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Fazit / Archiv | Beitrag vom 05.04.2011

Jubiläums-"Ring" ohne Wenders

In Bayreuth läuft der Countdown

Von Jürgen Liebing

Das Festspielhaus der Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth (AP)
Das Festspielhaus der Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth (AP)

Nach dem Scheitern der Verhandlungen mit dem Filmemacher Wim Wenders gerät die Festivalleitung auf dem Grünen Hügel unter Druck. Wagners "Ring" 2013 zu inszenieren, bedeutet in den Zeiträumen von Festspielen: morgen. Es handelt sich um insgesamt vier Opern.

"Behüt dich Gott, es wär so schön gewesen,
behüt dich Gott, es hat nicht sollen sein!"


Das ist kein Vers aus einer Wagner-Oper, vielmehr stammt er aus "Der Trompeter von Säckingen", vertont von Victor Ernst Nessler, eher einer seichten Opernschmonzette. Aber dieser Vers passt zu der Meldung, die heute publik wurde: Wim Wenders inszeniert den "Ring des Nibelungen" 2013 in Bayreuth nicht!

Die interessierte Opern-Öffentlichkeit war gespannt, als der Name Wim Wenders fiel. Mancher rümpfte auch die Nase: Wenders und Wagner, wie sollte das zusammengehen? Andere waren positiver gestimmt: Ein versierter Filmemacher, der sich nicht mehr beweisen muss, lässt sich ein auf dieses große Opus und nimmt sich diese Lebenszeit.

Die Skeptiker erinnerten an das gescheiterte Projekt mit dem dänischen Dogma-Filmer Lars van Trier, den noch Wolfgang Wagner für die letzte "Ring"-Inszenierung seiner Ära auserkoren hatte. Aber der hypersensible Filmemacher hatte die Möglichkeiten einer Bühne überschätzt und in seinen Visionen mehr an ein Filmdrehbuch gedacht denn an eine Operninszenierung. Beides unterliegt jeweils eigenen Gesetzen. Spannend, wenn sie sich in die Quere kommen, aber die einen sind nicht einfach auf das jeweils andere Medium übertragbar.

Hat Wim Wenders hier auch schon à la Pina Bausch in 3D gedacht? Und wird hier etwa die Öffnung Bayreuths für die neuen Medien nun den Festspielen selbst zum Verhängnis? Wer in der Vergangenheit in Bayreuth inszenierte, setzte eine Oper in Szene, die im Festspielhaus und nur dort zu sehen war. Der sogenannte "Jahrhundertring" von Patrice Chéreau aus dem Jahr 1976 war da eine Ausnahme und blieb es auch – viele haben ihn nur als Video oder DVD sehen können.

Mit der Einführung des "Public viewing" 2008 hat man die Festspiele für ein neues Publikum geöffnet, und auch die Verbreitung via Internet erlaubt für Wagnerianer in aller Welt quasi ein digitales Festspielerlebnis. Aber das schafft offenbar Begehrlichkeiten bei den Regisseuren. Wenn man für Bayreuth einen Filmregisseur engagieren möchte, dann darf man sich nicht wundern, wenn der filmisch denkt, und das nicht nur, was die Inszenierung anbelangt, sondern auch deren Vermarktung. Also eine Aufführung, die sich nicht den Gesetzen eines Opernhauses unterwirft – in diesem Fall eines besonderen Theaters, das mit seinem unsichtbaren Orchestergraben in gewisser Weise das Filmerlebnis antizipiert – sondern auch den Gesetzen des Filmmarktes gehorcht.

Bayreuth hat nun ein ernstes Problem, denn 2013 ist schon recht bald. In den Zeiträumen von Opernhäusern und Festspielen bedeutet das: Morgen. Hinzu kommt, dass landauf, landab und auch international "Ringe" geschmiedet werden für das Jubiläumsjahr, das heißt: alle renommierten Regisseure sind schon verpflichtet oder haben explizit erklärt, dass sie 2013 keinen "Ring" inszenieren wollen, um sich nicht an dieser Leistungsschau zu beteiligen.

Der Regisseur Stefan Herheim beispielsweise hat nicht weniger als ein halbes Dutzend Angebote für "Ring"-Inszenierungen bekommen und alle abgelehnt. Der Countdown läuft, denn der "Ring des Nibelungen" ist nicht eine Oper, sondern es sind deren vier, und sie sind das Zentrum, für das das Festspielhaus auf dem Grünen Hügel einst errichtet wurde. Einige Intendantenkollegen werden sich vielleicht mit ein wenig Schadenfreude die Hände reiben, weil sie einfach schneller waren.

"Wisst ihr, wie das wird", raunen die Nornen am Beginn der "Götterdämmerung". Dann reißt das Seil. Der Nornen sind drei, auf dem Grünen Hügel sind es nur zwei: Katharina und Eva. Ob sie das Seil neu spinnen können? Wünschen möchte man es ihnen und dem Jubilar. Aber Sorgen sind angebracht.

"Der Trompeter von Säckingen" hat ein Happy End. Die "Götterdämmerung", Schlussteil der Tetralogie "Der Ring des Nibelungen", bekanntlich nicht. Da geht eine alte Welt in Flammen auf. Im Bayreuther Festspielhaus lodert es im Gebälk.

Link bei dradio.de vom 5.1.2011:
Ein Filmemacher für Bayreuth <br> Wim Wenders soll 2013 Wagners Ring des Nibelungen inszenieren

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