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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 01.11.2012

Jüdisches Leben in Deutschland nach 1945

Michael Brenner (Hg.): "Geschichte der Juden in Deutschland von 1945 bis zur Gegenwart", C. H. Beck Verlag, München 2012, 542 Seiten

Salomon Korn und sein berühmter Satz "Wer ein Haus baut, will bleiben" ist im Fokus des dritten Teils im Buch. (AP)
Salomon Korn und sein berühmter Satz "Wer ein Haus baut, will bleiben" ist im Fokus des dritten Teils im Buch. (AP)

Michael Brenner liefert mit diesem Buch sozusagen den fünften Band der vom Leo Baeck Institut bis 1945 herausgegebenen "Deutschjüdischen Geschichte in der Neuzeit". Das Werk ist als Gesamtschau zu verstehen, wie jüdischen Leben sich nach dem Holocaust in Deutschland entfaltete.

Die Geschichte der Juden in Deutschland ist lang, und auch nichtdeutsche Juden gehörten immer dazu. Es war eine fruchtbare Geschichte, die auch furchtbare Episoden hatte, bevor sie 1945 durch den nazideutsche Vernichtungswahn zu Ende zu sein schien.

Mit diesem Jahr endete auch die vierbändige "Deutschjüdische Geschichte in der Neuzeit.", das Standardwerk, herausgegeben vom Leo Baeck Institut. Seitdem sind zwar viele Studien erschienen, aber eine Gesamtschau ab 1945 fehlte bisher. Jetzt ist sie da, sozusagen als fünfter Band des Leo-Baeck-Projekts. Unter Federführung von Michael Brenner, Inhaber des Lehrstuhls für Jüdische Geschichte und Kultur an der Universität München, haben acht weltweit renommierte Autoren jahrelang dafür geforscht und über 500 Seiten bestens dokumentierte und aufregende Prosa daraus gemacht.

Vorangestellt ist ein Essay von Dan Diner über den "Cherem", den Bann, unter dem der Neubeginn der jüdisch-deutschen Geschichte stand. Das "Leben auf gepackten Koffern" war keine Metapher für Juden, und die Koffer standen zwischen zwei Stühlen. Der Druck kam von beiden Seiten. Die nichtjüdischen Nachbarn hatten gerade unmissverständlich klargemacht, dass Juden "endgelöst" gehören, und waren nicht erpicht auf die, die überlebt hatten. Für die internationalen jüdischen Organisationen waren Juden, die auf "dem verfluchten Boden" blieben, "parasitäre Charaktere", korrumpiert "von den Fleischtöpfen Deutschlands". Diner erzählt von dem Konflikt - akademisch trocken, aber mit so ergreifenden Details, dass einem der Mut und die Widerstandskraft der Rückkehrer und Neuansiedler schier den Atem verschlagen.

Die vier Teile des Buchs bilden eine Chronik mit Schwerpunkten. Im ersten (Atina Grossmann/Tamar Lewinsky) geht es um die DP-Lager vor allem in der amerikanischen und britischen Zone. Eine Viertelmillion Menschen zumeist aus dem Osten kam hier unter, Schoah-Überlebende und ins Sowjet-Exil Gezwungene. Viele blieben - auch weil die US-Politik jüdisches Leben in Deutschland als demokratischen "Lackmustest" ansah und förderte -, nach dem trotzigen Partisanenmotto "Mir senen do!". Im zweiten Teil (Michael Brenner/Norbert Frei) werden die ersten zwanzig Jahre des neugegründeten Zentralrats lebendig, das allmähliche "Sesshaftwerden" zwischen "Wiedergutmachungs"- und internen Querelen um liberale oder orthodoxe Ausrichtung. Der dritte (Constantin Goschler/Anthony Kauders) schildert die Zeit von 1968 bis 1989, mit dem Generationenwechsel und Salomon Korns berühmtem Satz von 1986: "Wer ein Haus baut, will bleiben." Der vierte Teil (Lena Gorelik/Yfaat Weiss) widmet sich der Migration aus dem Ostblock, die jüdisches Leben in Deutschland wieder neu definierte.

Auch heute lebt in Deutschland wieder eine multi-"nationale" Jewish community mit und ohne Gemeindebindung. Die Koffer sind ausgepackt, das Haus ist solide gebaut. Jetzt kommt es darauf an, dass der Boden, auf dem es steht, solide ist und gepflegt wird - von der nichtjüdischen Mehrheit. Dieses Buch bietet dafür das fundamentale Wissen.

Besprochen von Pieke Biermann

Michael Brenner (Hg.): Geschichte der Juden in Deutschland von 1945 bis zur Gegenwart
C. H. Beck Verlag, München 2012
542 Seiten, geb., 34,00 Euro

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