Penetration" entgegen. Ihre Panik wächst von Minute zu Minute. Immer deutlicher wird: Sie will nicht, was da auf sie zukommt. Und der Leser weiß: Das wird nicht gut ausgehen.

Nachdem das zweite Kapitel in einer Spannung erzeugenden Rückblende die Vorgeschichte des Paares aufgerollt hat (beeindruckend vor allem die Passagen über das chaotische Lehrer-Elternhaus Edwards, wo eine Familie die Geisteskrankheit der Mutter überspielt), kommt es im dritten Kapitel zum tragikomischen Kammerspiel. Edwards Phantasie geht bald schon in Richtung gewagterer Praktiken – für Florence ist dagegen schon ein Zungenkuss eine groteske Zumutung. Wenn McEwan diesen Kuss mit seiner nakobovianisch geschulten Kunst des Details eine Seite lang beschreibt, kann man ihr das beinahe nachfühlen.

Die Komödie, üblicherweise ein eher turbulentes Genre, ist hier ganz nach innen verlegt – die beiden intelligenten jungen Menschen finden kaum Worte für ihre inneren Bedrängnisse und kommunizieren nur in abgebrochenen, hilflosen Floskeln. So misslingt auch die Verständigung der Körper gründlich. Angeekelt flieht Florence an den Strand. Dort kommt es endlich zur Aussprache. Aber auch die geht völlig daneben – alles, was die beiden sagen, hat einen ungewollt falschen Ton und läuft auf gegenseitige Vorwürfe hinaus. Die Hochzeit wird annulliert, und das Paar, das sich doch so überwältigend zu lieben schien, sieht sich nie wieder.

Zunächst hat man bei der Lektüre den Eindruck, es ginge dem Autor um ein Sittengemälde jener archaischen Vorzeit, verbunden mit einem Loblied auf die Kulturrevolution der sechziger Jahre. Der plakative erste Satz des Romans weist in diese Richtung: "Sie waren jung, gebildet und in ihrer Hochzeitsnacht beide noch unerfahren, auch lebten sie in einer Zeit, in der Gespräche über sexuelle Probleme schlicht unmöglich waren."

Glücklicherweise ist der Roman mehr als nur der Beweis dieser These. Für ein bloßes Sittengemälde ist insbesondere die weibliche Hauptfigur nicht exemplarisch genug. Ihre Scheu und Sexualangst übertrifft noch die der Frauen des viktorianischen Romans, erstaunlicherweise. Denn Florence entstammt keinem moralisch kleinkarierten Milieu, sondern einem weltläufigen Elternhaus.

McEwan gibt einige Fingerzeige, hütet sich aber, den Konflikt auszupsychologisieren. Er bleibt rätselhaft, gerade deshalb auch irritierend. Die Zeitumstände lassen sich jedenfalls kaum als zureichender Grund anführen. Auch wenn die mit hohen Erwartungen verbundenen Hochzeitsnächte gelegentlich enttäuschend ausgefallen sein mögen – das komplette Scheitern einer Ehe bei der ersten Annäherung im Bett ist ein eher unwahrscheinliches Ereignis.

Will McEwan also die Leiden der sexuellen Unterdrückung in Erinnerung rufen, als Mahnung für eine Zeit, in der womöglich ein neuer moralischer Fundamentalismus aufzieht? So gelesen, wäre das Buch eine halbe Mogelpackung. Es handelt vielmehr – in bestechender Intimität erzählt – von der Tragikomödie zweier Individuen, die sich so nahe sind und doch nicht wirklich zueinander kommen können.

"Am Strand" ist ein Roman, der vor Augen führt, dass gelingende Sexualität nicht so einfach ist, wie ihre Allgegenwart in den Medien suggeriert. Das Buch, das ohne viel Handlung auskommt, ist spannend wie ein Thriller. Haarscharf laviert McEwan seine beiden traurigen Helden an den Momenten vorbei, in denen die Verständigung vielleicht möglich gewesen wäre. Hat es nur an ein wenig Geduld gefehlt? Es bleibt offen, und gerade deshalb ist der Leser am Ende ergriffen.

Rezensiert von Wolfgang Schneider


Ian McEwan: Am Strand. Roman.
Aus dem Englischen von Bernhard Robben.
Diogenes Verlag 2007, 208 S., 18,90 Euro