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Interview / Archiv | Beitrag vom 23.05.2008

Jugendrichter fordert neue Ausländerpolitik

Günter Räcke macht Sprachschwierigkeiten für Jugendgewalt verantwortlich

Moderation: Hanns Ostermann

Polizisten führen einen jugendlichen Verdächtigen ab. (AP)
Polizisten führen einen jugendlichen Verdächtigen ab. (AP)

Angesichts der wachsenden Gewaltkriminalität von Jugendlichen hat der Berliner Jugendrichter Günter Räcke eine Diskussion um Ausländerpolitik gefordert und dabei auch das voraussetzungslose Kindergeld infrage gestellt. Zwar gebe es auch deutsche Gewalttäter unter den Jugendlichen, das Gewaltproblem sei aber bei Menschen mit Migrationshintergrund in einer besonderen Weise brisant, betonte der Richter.

Hanns Ostermann: Fangen mit der positiven Nachricht an. Die von der Polizei registrierte Kriminalität in Deutschland, sie geht zurück. Gegenüber 2006 gab es im vergangenen Jahr knapp 20.000 Fälle weniger. Die schlechte Nachricht: Die Gewaltkriminalität unter Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren nimmt weiter zu. Besonders auffällig dabei, immer häufiger kommt es zu gefährlicher oder schwerer Körperverletzung. Wer versagt da? Wie kann die Entwicklung gestoppt werden. Ich möchte darüber mit einem Mann der Praxis im Deutschlandradio Kultur sprechen, Dr. Günter Räcke ist Jugendrichter in Berlin. Guten Morgen, Herr Räcke!

Günter Räcke: Guten Morgen!

Ostermann: Fühlen Sie sich manchmal allein gelassen, wenn Sie aufräumen müssen?

Räcke: Allein gelassen, das will ich so nicht sagen. Es gibt schon auch etliche andere außer uns paar Jugendrichtern, die an dem Problem arbeiten. Aber das Problem ist doch allzu groß, als dass wir es wirklich lösen könnten.

Ostermann: Ganz offensichtlich wirken bestimmte soziale Standards bei uns nicht mehr, und zu denen gehört, Konflikte nicht mit Faust oder Messer auszutragen. Wer versagt da, die Eltern, die Schule?

Räcke: Ja, die Eltern zum großen Teil sicher. Schule? Ja, Schule vielleicht auch, wobei ich glaube, dass Schule die Probleme, die heute auf sie zukommen, auch gar nicht mehr leisten kann. Schule war ja eigentlich mal so mehr gedacht, um normal erzogenen Kindern auch die notwendige Bildung für das weitere Leben zu verschaffen. Mit der Aufgabe, Kinder erstmals zu sozialisieren, ist Schule sicher überfordert. Und diese Aufgabe stellt sich leider relativ oft.

Ostermann: Da forderte Wolfgang Schäuble gestern, jugendliche Gewalttäter müssten rasch und konsequent bestraft werden. Für ihn ist das ein wesentlicher Ansatz. Aber welche Erfahrungen haben Sie gemacht? Wirken Strafen oder lassen die manchen schlichtweg kalt?

Räcke: Das ist natürlich schwer pauschal zu sagen. Strafen wirken schon hin und wieder. Allerdings muss man sich ja auch das Problem wirklich mal insgesamt angucken. Wenn wir es zu tun haben zum Teil mit Kindern, die mit großen Sprachschwierigkeiten kämpfen, die aus Familien kommen, in denen wenig von dem funktioniert, was früher gemeinhin funktionierte an Erziehung, an Werten, an Bildungsstandards. Und wenn diese dann irgendwann strafmündig geworden sind mit 14, und man hat sie dann vor sich, vielleicht sind dann auch noch ein paar Jahre ins Land gegangen mit einer gewissen kriminellen Karriere, das ist auch mit den Mitteln des Strafens vielleicht dann und wann zu machen. Aber das Problem damit zu lösen, das kriegt man nicht hin.

Ostermann: Sie sprechen den Migrationshintergrund an. Spielt der bei uns eine immer stärkere Rolle, und die Gesellschaft ist sich dessen kaum bewusst?

Räcke: Nun spielt er sicher bei mir persönlich eine besonders große Rolle, weil ich für Neukölln mit zuständig bin, und da stellt sich diese Problem natürlich sehr. Ich glaube aber in der Tat, dass das Problem im Wachsen begriffen ist, und da muss dringend was getan werden. Womit ich beileibe nicht sagen will, dass nicht auch Klientel ohne Migrationshintergrund auch ganz oft uns erhebliche Schwierigkeiten bereitet. Aber dieses Problem ist doch in besonderer Weise brisant, glaube ich.

Ostermann: Aber wir stochern da doch offensichtlich im Nebel herum. Was kann denn getan werden? Denn häufig, das war zumindest immer wieder zu hören, bei jugendlichen Straftätern mit Migrationshintergrund übersetzen die zum Teil, die Eltern verstehen kein Deutsch, das heißt, von den Eltern dort ist dann wenig Unterstützung, wenig Hilfe zu erwarten.

Räcke: Ja, dann ist auch eben schon vieles schiefgegangen. Es ist natürlich auch ein Riesenproblem, wenn Kinder mehr oder weniger, ohne ein Wort Deutsch zu können, dann irgendwann mal eingeschult werden, die haben einen Rückstand, der sich kaum aufholen lässt. Die wachsen auch teilweise in einer Welt auf, die sehr anders ist als das, was viele Kinder, die in mehr deutsch geprägten Gegenden aufwachsen.

Und die Gewaltbereitschaft ist auch ein Problem, was vielfach zu Hause eingeübt wird. Man muss viel, viel früher ansetzen. Und zwar muss man wirklich mal, glaube ich, sich anschauen, mit welchen Mechanismen könnten wir arbeiten. Und man darf nicht alleine hingehen und sagen, die Strafjustiz soll es dann irgendwann richten, wenn die 14 sind. Sicher, auch wir können dann und wann was erreichen. Aber wenn man es uns alleine überlassen will, dann wird es nicht funktionieren.

Ostermann: Was wären diese Mechanismen, bei denen Sie sich mehr Aufmerksamkeit wünschten?

Räcke: Ich glaube, es ist ein Vielfaches. Man muss, glaube ich, versuchen, dafür zu sorgen, dass auch die Eltern beispielsweise endlich mal anfangen, hier heimisch zu werden in einer Gesellschaft, in der deutsch gesprochen wird, beispielsweise. Sie müssen auch mal heimisch werden in einem Land, in dem es rechtsstaatliche Prinzipien gibt.

Ich hab neulich einen Fall gehabt, da ist der Anklagte von einem früheren Mittäter, den er mal um Beute geprellt hatte, so hat er glaubhaft berichtet, vor Jahren fast ermordet worden. Er hat der Polizei nichts gesagt, wer der Täter war, die Mutter hat es nicht getan, der Großvater nicht. Die Mutter hat dem Täter angeboten, für die Schulden des Sohnes selber dann aufzukommen. Diese Familie ist in unserem deutschen Rechtsstaat einfach nicht angekommen. Und da, muss man, glaube ich, mal an dem Punkt auch nachdenken, was kann man tun, welche verschiedenen Möglichkeiten könnte es denn geben, um an dem Punkt was zu ändern?

Ostermann: Aber das ist ja das entscheidende Problem. Die Politik ist da bisher überhaupt nicht weitergekommen.

Räcke: Ich denke, man muss sicher mal darüber sprechen, was ist mit Ausländerpolitik, was ist mit verpflichtendem Kindergartenbesuch, vielleicht auch verpflichtende Deutschkurse? Muss eigentlich das Kindergeld voraussetzungslos gezahlt werden? Man muss einfach mal wirklich alle Dinge auf den Tisch legen, die dort irgendwas erreichen könnten.

Ostermann: Da haben Sie sich in diesem Zusammenhang sogar für geschlossene Kinderheime ausgesprochen. Ist das nicht aber auch ein Ausdruck einer gewissen Hilflosigkeit?

Räcke: Ja, gewiss. Nur, wenn Familie versagt und nicht weiterkommt, das muss ja nicht immer die Schuld eines der Beteiligten sein. Manchmal treffen Familien auch Schicksalsschläge, da kann dann keiner was für, die können damit nicht umgehen, und dann muss dem Kind geholfen werden. Nur haben wir vielfach auch mit Kindern dann zu tun, die schon ganz oft weglaufen. Das sind Trebegänger, die treiben sich auf der Straße rum. Und wenn die sich dann entziehen, dann können Sie nichts mehr tun.

Voraussetzung für erzieherische Einwirkung erst mal ist ja, dass der- oder diejenige, mit der man es zu tun hat, dort ist, dass man ihrer habhaft werden kann. Und wenn das nicht anders zu erreichen ist, dann denke ich, muss man auch zu diesem Mittel greifen. Zumindest hat bei den sehr viel jüngeren Kindern dann noch die Chance, mehr zu erreichen, als wenn man noch einige Jahre zuwartet und dann am Ende von der Jugendstrafanstalt das Heil erwartet. Das wird nicht kommen.

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