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Tonart | Beitrag vom 06.01.2016

Jon Savage: "1966"Das Jahr, als die Popmusik explodierte

Jon Savage im Gespräch mit Oliver Schwesig

Die Mitglieder der britischen Rockgruppe Rolling Stones (l-r) Brian Jones, Mick Jagger, Keith Richards, Bill Wyman und Charlie Watts in ihrer Gardrobe vor einem Auftritt im Circus Krone-Bau in München am 14.9.1965. (picture alliance / dpa / Gerhard Rauchwetter)
Die Rolling Stones auf ihrem Weg ins Jahr 1966: Protagonisten eines gesellschaftlichen Umbruchs (picture alliance / dpa / Gerhard Rauchwetter)

In seinem neuen Buch beschreibt der Kulturwissenschaftler Jon Savage das Jahr 1966 als das wichtigste in der Entwicklung von Popmusik und -kultur überhaupt. Diese sei damals förmlich explodiert. Ergebnis: Unerhörte Innovationen und jede Menge Aufruhr.

Oliver Schwesig: Warum haben Sie sich gerade das Jahr 1966 herausgesucht? Was war an diesem Jahr so besonders?

Jon Savage: Ich habe mir das Jahr ausgesucht, weil ich nun mal über das Jahr 1966 schreiben wollte. Hätte ich über 1965 oder 1967 schreiben wollen, hätte ich das auch gemacht. Aber im Ernst: Ich versuche in meinem Buch zu erklären, dass 1966 ein Jahr voller Spannungen war – und in gewisser Weise auch der Höhepunkt der Sechziger. Es war der Wendepunkt des Jahrzehnts. Das hat es für mich spannend gemacht: Weil in dem Jahr eine große Dialektik steckt und viele Widerstände spürbar werden.

Schwesig: Sie sagen, dass die Jugend und auch die Musiker die Welt um sie herum hinterfragen. Warum wurde das Jugend- und Popgeschehen der 60er bis zu dem Zeitpunkt da plötzlich hinterfragt?

Savage: Das lag, erstens, an einer großen Erfolgswelle der Musik, zweitens an Drogen und, drittens, besonders in den USA, am Vietnamkrieg. Es steckte zu der Zeit viel Geld in der Musikindustrie, was größtenteils auf den Erfolg der Beatles zurückzuführen war. Und dann gab es eine Jugendkultur, und eben den Vietnam-Krieg: In all den Jahren des Vietnam-Kriegs waren die Eskalationen von 1966 die schwerwiegendsten.

Schwesig: Es gab auch bei den Musikern eine Abkehr von kommerziellem Love-Song hin zu mehr  sozialkritischeren Songs, auch rebellischeren Songs. Einige besondere haben Sie herausgepickt in Ihrem Buch. Und über einen ganz besonderen will ich jetzt sprechen: "19th Nervous Breakdown" von den Stones. Wie wird diese Zeitenwende, die Sie beschreiben, von 1966 in diesem Song reflektiert?

"19th Nervous Breakdown": Wahnsinn und Instabilität

Savage: "19th Nervous Breakdown" ist deshalb sehr interessant, weil sich darin die ersten Darstellungen von Wahnsinn, wenn nicht Instabilität, abzeichneten. Es ist außerdem eine sehr merkwürdige und vor allem sehr schnelle Aufnahme. Darin spiegelt sich auch das Tempo in der Popmusik der 1960er. Zu der Zeit haben die Leute drei bis vier Singles pro Jahr rausgebracht, zusätzlich noch zwei Langspieler, eventuell noch eine EP. Außerdem waren sie ständig auf Tour. Es war ein schon fast lächerlich hohes Tempo, und die Musiker litten bald unter Erschöpfungserscheinungen. Darüber hinaus waren die Rolling Stones 1966 einfach sehr präsent.

Schwesig: Es gab auch einen Wandel auf der musikalischen Landkarte. London verlor langsam seine Pop-Vormachtstellung an New York und Los Angeles zum Beispiel. Woran lag denn das? Haben amerikanische Popmusiker schneller auf  die  neuen Veränderungen reagiert?

Savage: Ich denke einfach, dass das Swinging London, diese kulturelle Szene, von der man ja sprach, 1966 schon wieder am Ende war. Darüber hinaus hatten viele amerikanische Musiker längst von den Beatles und den Rolling Stones gelernt und traten jetzt mit ihrer eigenen musikalischen Antwort auf den Markt. Das fing schon 1965 mit den Byrds an und ging dann 1966 weiter. Und dann ist noch das ökonomische Klima wichtig: das viele Geld, das in der Musikindustrie steckte. Die Leute in Los Angeles versuchten damals wirklich alles, um zum Zentrum der Musikindustrie zu werden – zum Beispiel mit Bands wie den Mamas and the Papas, später mit den Monkees. Und natürlich gründete sich auch gerade die Musikszene in San Francisco.

Schwesig: Die schwarze Musik machte ja auch einen interessanten Wandel durch zu der Zeit. Soul und R&B gab es vorher auch schon, aber Sie argumentieren nun in Ihrem Buch, schwarze Musik konnte sich 1966 befreien von der institutionalisierten Rassentrennung. Woran lag denn das?

Motown setzte auf seine Weise die Forderungen von Malcolm X um

Savage: Ich denke, das  liegt wieder am Erfolg. Der Marktführer für Soul war damals das Label Motown, das versuchte, sich dem Markt anzugleichen und damit unglaublich erfolgreich war. Motown hatte gleich mehrere Nummer-eins-Hits in 1966. Ich glaube, insgesamt waren es etwa 22 Top-Twenty-Hits. Auf gewisse Weise hat das Label mit seinem Ansatz Forderungen von Leuten wie Malcolm X umgesetzt – wenngleich weitaus weniger konfrontativ. Malcom X forderte, dass Schwarze ökonomisch selbstbestimmt handeln können sollten, und Label-Gründer Berry Gordy versuchte das umzusetzen. Um diesen Erfolg zu erreichen, haben er und Motown natürlich nicht viel über die Civil Rights sprechen dürfen.

Schwesig: Aus heutiger Sicht: Wie hat sich denn die Zeitenwende von damals, der Geist von damals, weiter gewirkt auf die Jahre danach aus Ihrer Sicht?

Savage: Was sich 1966 ereignete, war das Ende der Single. Schon im nächsten Jahr verkauften sich Alben besser als Singles. Die Drogenkultur führte dazu, dass die Musiker mehr ausprobierten und vielleicht auch ein bisschen zügellos wurden. Es gab außerdem viele Stile und Nischen – was gut für das Album als Tonträger war. Es formten sich Gegenkulturen, was bedeutete, dass Jugendliche ihre eigenen Werte entwickelten und gegenüber herrschenden Vorstellungen ausdrücken konnten – etwa in Form von Protesten. Und außerdem war es ein Jahr, in dem Freiheit ganz wichtig war. Es gab außerdem Entwicklungen in der Bürgerrechtsbewegung, genauso in der Frauenrechtsbewegung und Entwicklungen in der Schwulenbewegung, die jedoch noch immer weitgehend im Dunkeln liegen.

Jon Savage: 1966 - The Year, the Decade Exploded
Faber & Faber, Leipzig 2016
620 Seiten, 20,95 Euro

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