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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 09.01.2016

Joseph McVeigh: Ingeborg Bachmanns Wien 1946 – 1953"Ganz besoffen von Gedichten"

Besprochen von Elke Schlinsog

Die österreichische Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (picture alliance / dpa / Foto: Roland Witschel)
Die österreichische Schriftstellerin Ingeborg Bachmann 1964 nach der Verleihung des Georg-Büchner-Preises (picture alliance / dpa / Foto: Roland Witschel)

Eine ganz neue Ingeborg Bachmann zeigt der US-Germanist Joseph McVeigh in seiner Biografie: Eine junge Schriftstellerin, die den Widrigkeiten des Lebens im Nachkriegs-Wien mit Optimismus, Heiterkeit und Witz trotzt. Und sich allmählich als Künstlerin durchbeißt.

Leben und Werk der österreichischen Autorin Ingeborg Bachmann sind immer für eine Überraschung gut, vor allem, wenn unbekannte Schriften aus dem verstreuten Nachlass der Autorin auftauchen. Vor fünf Jahren war es das "Kriegstagebuch" mit Briefen der Autorin an den britischen Soldaten Jack Hamesh, die der ausgewiesene Bachmann-Kenner Hans Höller herausgab. Ein Jahr darauf waren es verschollen geglaubte Radioskripte der Autorin für die in den Fünfzigerjahren populären Soap-Opera "Die Radiofamilie", die Joseph McVeigh in den Archiven des ehemaligen Wiener Radiosenders Rot-Weiß-Rot fand. Nun will der amerikanische Germanist weiter den Schleier um Ingeborg Bachmanns Wiener Jahre lüften. "Ingeborg Bachmanns Wien 1946 – 1953" heißt sein Portrait der 19-jährigen Philosophiestudentin und angehenden Schriftstellerin, die aus ihrer Geburtsstadt Klagenfurt über Innsbruck und Graz für sieben Jahre nach Wien kam.

Bachmann schreibt Artikel, Filmkritiken - und posiert als Mannequin

Um ihren Wiener Jahren Farbe zu geben, macht Joseph McVeigh das einzig Richtige: Er geht die vernachlässigten Quellen der Wiener Zeit noch einmal Stück für Stück durch, Briefe ebenso wie Ingeborg Bachmanns weitgehend unbekannte Texte für Wiener Kulturzeitschriften. In immer engeren Kreisen zieht McVeigh Bachmanns Spur im Nachkriegswien, das alles andere als die Stadt ihrer Träume war. Vielmehr skizziert er eine zerstörte Donaumetropole in Hungers- und Wohnungsnot, voller Flüchtlingsströme, in der sich die junge Studentin ernsthaft durchbeißen muss, emsig Bittbriefe an mögliche Mentoren schreibt und sich redlich bemüht, im Journalismus Fuß zu fassen. Sie schreibt Artikel, Filmkritiken und posiert gar für eine Illustrierte als Mannequin. Erst über viele Umwege findet Bachmann Anschluss zur Literatenszene im Wiener Café Raimund, lernt Paul Celan, Ilse Aichinger, Milo Dor und ihren Förderer Hans Weigel kennen und veröffentlicht ihre ersten Gedichte und Erzählungen. 

Joseph McVeigh hat gründlich in den zum Teil noch unveröffentlichten Briefwechseln ihrer Wiener Weggefährten recherchiert, sodass man Bachmann neu entdecken kann. Als junge euphorische Dichterin, die manchmal "ganz besoffen ist von Gedichten und irgendwas, das noch nicht herauskommt und kein Gesicht hat" oder einfach als routinierte Verhandlerin um ein Darlehen für ihr erstes Romanprojekt, wofür sie gleich mehrere private Geldgeber gewinnen konnte. Wir lesen auch Privates, Ungefiltertes - natürlich darf auch das Liebesverhältnis zu Hans Weigel und zu Paul Celan nicht fehlen, mit allem Hin und Her.

"Ich krieg schon wieder Nachlassangst"

Das Überraschende an dem Buch aber ist, dass man in den vielen zitierten Briefen und Texten aus dieser Zeit kaum noch eine Spur der durch den Krieg zerstörten Kindheit und Jugend entdeckt, von der in der Bachmann-Literatur so oft die Rede ist. Im Gegenteil: Die junge Bachmann trotzt den widrigen Umständen mit Optimismus, Heiterkeit und Witz. Einen herrlichen Spaß hat sie daran, ihre Liebesbriefe an Hans Weigel mit einem Augenzwinkern auf die Nachwelt zu kommentieren: "Ich krieg schon wieder Nachlassangst", nicht dass "irgend so ein windiger Dissertant" Scharmloses über uns an die Öffentlichkeit bringt. Auch diese heitere Ingeborg Bachmann, die in ihren Wiener Jahren über Hexenschuss und Horoskope plaudert oder als Mannequin posiert, findet man auch in ihren späteren, dunklen "Todesarten"-Texten wieder. Nun muss Wien nicht gleich als "Brutstätte für Bachmanns Werk" gelten, wie McVeigh es sieht, aber das Leichte und Unbeschwerte hat hier seinen Grund.

Joseph McVeigh: Ingeborg Bachmanns Wien 1946 – 1953
Suhrkamp, Berlin 2016
320 Seiten, 24,95 Euro

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