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Fazit / Archiv | Beitrag vom 01.04.2009

"John Rabe"

Hans-Ulrich Pönack über einen Film, der Humanität gegen Waffen setzt

Der Film setzt einem deutschen Kaufmann ein Denkmal. John Rabe wurde 1937 in der damaligen chinesischen Hauptstadt Nanking von der japanischen Besetzung der Stadt überrascht. Mutig rettete er über 200.000 Chinesen das Leben. Ulrich Tukur spielt die Rolle seines Lebens in dieser mit Pathos inszenierten Geschichte.

Deutschland 2007, Regie: Florian Gallenberger, Hauptdarsteller: Ulrich Tukur, Dagmar Manzel, Steve Buscemi, ab zwölf Jahren

Florian Gallenberger, Münchener Filmemacher des Jahrgangs '72, studierte an der HFF München von 1992 bis 1998. Für seinen Abschlussfilm "Quiero Ser" erhielt er 2000 den Studentenfilm-"Oscar" und 2001 Kurzfilm-"Oscar". Sein Debüt-Spielfilm "Schatten der Zeit" von 2004, eine deutsche Co-Produktion, entstand mit einem Budget von 17 Millionen Euro während des Zeitraums Oktober 2007 bis Februar 2008 in China. Nach der Kino-Auswertung erfolgt die TV-Ausstrahlung als ZDF-Zweiteiler.

"John Rabe" basiert auf dem gleichnamigen, 1997 veröffentlichten Buch, herausgegeben von Erwin Wickert (1915-2008), dem Vater des Journalisten und Ex-"Tagesthemen"-Moderators Ulrich Wickert. Erwin Wickert war von 1976 bis 1980 deutscher Botschafter in China und "entdeckte" in den 90er Jahren die Tagebücher von John Rabe. Die "New York Times" titelte: "John Rabe ist der Oskar Schindler Chinas."

Geboren 1882 in Hamburg, lebte John Rabe von 1908 bis 1938 in China, in der damaligen Hauptstadt Nanking (= 29 Jahre, 142 Tage/zu Filmbeginn), als Chef der dortigen Siemens-Vertretung. Zur Historie: 1931 besetzten japanische Truppen den Norden Chinas, riefen den Staat Manchukuo aus, der letzte chinesische Kaiser wurde formal als Machthaber eingesetzt, war politisch eine japanische Marionette. 1937 erobern die Japaner, als Verbündete mit Nazi-Deutschland, Schanghai, das Handelszentrum des freien Südens, im Sommer fällt Schanghai. Mit dem Vorstoß auf Nanking setzt die Filmhandlung ein.

Mitten hinein in seine Abschiedsrede erfolgt der Angriff der Japaner. Rabe, der nach Deutschland zurückbefohlen wurde, sind Land, Leute und seine Aufgabe ans Herz gewachsen, er verlässt nur ungern seine zweite Heimat. Doch die Invasion der Japaner verhindert auf dramatische Weise seine Abreise und die Fabrik-Übergabe an einen strammen Nazi-Bonzen namens Fließ. Rabe, Parteimitglied der NSDAP, ist ein Patriarch alter Schule. Motto: Strenge Hand und Anstand sind für ihn selbstverständlich. Der Kapitänssohn lässt, gegen den ausdrücklichen Willen des Parteifreundes Fließ, die Tore des Firmengeländes öffnen, um die schutzsuchenden Familien seiner Mitarbeiter in Sicherheit zu bringen. Zugleich lässt er auf dem Hof eine riesige Nazi-Fahne ausbreiten, unter der sich alle verstecken können. Und tatsächlich: Die Japaner hören, als deutsche Verbündete, umgehend mit ihren kriegerischen Attacken auf ("Wir sind hier bombensicher", meint Rabe sarkastisch).

Viele Ausländer verlassen daraufhin Nanking. Die Verbliebenen gründen eine Internationale Schutzzone für die Zivilbevölkerung: Auf rund vier Quadratkilometern suchen über 200.000 Menschen Schutz. Rabe wird Vorsitzender des Komitees, öffnet ebenso sein Haus und sein Grundstück für die Flüchtlinge, gibt privates Geld für den Reiskauf aus und wächst – eigentlich wider Willen, aber mit charakterlichrer Festigkeit – in die Rolle eines Menschenretters hinein, der den japanischen Invasoren Paroli bietet, wo er nur kann und der die täglichen Gräuel-Ereignisse in seinem Tagebuch notiert. Denn die Japaner wollen niemand gefangen nehmen, sondern so viele Chinesen wie möglich einfach abschlachten. Dies sei schließlich "ein Ausdruck von Stärke", heißt es diesbezüglich aus Militärführerkreisen. Plünderungen, Vergewaltigungen und Exekutionen sind an der fürchterlichen Tagesordnung. Und irgendwann stehen die Soldaten schließlich auch vor den Toren der Internationalen Schutzzone und wollen auch hier "Klar Schiff" machen.

Der Film "John Rabe" ist keine nüchterne Geschichtschronik, sondern ein filmisches Denkmal über einen bislang "unbekannten Helden". Als großes, bitteres, überzeugendes Emotions- wie Gedanken-Kino. Thema: Über Mut, Zivilcourage, Menschsein in unmenschlichsten Zeiten. Motto: Humanität gegen Waffen. Auf der einen Seite zeigt er die unvorstellbare Grausamkeit der Okkupanten gegenüber der einheimischen Bevölkerung, auf der anderen Seite nähert er sich behutsam und ohne Schönfärberei diesem "merkwürdigen Nazi", der keineswegs ein bewusster Widerständler war, sondern ein "braver deutscher Nazi", der naiv an Hitler schreibt und um dessen humanitäre Hilfe bittet.

Rund eine Viertelmillion Menschen haben er und seine wenigen Verbündeten damals vor dem Tod gerettet, kein Wunder, dass für die Chinesen John Rabe (1882, Hamburg – 1950, Berlin) bis heute ein Held ist, als "lebender Buddha" verehrt wird.

Großes Kino: Geschichte, Action, Aufwand, Ausstattung, Emotionen zuhauf. Und ein Hauptakteur in der Rolle seines Lebens: Der 51-jährige Ulrich Tukur ("Das Leben der Anderen") ähnelt dem tatsächlichen Rabe sehr, mimt mit Glatze, Oberlippenbärtchen und Rundbrille glaubwürdig einen Mann, der an seiner Aufgabe wächst und sie konsequent "durchzieht". Tukur als faszinierender Charakterdarsteller: Stets unaufdringlich, sensibel, glaubhaft in der gespaltenen Seele und in den menschlichen Brüchen. Dank seines Vermögens, mit winzigen Andeutungen und spannender Körpersprache viel mitzuteilen, wird das direkte Nebeneinander von Unmenschlichkeit und Menschlichkeit deutlich wie fassbar.

Dagmar Manzel als Ehefrau, dazu die Französin Anne Consigny ("Schmetterling und Taucherglocke") und der Amerikaner Steve Buscemi ("Interview"), eine Reihe chinesischer und japanischer Schauspieler sowie eine große Anzahl chinesischer Statisten lassen den Film zu etwas Besonderem werden. Er wurde inzwischen für sieben "Deutsche Filmpreise" nominiert und gilt – verdientermaßen – als Top-Favorit für die wichtigsten "Lolas" 2009, die am 24. April vergeben werden.

Filmhomepage "John Rabe"

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