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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 27.06.2012

Jugendbewegung 1212

Der Legende nach zogen vor 800 Jahren die Kinderkreuzzüge ins Heilige Land

Von Ulrike Rückert

"Der Kinderkreuzzug" - Illustration von Gustave Doré  aus dem 19. Jahrhundert (Gustave Doré)
"Der Kinderkreuzzug" - Illustration von Gustave Doré aus dem 19. Jahrhundert (Gustave Doré)

In großen Scharen ziehen junge Aussteiger durch Europa, eine riesige Demonstration gegen den Machtmissbrauch des Establishments. Sie wollen die Welt retten, mit friedlichen Mitteln und grenzenlosem Glauben an ihre Mission. Es sind keine Blumenkinder, keine Umweltaktivisten und keine Globalisierungsgegner. Man schreibt das Jahr 1212, und die enthusiastischen Kids wollen Jerusalem für die Christenheit befreien. Oder sind sie nur Marionetten skrupelloser Drahtzieher?

"Um Ostern und Pfingsten nahmen in ganz Deutschland und Frankreich - ohne dass jemand sie aufgefordert oder gepredigt hatte, ich weiß nicht, von welchem Geist getrieben - viele Tausend Kinder von sechs Jahren bis zum Mannesalter das Kreuz, obwohl ihre Eltern und Freunde sie zurückhalten wollten. Einige verließen den Pflug, den sie führten, andere das Vieh, das sie hüteten, und eines lief dem andern nach."

Unerhörtes soll sich zugetragen haben im Jahr des Herrn 1212: Kinder seien ausgezogen, um das Heilige Land aus den Händen der Sarazenen zu befreien. Keines erreichte das Ziel. Gab es diesen Kinderkreuzzug wirklich oder ist er eine Legende? Nur karge Hinweise finden sich in Chroniken von Klöstern und Städten:

"In den Städten und Ländern, in die sie kamen, gaben ihnen die Bewohner zu essen."

In Nordfrankreich scharten sie sich um einen Hirten, der sie nach Paris führte. Dort sagte ihnen der König von Frankreich, sie sollten nach Hause gehen, und das taten sie. Vielleicht wanderten aber Gruppen weiter ins Rheinland, wo ein Junge namens Nikolaus Anhänger um sich sammelte. Von Köln aus zogen sie im Juni das Rheintal hinauf, dann über die Alpen nach Italien.

"Wenn sie gefragt wurden, wohin sie gingen, antworteten sie wie aus einem Geiste: Zu Gott."

Im Frühjahr 1212 war Europa in Aufruhr. Papst Innozenz III. hatte, wie in vielen Jahren zuvor, zum Kreuzzug aufgerufen gegen die Sarazenen in Spanien und gegen die ketzerischen Katharer in Südfrankreich. Überall erflehten Bittprozessionen den Sieg für die Kreuzeskrieger. Das heilige Jerusalem aber war seit Jahrzehnten an die "Ungläubigen" verloren. Zwei große Kreuzzüge hatten es nicht zurückgewonnen, und der Papst unternahm keinen neuen Versuch. Doch im August notierte der Bischof von Cremona:

"Ein Kind ist mit einer unendlichen Menge von Armen aus Deutschland gekommen und erklärt, sie würden ohne Schiff das Meer überqueren und Jerusalem zurückerobern."

Den frühen Quellen zufolge nahmen keineswegs nur Kinder an diesem sonderbaren Zug teil. Heute sind sich die Historiker nicht einig, ob er die erste Jugendbewegung der Geschichte war, begleitet von einigen Erwachsenen, oder eine Unternehmung von armen Hirten und Bauern, unter denen sich viele Kinder befanden. Vermutlich entsprang er einer frommen Bewegung, die sich zu dieser Zeit ausbreitete: Gegen die Gier der Amtskirche und der Klöster nach Gold und weltlicher Macht setzte sie das Ideal christlicher Armut. Sie brachte die Bettelorden der Franziskaner und Dominikaner hervor und bewog Adlige wie Elisabeth von Thüringen, in freiwilliger Armut zu leben.

"Viele glaubten wahrlich, dass durch diese Unschuldigen der Herr etwas Großes und Neues wirken würde."

Gott habe den großen Herren den Sieg verwehrt, weil sie sündig waren. Demütig und reinen Herzens würden ihn die Kinder und die Armen erringen, ohne Waffen, mit der Kraft des Glaubens.

"Dies war nicht Gottes Werk!"

Vertreter der Amtskirche verdammten den Zug als gefährliches Exempel von Dummheit und Ungehorsam, angestiftet von teuflischen Mächten. Der Ausgang schien ihnen recht zu geben. Als die Wanderer am 25. August in Genua das Meer erreichten, teilte es sich nicht vor ihnen. Ihr Verbleib ist unbekannt. Manche mögen versucht haben, von Schiffen mitgenommen zu werden, viele haben wohl in den reichen Städten Italiens Arbeit gefunden. Geradezu sadistisch malten sich abgeneigte Chronisten ihr Ende aus: verhungert, ertrunken, in die Sklaverei verkauft oder in Schande heimgekehrt:

"... allein und schweigend, von allen geschmäht, weil viele Jungfrauen die Blüte ihrer Keuschheit eingebüßt hatten."

So rankten sich Legenden um den gescheiterten Kreuzzug der jungen Leute. Was aber damals wirklich geschah, bleibt ein Geheimnis der Geschichte.

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