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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 05.02.2016

Jüdischer Online-Dienst haGalil Seit 20 Jahren eine wichtige Informationsquelle

Von Thomas Klatt

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Gedenken an Izchak Rabin (imago/David Vaaknin)
Gedenken an den 1995 ermordeten israelischen Ministerpräsidenten Izchak Rabin in Jerusalem. (imago/David Vaaknin)

Die Ermordung des israelischen Ministerpräsidenten Izchak Rabin 1995 war auch für die Münchner David Gall und seine Frau Eva Ehrlich ein Schock. Um der Gewalt und dem Hass etwas entgegen zu setzen, gründeten sie den jüdischen Onlinedienst haGalil.

"Ja ich kenne und benutze häufig das Portal. Dass sie schnell erreichbar sind, zuverlässig, gute Informationen und die Richtung ist etwa meine Richtung, eine sachliche konservative jüdische Richtung."

"Na ich benutze sie, wenn ich Nachrichten aus der jüdischen Welt brauche und mit meinem eingeschränkten Computer-Gebrauch wahrscheinlich Zwei- Dreimal in der Woche."

"Es ist eine phantastische Webseite, sehr viele Information, sehr viel über jüdische Tradition, jüdische Geschichte, jüdische Religion, Aktivitäten. Es ist eine phantastische Webside. Man muss natürlich HaGalil unterstützen, ist total wichtig."

Lobende Stimmen von den Rabbinern Joel Berger aus Stuttgart, Andreas Nachama aus Berlin und Edward van Voolen aus Amsterdam. haGalil steht im Hebräischen für "Galiläa". Der Name ist aber auch ein Wortspiel, wurde des Online-Portal doch vor gut 20 Jahren von dem deutschen Juden David Gall gegründet. Gerade in dem damals noch relativ jungen Internet-Medium kursierten immer mehr Fehlinformationen über das Judentum bis hin zu rechtsradikalen Hassbotschaften. Dem wollte Gall etwas entgegensetzen: Objektive Informationen über jüdische Religion, Gebetstexte, Kochrezepte oder Ivrith-Sprachkurse. David Gall war über die ersten Reaktionen damals mehr als überrascht.

"Interessant ist sicherlich, dass wir sehr viele Leute aus dem Ausland haben, zum Beispiel deutsche Juden, die in Amerika leben, und sehr erstaunt sind, so etwas zu finden..."

"Die kommen aber auch sehr oft aus Amerika, alte Leute, die aus Wien ausgewandert sind und fleißig herumserven und dann recht bewegt sind zum Teil, wenn sie auf haGalil stoßen. Und zum Beispiel uns schreiben, dass wir die Ersten sind, die ihnen überhaupt jemals aus Deutschland geantwortet haben."

Tochter Andrea Livnat übernimmt die Redaktion

Doch im vorletzten Jahr erkrankte David Gall schwer. Seine Tochter Andrea Livnat, seit 2002 selbst aktiv bei haGalil, versuchte noch rechtzeitig von Tel Aviv aus nach München zu fliegen.

"Wir dachten, dass wir drüber sprechen, was soll werden mit haGalil, aber dazu ist es nicht mehr gekommen. Großer Schock, auch in praktischen Dingen. Ich hatte ganz viele Passwörter nicht, dadurch dass wir nicht im selben Land gelebt haben, uns kein Büro geteilt haben und es wäre bestimmt schön für ihn zu wissen, dass ich die Sache weiter führe."

Seit 2014 betreibt die Tochter von Israel aus HaGalil weiter. David Galls Motivation und Anspruch war, dass jeder antisemitischen Hetz-Seite im Internet mehrere Seiten von HaGalil entgegenstehen sollten. Heute ist das jedoch nicht mehr so einfach.

"Das wäre das Ideal. Rein technisch, google funktioniert heute so, wenn Deine Webseite nicht auf nem Handy oder Tablet angepasst ist, dann schieben die dich automatisch auf die hinteren Suchmaschinenränge. Das sind so Dinge, die auf der Strecke geblieben sind, dass wir endlich mal nen Relaunch machen."

Was mittlerweile geglückt ist. Nun müssen zig Zehntausende Archivseiten im herkömmlichen HTML-Format smartphone-tauglich gemacht werden. Eine Herkulesaufgabe. Der Server steht weiterhin in Deutschland, mit kleiner finanzieller Unterstützung des dortigen Zentralrates der Juden. Wie in den letzten 20 Jahren lebt haGalil aber vor allem von Spenden und viel ehrenamtlichem Engagement.

"haGalil ist, das war schon immer so, das wissen die meisten Leute nicht, die die Webseite aufrufen, die denken, es gibt Büroräume, es gibt eine große Mitarbeitercrew, das war noch nie so. Jeder von uns hat immer von Zuhause aus gearbeitet. Das spart Kosten. Konkret mein Schreibtisch ist 1,20 Meter breit. Er steht irgendwo in der Wohnzimmerecke hingequetscht. Wir leben davon, dass es ganz viele Autoren gibt, die an uns glauben und uns honorarfrei ihre Artikel zur Verfügung stellen."

Ein Restrisiko bleibt immer

Immer wieder gibt es Rechtsstreitigkeiten wegen strittiger Artikel. Dafür legt Andrea Livnat immer ein kleines Budget zurück, um Anwaltskosten bezahlen zu können. Ein Risiko, das immer auch das Aus der Webseite bedeuten kann. Die nur geringen Werbeeinnahmen decken die Kosten nicht.

"Ich hab ehrlich gesagt ein bisschen die Hoffnung aufgegeben, dass wir ne Möglichkeit finden werden, ne Grundförderung zu bekommen. Wenn überhaupt kann man sich über Projekte finanzieren, aber erstens ist es unheimlich schwierig, Stiftungen vom Nutzen eines Internet-Projektes zu überzeugen. Ich kann nicht verstehen bei den Stiftungen, wenn kein Buch draus wir am Ende, dass es dann nichts wert ist. Dass es nicht förderwert ist."

Dabei kann haGalil bis zu einer Million Seitenaufrufe monatlich aufweisen. Auch 20 Jahre nach seiner Gründung hat haGalil nichts von seiner Bedeutung verloren. Im Gegenteil.

"Jugendliche, ein Schüler, der ein Referat über Zionismus machen muss, der wird sich als Erstes ans Internet klemmen und wird nach den Schlagworten Hertzl, Zionismus suchen und dann kommt er zu uns und dann findet er unser wunderbares Projekt über Grundlagentexte des Zionismus. Solche Projekte würde ich gerne mehr machen, aber es ist immer schwieriger, dafür ne Förderung zu bekommen."

Auf jeden Fall will die 41-jährige Historikerin das Erbe von haGalil fortführen. Denn es geht ja nicht nur um historisches Wissen und das Verwalten des riesigen Online-Archivs, sondern eben auch um aktuelle Fragen und Debatten, ganz im Sinne des Gründers David Gall.

"Es gibt nicht das Judentum und es gibt auch nicht das Israel. Man findet bei uns genau so Positionen der Friedensbewegungen wie offizielle Stellungnahmen von Netanjahu etc., genau so wie man bei uns Ansprachen von liberalen Rabbinern wie auch von Chabad-Rabbinern lesen wird. Das war Davids Anliegen und das ist der Schwerpunkt, den ich weiter setzen werde."

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