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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 27.10.2014

JournalismusProfessionelles Schreiben für lau?

Die Presse schweigt über das Lohndumping der Verlage

Von Sieglinde Geisel

Verschiedene deutsche Tageszeitungen liegen zur Presseschau bereit. (Jan Woitas, dpa)
Der Abdruck in einem großen Blatt steigere den Marktwert des Autors, begründen die Verlage niedrige Honorare für freie Journalisten. (Jan Woitas, dpa)

Medien prangern gern die prekären Arbeitsbedingungen von Künstlern, Musikern und Schriftstellern an. Dass es vielen freien Journalisten nicht besser geht, wird dagegen gerne verschwiegen, kritisiert Sieglinde Geisel.

Seit Jahren ist die Presse nun schon in der Krise, und eine Trendwende scheint nicht in Sicht. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" streicht gerade 200 von 900 Stellen, 40 davon in der Redaktion.

Die Krise trifft Zeitungen und Redaktionen – am stärksten trifft sie freie Journalisten, die vor allem im Feuilleton einen großen Teil der Texte schreiben. Auch in besseren Zeiten bekamen sie kaum je ein Honorar, das in einem Verhältnis zu ihrer Arbeitsleistung und ihrer Qualifikation stand.

Mittlerweile sind die Honorare auf ein Drittel bis ein Viertel des Wenigen geschrumpft, was vor zehn Jahren in der Branche üblich war. Zwischen hundert und zweihundert Euro kann man für einen Artikel mittlerer Länge noch erwarten – mit dem Putzen der Redaktionsbüros würde man mehr verdienen.

Weitverbreitetes Lohndumping

Der Abdruck in einem Weltblatt steigere den Marktwert des Autors, so heißt es zur Rechtfertigung, bisweilen ist auch von Ehre die Rede. In Wahrheit gibt es nur einen Grund für das Lohndumping der Verlage: Die anderen Zeitungen zahlen auch nicht besser.

Die Leserschaft jedoch bekommt davon überraschend wenig mit. Dies mag daran liegen, dass Redaktionen immer noch Erstaunliches leisten. Doch der eigentliche Grund ist weniger rühmlich: Keine Zeitung mag über diese Missstände berichten. In jeder anderen Branche wären solche Arbeitsbedingungen von investigativen Journalisten längst als Skandal angeprangert worden. Doch wo es um die Ausbeutung der eigenen Arbeitskräfte geht, schweigt die Presse.

Die Leitmedien wachen über die Einhaltung der Regeln unserer Gesellschaft – doch gerade sie verletzen diese. Langfristig könnte sich diese Praxis als fatal erweisen: Man kann nicht Worte wie "Reflexion", "Analyse", "Qualitätsjournalismus" im Munde führen und gleichzeitig diejenigen, die all das liefern sollen, mit einem Taschengeld abspeisen.

Qualitätsjournalismus ist nicht billig zu haben

Das beschädigt nicht nur das Selbstbewusstsein der freien Journalisten, es torpediert auch den Status und die Zukunft der Qualitätspresse im Internet: Wie soll bei der Leserschaft so ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass professioneller Journalismus etwas kostet?

Mit dem, was er leisten kann, war er noch nie so spannend wie heute im weltweiten Netz: Man kann hier Texte mit Filmsequenzen und Tonaufnahmen kombinieren, gleichzeitig Geschichten erzählen, die so noch nicht zu finden sind. Selber denken also und Freiluft-Recherche – wie anspruchsvoll und wie wunderbar!

Doch weder von überlasteten Redakteuren noch von demoralisierten Freien ist zu erwarten, dass sie sich enthusiastisch in dieses digitale Abenteuer stürzen.

Vor über 50 Jahren gründeten amerikanische Autoren die "New York Review of Books", während eines Druckerstreiks – ein Krisenprodukt, das sich als erstaunlich krisenfest erwiesen hat. Dank des Internets ist der Start Neuer Medien heute leichter als je zuvor. Ein Magazin auf dieser Plattform muss weder Chefgehälter erwirtschaften, noch eine Infrastruktur für Druck und Vertrieb finanzieren.

 

Sieglinde Geisel, freie Journalistin (privat)Sieglinde Geisel, freie Journalistin (privat)Sieglinde Geisel, 1965 im schweizerischen Rüti/ZH geboren, studierte in Zürich Germanistik und Theologie. Als Journalistin zog sie 1988 nach Berlin-Kreuzberg.
Nach dem Mauerfall schrieb sie Porträts über die Metropolen Ostmitteleuropas und lebte vorübergehend in Lublin (Polen). Für die Neue Zürcher Zeitung war sie von 1994 bis 1998 Kulturkorrespondentin in New York, seit 1999 ist sie es in Berlin. 2008 erschien ihr Buch "Irrfahrer und Weltenbummler. Wie das Reisen uns verändert", 2010 der Band "Nur im Weltall ist es wirklich still".

Mehr zum Thema:

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(Deutschlandradio Kultur, Ortszeit, 30.01.2014)

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(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 15.06.2013)

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