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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 18.12.2015

Jugenheim und die FlüchtlingeAnti-Falten-Kur für ein Dorf

Von Anke Petermann

Ein herzliches "Willkommen" gilt den Flüchtlingen an vielen Orten in Deutschland - in Jugenheim bei Mainz hat man sich schon vor ihrer Ankunft viele Gedanken gemacht. (dpa / picture alliance / Friso Gentsch)
Ein herzliches "Willkommen" gilt den Flüchtlingen an vielen Orten in Deutschland - in Jugenheim bei Mainz hat man sich schon vor ihrer Ankunft Gedanken gemacht. (dpa / picture alliance / Friso Gentsch)

Seit einem Jahr leben Flüchtlinge im rheinhessischen Jugenheim - mitten in der Gesellschaft. Kurz vor ihrer Ankunft hatte sich die Initiative "Willkommen im Dorf" gegründet. Das 1200 Jahre alten Weindorf hat seither eine neue Identität: Es ist ein "Willkommensort".

Rückblick: Spätsommer in Jugenheim, dem 1600-Einwohner-Dorf 20 Kilometer südwestlich von Mainz. Die Sonne scheint warm.

Lamar: "Ich bin abgeholt!"

Lamar läuft durch den baumbestandenen Garten der evangelischen Kita ihrem Vater entgegen. Die Fünfjährige aus Syrien lebt seit Anfang des Jahres in Jugenheim. Sie und ihr dreijähriger Bruder wohnen mitten im Dorf. 

"Hauptstraße 3 und 0."

Hauptstraße 30 also: Früher war das mal die Anschrift des Jugenheimer Pfarrhauses. Als die Evangelische Gemeinde das vor einem Jahr aus finanziellen Gründen abstoßen musste, sah der zuständige Landkreis Mainz-Bingen darin eine Chance. Unterkünfte für Flüchtlinge wurden allmählich knapp – der Kreis kaufte das zweistöckige Gebäude samt Hinterhaus aus dem 18. Jahrhundert und sanierte es mit dem eigenen Bautrupp. Ende 2014 zogen die ersten Neuankömmlinge aus Syrien, Afghanistan und dem Irak ein. Und wurden von der Dorfgemeinschaft förmlich aufgesogen. Denn schon Wochen zuvor hatte der Kirchenvorstand in einem Aufruf an Vereine, Parteien und Einzelpersonen klar gemacht.

Röhm: "Wir werden Flüchtlinge bekommen, ob wir wollen oder nicht. Kümmern wir uns oder wollen wir das ganze irgendwo laufen lassen?"

Für Uli Röhm eine rein rhetorische Frage, denn dass er sich kümmern würde, stand für den späteren Koordinator der Initiative "Willkommen im Dorf" von vorn herein fest.

"Ich selbst war erstaunt: bei diesem ersten Treffen kamen über 50 Menschen zusammen und haben sich relativ spontan bereit erklärt, 'Ja wir wollen tun, was wir können'. Jemand der Bankkaufmann ist, kann helfen, ein Konto einzurichten. Jemand, der Arzt ist, kann Ratschläge zum Gesundheitswesen geben, jemand, der im Bildungswesen tätig ist, wie kann ich mit der Sprache was machen."

Das ehrenamtliche Netzwerk war also geknüpft, noch bevor die ersten Flüchtlinge kamen. Kita, Sportverein, Kirchenchor – alle waren aufs Willkommen eingeschworen. Dabei half die Zielstrebigkeit des ehemaligen ZDF-Wirtschaftsredakteurs Röhm. Der 71-Jährige mit dem silbergrauen Haar kennt sich mit strategischer Kommunikation aus.

"Es gab spontane Zusagen von einigen Vereinen und Verbänden, die gesagt haben, 'ja, wir machen mit'. Es gab aber wohl auch welche, die hatten vergessen zu antworten, die haben wir freundlich noch mal angefragt: 'Sollen wir wirklich in der Öffentlichkeit sagen, ihr macht nicht mit?' und alle haben plötzlich mitgemacht."

Sanfter Druck? Die Lachfältchen um seine Augen vertiefen sich ein wenig. "Freundliche Hilfe", korrigiert Röhm.

"Wanja, wir brauchen noch Neles Puppe!"

Sebastian Bauer holt seine beiden Kinder Wanja und Nele aus der evangelischen Kita ab und stößt am Tor auf Lamar, deren Vater und den dreijährigen Bruder Souher alias "Sousou". Die syrischen Kinder haben sich gut eingefügt.

"Es funktioniert wunderbar. Also, die sind ja jetzt - wie lange seid ihr jetzt schon hier im Kindergarten?"

"Halbes Jahr?"

Bauer schaut zu Lamar und Sousou.

Lamar: "Ja."

Souher: "Ich auch."

Bauer: "Und das klappt wunderbar. Auch hier mit dem Deutschlernen klappt das ganz gut. Als der Sousou ungefähr drei Monate hier war, konnte er bereits ausreichend Deutsch, um mir zu petzen, dass der Vanja, der gerade hochgelaufen ist, ne Schnecke zertreten hat",

amüsiert sich der junge Vater über den drei Jahre alten arabischen Muttersprachler. Der Wind zaust über ihm die Blätter aus den Bäumen.

Neue Einwohner für das alte Dorf

Mohamad Sulaiman kehrt das Laub zusammen und häuft es in eine Schubkarre. Der 23-Jährige arbeitet im Wechsel mit seiner älteren Schwester stundenweise in der Kita, zum Mindestlohn, und zwar als

"Hausmeister."

Ende 2014 kam Sulaiman mit Eltern und Geschwistern aus dem syrischen Aleppo. Die fünfköpfige Familie gehörte zu den ersten im Dorf-Kontingentflüchtlinge, die aus humanitären Gründen aufgenommen werden und kein Asylverfahren durchlaufen müssen.

"Ich mache jetzt Deutschkurs hier in Jugenheim."

Den amtlichen Deutsch- und Integrationskurs, den die Volkshochschule im Gemeindehaus abhält. Drei Stunden täglich paukt Mohamad Sulaiman dafür. Er schaut deutsche Filme und hat neben den Paten und Helfern im mittleren Alter inzwischen auch gleichaltrige Deutsche kennengelernt. Er hofft auf einen Mini-Job in einer Jugenheimer Auto-Werkstatt. Sulaimans jüngerer Bruder Allaa-Eddin hat schon einen – bei einer Elektronik-Firma am Ort.

"Alle die aus Syrien mögen Arbeit",

konstatiert Alaa-Eddin. Jugenheims Unternehmer, ob im Friseur- Sanitär- oder Elektrohandwerk, können auf Nachwuchs hoffen, die beiden Kindergärten im Dorf auch. Gut so, meint Sebastian Bauer, Vater von Wanja und Nele.

"Zuletzt sah es so aus, dass uns ein bisschen die Kinder ausgehen würden, und insofern war es ganz passend, dass jetzt noch die, ähm ..."

Bauer nimmt seine quengelnde Tochter auf den Arm,

"dass noch die anderen Kinder dazu gekommen sind, weil - dadurch war der jetzt quasi wieder voll besetzt, das war eigentlich ganz günstig. So allein aus den Leuten, die jetzt hier wohnen, lässt sich der Kindergarten eigentlich nicht befüllt halten."

Mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen haben die neun Flüchtlingsfamilien und die allein Geflüchteten dem 1200 Jahre alten Dorf eine Anti-Falten-Kur beschert. Zuletzt hatte Jugenheim Einwohner verloren. Dank der Zuzügler, die mit dem Rad statt mit dem Auto einkaufen, erlebt der Mini-Supermarkt eine kleine Sonderkonjunktur.

"Kinder, wartet mal! Ja, ein Vollernter. Geht da bitte nicht hin – der ist groß!"

Ruft Sebastian Bauer am Tor der evangelischen Kita. Doch Wanja, Nele, Lamar und Sousou verstehen plötzlich alle kein Deutsch mehr. Egal ob im Weindorf geboren oder später zugezogen - so eine riesige, rot lackierte Trauben-Erntemaschine muss man aus der Nähe bestaunen, da sind sich die Steppkes einig.

"Sousou!"

Die vier stürmen los. Und zwei Väter – ein syrischer und ein deutscher -genauso einig in ihrer Sorge – sprinten hinterher.

Jugenheim - ein Vierteljahr später.

"Es ist ein Ros entsprungen"

"Es ist ein Ros entsprungen", spielen die "Jugenheimer Musikfreunde" auf dem kleinen Adventsmarkt vorm Rathaus. Für die Suleimans ist es der zweite Adventsmarkt in Deutschland, aber der erste, an dem sich die muslimische Familie aktiv beteiligt.

"Einen Holunderpunsch. Nit so viel."

Gemeinsam mit anderen Flüchtlingen und Ehrenamtlichen schenkt Sulaiman Senior am Stand der Initiative "Willkommen im Dorf" Chai, arabischen Tee, und alkoholfreien Holunderpunsch aus. Gegen die Kälte hat der 61-Jährige die Wollmütze tief in die Stirn gezogen. Reingard Löckel, eine der Ehrenamtlichen der Willkommensinitiative, deutet auf den Punsch-Topf und spricht Sulaimans Sohn Alaa Eddin an.

"Wenn du zu jemandem auf Arabisch sagst‚ mach bitte den Deckel auf'? Sag es auf Arabisch!"

"Iftah al-ghata."

"Iftah al-ghata ."

"Iftah al-ghata, ja du kannst das gut!"

"Wir haben noch gelacht, ich hab gesagt‚ machma-uff, iftah al-ghata'". 

Syrische Dattelplätzchen auf dem Weihnachtsmarkt

Die Welt zu Gast in Jugenheim: arabische Wortfetzen auf dem traditionellen Adventsmarkt. Syrische Dattel-Plätzchen neben rheinhessischem Walnuss-Gebäck in "Integrationskekstüten". Ein Jahr Willkommenskultur hat die kulinarische Vielfalt und den Horizont erweitert. Gemeinsame Feste haben den Zusammenhalt im Dorf gestärkt. Lars Weber, einer der Alltagshelfer, nimmt einen Schluck Punsch und wendet sich seinem Freund Alaa Eddin zu. Der zwanzigjährige Syrer hat den Abschluss für Deutsch auf fortgeschrittenem Niveau inzwischen in der Tasche. Die Jugenheimer Computerfirma, die ihn als Mini-Jobber eingestellt hatte, bietet ihm eine Ausbildung an. Danach zu studieren, wäre eine Option, unabhängig vom Schulabschluss. Der neun Jahre ältere Lars Weber weiß das aus eigener Erfahrung.

"Die Ausbildung und dann noch drei Jahre arbeiten in dem Job, dann kannst du studieren gehen. Das qualifiziert dich für ein Studium quasi."

"Ja, das ist gut!"

Am Tag darauf organisiert die Ehrenamts-Initiative "Willkommen im Dorf" für die Flüchtlinge eine Veranstaltung unter dem Motto "Fit für den Arbeitsmarkt". Alaa Eddin Sulaiman hofft dann, weitere Details zu erfahren. Der syrische Computer-Experte in spe und sein Bruder Mohamad haben das Deutsche förmlich aufgesogen. Die ältere Generation tut sich da schwerer.

"Und wo ist hier die Kirche?"

Verena Mathes sitzt bei Adil Yousif und dessen Ehefrau Intesar am Wohnzimmertisch. Die drei beugen sie sich über das Deutschbuch.

– "Kirche – das ist die Kirche." – "Und neben der Kirche ist wieder diese Holzbank." – "Nicht die Bank from Germany!"

"Nein, nicht die 'Deutsche Bank'", bekräftigt Verena Mathes als ehrenamtliche Lehrerin der Familie. Auch ihr Engagement ist Teil der Initiative "Willkommen im Dorf", die aus der evangelischen Gemeinde hervor ging. Adil Yousif, irakischer Christ, hatte zuletzt in Syrien gelebt und ist im Rentenalter,

Mathes: "...hat halt keinen Anspruch mehr auf den Deutschkurs, deshalb wäre er ganz draußen. Er ist ja nicht vermittelbar für die Arbeitswelt, deshalb wird der Kurs nicht bezahlt, und dann könnte er kein Deutsch lernen. Und das ist natürlich ganz schade. Er ist total motiviert."

Yousifs Frau bekommt einen Kurs, würde ihn aber ohne ehrenamtliche Nachhilfe nicht schaffen. Die irakischen Christen wollen zur Dorfgemeinschaft gehören, die sie mit ihren erwachsenen Kindern so herzlich aufgenommen hat. Auch die Yousifs wohnen im Gemeindehaus mitten im Dorf. Eine Etage darüber lebt die muslimische Familie Sulaiman. Weitere Wohnungen für Flüchtlinge mietet die Verbandsgemeinde Nieder-Olm, zu der Jugenheim gehört, im Hinterhaus und anderswo in der Ortsmitte an. Bürgermeister Herbert Petri erkennt darin eine Voraussetzung dafür, dass die Stimmung stabil bleibt, auch wenn weitere Flüchtlinge dazu kommen.

"Also, in Jugenheim habe ich nicht das Gefühl, dass das kippt, weil wir zwar eine große Unterkunft haben, aber nicht im Sinne einer Turnhalle und Menschen eng zusammengepackt, das haben wir ja in Jugenheim nicht."

Ralph Spiegler, Bürgermeister der Verbandsgemeinde Nieder-Olm, stattet dem Stand der Jugenheimer Willkommensinitiative auf dem Adventsmarkt einen Besuch ab. Anderswo in der Region müsse man wegen des hohen Zuzugs schon abgehen von der Unterbringung mitten im Dorf, erzählt er.

"Gerade jetzt in der Vorweihnachtszeit werden uns viele Menschen zugewiesen. Wir sind ständig auf der Suche nach Wohnungen. Wir gehen jetzt wohl auch erstmals ins Gewerbegebiet in größere Einheiten, weil wir im innerörtlichen Bereich keine Wohnungen mehr finden. Und dann wird es unsere Ausgabe sein, Wege zu finden, wie wir die Menschen, wenn sie im Gewerbegebiet sind, wie wir die integrieren."

Koordinator der Willkommensinitiative hält nichts von Obergrenzen

Mietkosten und Sozialleistungen erstatte der Landkreis Mainz-Bingen.

"Sogar einen Teil der Mehr-Personalkosten kriegen wir vom Kreis freiwillig erstattet. Worunter wir leiden, ist wirklich die Belastung der MitarbeiterInnen im Rathaus, das ist schon eine gewaltige Belastung, die da im Moment bei uns Platz greift. Aber - auch das kriegen wir hin."

Fünfzig, sechzig Asylsuchende auf 1600 Einheimische. Ist eine Obergrenze für Flüchtlinge, wie sie die Union auf Bundesebene diskutiert, Thema auf dem Adventsmarkt im alten Weindorf?

"Es gibt noch genug Häuser, die leer stehen oder wo man schon noch was machen kann."

"Wir können das schon packen, aber dann muss halt auch noch ein bisschen mehr von ... – mehr laufen, denke ich."

Meinen zwei Jugenheimerinnen, und Ralph Spiegler, der Bürgermeister der Verbandsgemeinde, konstatiert:

"Eine Obergrenze zu definieren, ist doch ein ziemlicher Blödsinn, finde ich. Was machen Sie mit dem ersten, der über der Grenze ist, der mit seinem Kind aus Syrien aus dem Bürgerkrieg kommt, dann an der Grenze steht – wollen Sie den zurückschicken? Wir müssen sehen, dass wir die Kapazitäten ausschöpfen, wir brauchen sicher auch Lösungen auf europäischer Ebene – keine Frage. Aber wir kriegen das vor Ort immer noch hin."

Alaa Eddin Sulaiman strahlt:

"Ja, die Leute schaffen das. Die Leute hier sind sehr nett."

Uli Röhm, Mitgründer und Koordinator der Jugenheimer Willkommensinitiative, hält von Obergrenzen nichts:

"Ich halte die Diskussion für völlig praxisfremd und illusorisch, das über Zahlen regeln zu wollen. Es gibt Situationen, da sind weniger in einem Dorf verträglich und in einem anderen sind noch genügend Potentiale, um so was zu machen. Das hängt auch davon ab, wie viele Leute sind in einer solchen Dorfgemeinschaft bereit, sich um diese Menschen zu kümmern."

In Jugenheim sind es etwa so viele Ehrenamtliche wie Flüchtlinge. Wenn dort ein Einheimischer sagt, "ich bin mit meiner Familie da", meint er damit nicht unbedingt eigene Angehörige, sondern die syrische, irakische, afghanische oder armensiche Familie, die er als Alltagshelfer betreut. Richard Baron zum Beispiel sagt es, wenn er mit den Yousifs unterwegs ist. Friseurausbildung und Chemiestudium – das ist die Bandbreite der Zukunftsvisionen bei den Yousif-Junioren. Baron will sie dafür "aufs richtige Gleis setzen". Drei von ihnen lernen auf fortgeschrittenem Niveau Deutsch. Sara wird, wenn sie die Vorprüfung besteht, an der Uni Mainz Chemie studieren. Rafi ist taubstumm und – wegen seines strahlenden Lächelns – als Sunny-Boy dorfbekannt.

Mentalitätsunterschiede verursachen Spannungen

Stundenweise arbeitet der junge Iraker an drei Tagen pro Woche in einem Friseursalon, aus seinem Praktikum wurde ein Mini-Job. Außerdem besucht er in Frankfurt einen speziellen Integrationskurs bei einer Stiftung für Gehörlose. Mit eingefädelt hat das sein "Pate", so werden die Alltagshelfer in Jugenheim genannt. Richard Baron arbeitet in Altersteilzeit. 1978 kam der Schlesier als Spätaussiedler nach Deutschland.

"Das Gute war, dass ich schon Deutsch zuhause gesprochen habe. Die Gesellschaftsform war damals anders, weil ich in Polen aufgewachsen bin. Aber wir hatten von Anfang an Kontakte mit Einheimischen, und die Leute waren auch sehr offen, und ich betrachte heute Rheinhessen als meine zweite Heimat. Also, ich fühle mich hier wirklich zuhause."

Jetzt hilft Baron anderen, sich einzuleben. Der ehemalige Aussiedler tut genau das, was Politiker in diesen Tagen von Migranten, vor allem muslimischen, fordern. Mitzuhelfen nämlich, die Neuankömmlinge mit der Gesellschaft vertraut zu machen. In Jugenheim und anderswo wachsen auch Flüchtlinge in die Lotsen-Rolle hinein, beobachtet eine ehrenamtliche Patin bei "Willkommen im Dorf", die ungenannt bleiben möchte.

"Letzens saß einer neben mir bei der Anmeldung im Bürgerbüro Nieder-Olm, der war jetzt schon Dolmetscher für die neuen, die gekommen sind, und sagte dann so, ‚ach vor zehn Monaten saß ich hier und hab' gedacht, das werde ich nie verstehen und nie lernen', und jetzt war er schon Dolmetscher für die nächsten und fängt auch an zu arbeiten als Mini-Job parallel zur Schule. Aber eben jetzt - nach zehn Monaten. Also, die Zeit muss man denen geben. Das ist ganz wichtig, es geht nicht schnell. Und sie müssen viel von unserer Organisationsstruktur lernen. Sie haben ein ganz anderes Zeitverständnis, und das muss man einfach immer wieder erklären, und dann geht das auch."

Fehlende Pünktlichkeit deutet man hierzulande als Respektlosigkeit, diese Gleichung ist im arabischen Raum unbekannt. Die Mentalitätsunterschiede verursachen Spannungen zwischen Paten und Flüchtlingen. Der ehrenamtliche Deutschkurs für Frauen in Jugenheim scheiterte. Ob es an methodischen Problemen, Desinteresse oder Überforderung lag, blieb unklar. Die Alltagshelferin Susanne Haas war schon mal kurz davor aufzugeben. Nicht eingehaltene Uhrzeiten und Verabredungen spielten dabei allerdings keine Rolle.

"Hinschmeißen – ja, da habe ich schon mal drüber nachgedacht, aber nicht weil die Belastungsgrenze erreicht war, sondern weil ich manchmal das Gefühl habe, man kommt da nicht mehr weiter bei den Behörden."

"Ja, ja, ich mach's dann aber nicht, weil's natürlich Menschen sind, die dann genauso wie ich Menschen sind, die genauso wo wenig wie ich weiterkomme. Dann haben sie noch weniger Unterstützung, das tut mir dann auch leid, also das kann ich dann auch nicht verantworten."

Ergänzt die Patin, die anonym bleiben möchte. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, kurz BAMF, das kommunale Sozialamt und das Jobcenter – für Flüchtlinge ein Bermuda-Dreieck, in dem sie ohne Paten untergehen würden.

"Das kann man so sagen ja."

Ohne Aussicht auf einen Integrationskurs

Lange Wartezeiten, Anträge werden prinzipiell erstmal abgelehnt, um Etats zu schonen, mutmaßt der Jugenheimer Pate Klaus Zimmermann. Den Deutschkompaktkurs bekam der Syrer Muhamad Aloo, den Zimmermann betreut, erst im zweiten Anlauf bewilligt. Erst mit Abgabe des Asylantrags können Flüchtlinge mit guter Bleibeperspektive von den erweiterten Integrationsmöglichkeiten des neuen Asylgesetzes profitieren, erfuhr Zimmermann. Aloo war im Sommer angekommen und registriert worden, durfte seinen Antrag aber erst Ende des Jahres offiziell stellen. Wer jetzt neu ankommt, bleibt allerdings noch länger im Stadium der Registrierung, das heißt ohne Aussicht auf baldige Zulassung zum Integrationskurs. Erst für 2017 bekommen die neuen Flüchtlinge derzeit Termine, um den Asylantrag einzureichen. Klaus Zimmermann stellt fest:

"Die Wirklichkeit hat die Regelungen wieder überholt. Man wollte, dass die Leute früher in den Prozess reinkommen, dass sie integriert werden können. Aber nach der Reglung, die jetzt besteht, würden die doch ein Jahr warten, bis sie starten können."

Der ehrenamtliche Alltagshelfer hofft, dass nachgebessert wird. In Jugenheim erleben Flüchtlinge und Paten beim Hin und Her zwischen den Ämtern, dass sie dem Staat die Integrationsleistungen mühsam abringen müssen. Wenn die CDU nun ein Gesetz auf den Weg bringen will, das Flüchtlinge ihrerseits zur Integration verpflichtet und ihnen Bekenntnisse zum Grundgesetz und gegen die Scharia abverlangt, stößt das bei den Ehrenamtlichen erst mal auf Zurückhaltung.

Christian Schlüter: "Schwer zu sagen. Man müsste sich angucken, wie man das ausformulieren will. Ob das immer so an die Lebensrealität angepasst ist, weiß ich auch nicht."

Bei Verstößen gegen die Selbstverpflichtung auf demokratische Gesinnung und Integration sollen Flüchtlinge nach christdemokratischen Plänen mit gekürzten Sozialleistungen bestraft werden. Nur - wie soll man das überwachen? Solch ein Gesetz bräuchte sein Dorf wohl nicht, meint Herbert Petri auf dem Adventsmarkt vorm Rathaus. Doch der Idee von Pflichten kann der sozialdemokratische Ortsbürgermeister etwas abgewinnen.

"Also, es ist in Jugenheim sicher ein Geben und Nehmen, was wächst. Wenn man es aber bundesweit betrachtet, sieht man schon die Sorgen der Bürger. Wie man die so'n bisschen entkräften kann, darüber wird sich die Politik Gedanken machen müssen. Und ich denke: Was dem Bürger wichtig ist, ist, dass Flüchtlinge zu uns kommen, dass wir denen auch gern helfen, dass wir die integrieren, dass wir aber auch bewusst machen, auch wir haben ein Werte-System, und auch ein Flüchtling muss erfahren, was heißt bei uns zum Beispiel Arbeit."

Flüchtlinge werden "fit für den Arbeitsmarkt"

Fünfzig Flüchtlinge aus der gesamten Verbandsgemeinde Nieder-Olm erfahren das an einem Sonntagnachmittag bei der ehrenamtlich organisierten Info-Veranstaltung "Fit für den Arbeitsmarkt" im Jugenheimer Gemeindesaal. Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Eigeninitiative – worauf Arbeitgeber Wert legen, erklären auf Einladung des Ehrenamtlers Andreas Gieß Personaler und Experten für berufliche Bildung. Adnan Sulaiman lebt schon länger in Deutschland und übersetzt auf Arabisch.

Gieß: "Gute Deutsch-Kenntnisse - das ist das Allerwichtigste. Einige haben auch schon einen Deutsch-Kurs gemacht. Aber ein Deutsch-Kurs reicht nicht aus. Da kann ich nur empfehlen: Nehmt jeden Deutschkurs mit, der irgendwo angeboten wird." (Sulaiman übersetzt)

Zwei Jahre habe er fürs Deutschlernen gebraucht, erzählt der mittlerweile eingedeutschte Koch und ehrenamtliche Dolmetscher. Ungläubige Blicke im Publikum. Stöhnen. Meike Gieß, ehrenamtliche Referentin und hauptberufliche Coaching-Expertin, rät den unter 35-Jährigen dringend zu einer Ausbildung, selbst wenn die nicht so hoch vergütet werde wie ein Job. Und:

"Wenn sie erst in der Ausbildung anfangen würden, Deutsch zu lernen, reicht es einfach nicht. Sie kämen ja nicht mit, die Schule wäre zu anstrengend, der Inhalt ist zu anstrengend. Deswegen: Sie müssen das jetzt vorher machen. Ob sie das jetzt realisiert haben? - Die sind jetzt jung, die wollen jetzt Geld verdienen, die wollen aus den Sozialleistungen raus und wollen und wollen, und haben aber weniger Geld, wenn sie ... im Moment ist das Geld einfach so wichtig für sie, dass sie deswegen auf Bildung - glaube ich - verzichten würden. Schade aber ..."

Die Expertin zuckt die Achseln, skeptisch. Verloren sei aber noch nichts, meint Ortrud Stein, selbst Patin. Das Gehörte müsse bei den Flüchtlingen erstmal sacken, die Paten klärten weiter auf und leisteten Überzeugungsarbeit. Stein selbst betreut die Krankenschwester Halima Baisla mit ihren beiden Söhnen. Das Deutschlernen macht der Syrerin Probleme. Nicht immer hat die alleinerziehende Mutter den Kopf dafür frei. Dass erwachsene Töchter und Enkel noch im Kriegsgebiet ausharren, zieht die Mittvierzigerin runter. Und der Info-Nachmittag hat sie nicht nur zuversichtlich gestimmt, übersetzt die in Deutschland aufgewachsene Syrerin Rania Kabbazeh.

"Am Anfang war es gut, da hat sie sich gefreut über die neuen Infos. Und als die (Coach-Expertin) dann gesagt hat, Ausbildung nur zwischen 18 und 35 (Jahren), ist in ihr alles zusammengefallen, da hat sie Angst gekriegt, und so: 'ja, jetzt ist aus für mich'. Sie ist 44 Jahre als, so: 'was soll aus mir werden', so ungefähr."

Tapeten voll mit deutschen Vokabeln

In der Krankenpflege gibt es auch ohne Ausbildung in Deutschland Chancen, lässt sich Baisla sagen, das richtet sie auf. Der Link www.anerkennung-in-deutschland.de steht in großen Lettern an der Tafel, da wollen viele in den kommenden Tagen checken, wie sie ihre Schul-, Berufs- und Studienabschlüsse bestätigen lassen können. Muhamad Aloo ist einer derjenigen, der die Examenspapiere vom Französischstudium und einer Tourismus-Fortbildung dabei hat. Keine Selbstverständlichkeit für einen, der aus dem kurdischen Kriegsgebiet in Nord-Syrien kommt.

"Ich habe Tourismus in Syrien gemacht, so ich suche eine Firma, um eine Ausbildung zu machen."

"Sie sind schon auf meiner Liste",

sagt Elisabeth Peters, scheidende Ausbildungschefin bei Eckes-Granini und künftige ehrenamtliche Ausbildungsberaterin in der Verbandsgemeinde Nieder-Olm. Demnächst bringt sie Flüchtlinge und Kammervertreter zusammenbringen. Peters wendet sich an Aloo.

"Ich habe gehört, dass Sie gut Deutsch sprechen, und das seh' ich jetzt. Jetzt im Januar werden Sie auf jeden Fall von mir eingeladen, und ich habe gute Möglichkeiten. Ich weiß das schon."

"Ja, o.k. Und ich kann gut Französisch sprechen."

"Das ist doch super, oder! Deutsch und Französisch, ist doch klasse."

Fließend Arabisch, zusätzlich zur kurdischen Muttersprache außerdem. Der 31-Jährige strahlt. Zuhause – mitten im Dorf Jugenheim – hat er die Wände seiner Männer-WG mit deutschen Vokabeln tapeziert. Die Zukunft hat begonnen.

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