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Tonart | Beitrag vom 25.01.2016

Jonathan Meiburg von ShearwaterEin Indie-Rocker, der Vögel liebt

Jonathan Meiburg von Shearwater (Promo / Sub Pop / Sarah Cass)
Jonathan Meiburg von Shearwater (Promo / Sub Pop / Sarah Cass)

Eigentlich wollte Jonathan Meiburg im Fachbereich Ornithologie promovieren. Doch für die musikalische Karriere mit seiner Band Shearwater musste er seine akademische Laufbahn opfern. Immerhin: Auf Tour hat der Indie-Rocker sein Fernglas dabei.

"Für mich ist alles Teil eines Prozesses, egal ob ich nun Musik mache, ob ich die Natur studiere oder eben Vögel beobachte. Es geht darum, das Leben in einem größeren Zusammenhang zu sehen. Dazu darf man die Dinge nicht immer nur aus der eigenen Warte betrachten oder überhaupt aus einer menschlichen Warte. Wenn man es schafft, sich von der eigenen Existenz zu lösen, dann bekommt man eine völlig neue Perspektive - und man erreicht eines Tages vielleicht so etwas wie Weisheit. Das ist für mich der Sinn des Lebens – und das versuche ich mit allen Mitteln – auch mit der Musik."

Ein Gespräch mit Jonathan Meiburg ist ein besonderes Erlebnis: Eigentlich ist der Mann ja hier in Deutschland, um Werbung zu machen für sein neues Album - doch das scheint ihn gar nicht so sehr zu interessieren. Viel lieber spricht er über andere Dinge: Über Literatur, über Kunst und Politik, über den Sinn des Lebens - und immer wieder über Vögel.

Seine Leidenschaft für die Ornithologie ist geradezu ansteckend. Meiburg liebt es, Parallelen zu ziehen zwischen dem Vogelreich und den Menschen. Kein Wunder also, dass er auch seine Band nach einem Vogel benannt hat: Nach dem Great Shearwater, dem Großen Sturmtaucher

"Der Shearwater ist ein ziemlich einfacher Vogel, aber ich finde ihn trotzdem schön. Was ich gar nicht wusste, damals, als wir die Band gegründet haben: Diese Vögel können riesige Entfernungen überwinden, sie fliegen sogar weiter als die Küstenseeschwalben, und sie sind sehr langlebig. Wenn man sich das mal überlegt: weite Wege und ein langes Leben - das sind doch eigentlich keine schlechten Vorzeichen für eine Band. Einen weiten Weg haben wir schon zurückgelegt, mal sehen ob das mit dem langen Leben auch zutrifft."

Abschied vom Doktor in der Ornithologie

In den USA sind Shearwater in den vergangenen Jahren immer bekannter geworden. Mit ihrem melodischen Folkrock schafft es die Band, auch größere Hallen zu füllen und ihre Alben erscheinen mittlerweile beim Label Sub Pop, der Heimat von Bands wie Nirvana, Soundgarden und den Fleet Foxes. Für Jonathan Meiburg hat dieser Erfolg zwei Seiten: Auf der einen Seite kann er endlich von der Musik leben, auf der anderen Seite aber musste er sich von dem Traum verabschieden, einen Doktor in der Ornithologie zu machen

"Meine akademische Karriere habe ich schließlich aufgegeben, weil mir klar wurde, dass ich sonst mit der Musik hätte aufhören müssen. Und das wollte ich nicht. Ich kann mich noch erinnern, wie ich damals meinen Doktorvater angerufen habe, von einer Autobahnraststätte in Oklahoma, wo wir gerade auf Tour waren. Ich sagte ihm, dass ich die Doktorarbeit nicht fertig schreiben könne und dass ich lieber Musik machen wollte – und er war sehr nett. Er ist sogar später bei einem unserer Konzerte aufgetaucht, um mir zu sagen, ich hätte die richtige Wahl getroffen. Ich hätte ihn küssen können!"

Wenn jemand so viel über Vögel nachdenkt wie Jonathan Meiburg, dann sollte man denken, dass diese Leidenschaft auch in der Musik ihren Ausdruck findet. Doch fröhliches Gezwitscher und eifriges Flügelschlagen sucht man in den Songs von Shearwater vergeblich. Stattdessen dominieren auf "Jet Plane and Oxbow" Gitarren, sphärische Keyboard-Klänge und hin und wieder auch sparsam einsetzte Samples und Loops.

"Keine Songs über Vögel"

"Auf einer unserer letzten CDs, 'Golden archipelago', ist ganz am Anfang eine Aufnahme vom Bikini Atoll mit drauf. Da singen die Inselbewohner ihre Nationalhymne. Diese Aufnahme stammte aber nicht von mir. Ansonsten versuche ich das meist zu trennen, Musik und irgendwelche field recordings. Also wir nehmen keine Vogelstimmen mit auf unsere CDs und ich schreibe auch keine Songs über Vögel. Was mir wichtig ist, das ist der Sound und die Struktur eines Songs. Darauf verwenden wir eine Menge Zeit und da arbeiten wir ganz genau an jedem Detail."

Im Februar kommen Shearwater mit ihrer neuen CD auf Tour nach Europa. Sein Fernglas wird Jonathan Meiburg dann mit dabei haben, denn wenn mal kein Auftritt ansteht, dann geht er gerne in den Wald und schaut, was die Vögel in anderen Ländern so treiben. Und er arbeitet an seinem ersten Buch. Ein Roman soll es werden – so viel steht schon fest: die Entwicklungs-Geschichte des südamerikanischen Kontinents in den letzten zehntausend Jahren, erzählt aus der Perspektive eines Geierfalken.

Mehr zum Thema:

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Tonart

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