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Feiertag / Archiv | Beitrag vom 02.06.2013

Johannes XXIII. - Erinnerung an einen guten Bekannten

Von Stefan Förner, Berlin

Papst Johannes XXIII. (AP Archiv)
Papst Johannes XXIII. (AP Archiv)

Angeblich sollte er nur eine Zwischenlösung sein, als er mit 77 Jahren als Johannes XXIII. aus dem Konklave hervorging. Aber vermutlich fängt damit schon die Legendenbildung um Papst Johannes XXIII., den Bauernsohn Angelo Guiseppe Roncalli an. Jedenfalls handelte er nicht so, im Gegenteil: Spätestens seit seiner Einladung zum Zweiten Vatikanischen Konzil war klar, dass er auch als Papst nicht untätig abwarten würde. 50 Jahre nach seinem Tod beschäftigen wir uns nicht nur in der katholischen Kirche mit seinem Erbe.

Auch Papst Johannes XXIII wäre beinahe zurückgetreten. Auf dem Konzil von Konstanz hatte er es jedenfalls vollmundig angekündigt und sich von allen für seine Demut feiern lassen. Seine einzige Bedingung damals im Jahr 1415: die beiden anderen Päpste – einer in Rom und einer in Avignon – sollten es ihm gleich tun. Denn Johannes war nur einer von drei Päpsten gleichzeitig, eine Katastrophe für die katholische Kirche!

Nach einer Lösung des großen abendländischen Schismas hatte man schon seit Jahren vergebens gesucht und die Wahl von Johannes XXIII hatte das Dilemma sogar noch vergrößert: ein Papst in Rom, einer in Avignon und Johannes als der dritte. Als es dann beim Konzil von Konstanz zum Schwur kam, wollte er doch lieber Papst bleiben. Die eigene Eitelkeit war ihm wichtiger als die Einheit der Kirche: Hals über Kopf floh Papst Johannes aus Konstanz, was ihm aber nichts half. Er wurde gefangen genommen und schließlich abgesetzt. Das abendländische Schisma wurde mit der Wahl von Papst Martin V. dennoch beendet.

Das ist ziemlich genau 600 Jahre her. Als der Johannes XXIII, um den es heute morgen gehen soll, 1958 zum Papst gewählt wird, fällt er mit der Wahl seines Namens und vor allem seiner "Nummer 23" eine weitreichende Entscheidung: Er wirft damit den Johannes XXIII von 1415 kurzerhand aus der Liste der Päpste raus. Seitdem ist endgültig, was Historiker teils so teils anders bewertet hatten: der erste Johannes XXIII war kein Papst. In verschiedenen Papstlisten stand er ohnehin nur mit Fragezeichen drin, jetzt ist er endgültig raus und steht nur noch als "Gegenpapst" im Lexikon.

Schon bei der Wahl seines Namens hätte man aufmerksam werden können auf Johannes XXIII: Nach vier Mal Pius in einem Jahrhundert kommt er auf einen Namen zurück, den vor ihm 500 Jahre kein Papst mehr für sich gewählt hat. Er bezieht sich auf eine der schwierigsten Zeiten der katholischen Kirche, erinnert damit an eine der größten Krisen der Kirche und natürlich auch daran, dass die Päpste selbst daran nicht unschuldig waren. Mit der Wahl dieses Namens setzt Johannes XXIII auch ein Thema: die Einheit der Kirche, die allen Christen, für die katholische Kirche dem Papst allen voran, aufgegeben ist. "Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast" (Joh 17,21), so spricht Jesus im sog. "Hohepriesterlichen Gebet", gewissermaßen dem Vermächtnis Jesu im Johannes-Evangelium, dem Papst Johannes sich in besonderer Weise verpflichtet fühlt, wie man später wissen wird. Im Nachhinein hätte man es damals schon wissen können, dass dieser Papst keine Zwischenlösung sein wird, als er mit 77 Jahren aus dem Konklave hervorgeht. In diesem Jahr, 50 Jahre nach Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils ist er jedenfalls wieder in aller Munde. Die Beschäftigung mit dem, was er mit der Einladung zum Konzil angestoßen hat, ist noch lange nicht zu Ende.

In meinem Büro hängt ein Bild, das ich schon lange kenne: Es hing bei meinem Onkel im Arbeitszimmer oder auch im Wohnzimmer, je nach dem, wo im Pfarrhaus der beste Platz dafür war. Mein Onkel war katholischer Pfarrer und auf dem Bild ist Johannes XXIII zu sehen. Es ist eine ziemlich große Fotografie, der Papst steht vor so einer Art Gobelin oder Wandbehang, er blickt direkt in die Kamera und nestelt mit einer Hand an seinem Brustkreuz herum. Es ist das einzige Erbstück von meinem leider mittlerweile verstorbenen Onkel, aber ich hätte auch gar kein anderes gewollt. Es sagt ganz viel aus über meinen Onkel und wie dieser Johannes sein Leben und am Ende auch meines ganz grundlegend geprägt hat. Mein Onkel war kein Papst, kein Bischof, eigentlich nur ein einfacher Land- und am Ende sogar Stadtpfarrer in Franken. So lange ich ihn kenne – und ich bin zwei Jahre jünger als das Konzil, dessen 50-jähriges Jubiläum wir in diesem Jahr begehen – so lange kenne ich auch das beschriebene Foto. Als Kind habe ich mich immer gefragt, warum der denn so dick ist und lange Zeit wusste ich natürlich nicht, um wen es sich da handelt. Aber im Nachhinein weiß ich: dieses Foto war für meinen Onkel nicht nur eine passende und originelle Abwechslung an der weißen Wand, es war sein Programm. Wenn mit der Wahl eines neuen Papstes in den Sakristeien natürlich das Bild des neuen Papstes gegen das seines Vorgängers ausgetauscht werden musste, blieb Johannes bei meinem Onkel an der Wand hängen, schon allein deshalb kann ich mit Fug und Recht behaupten: Johannes ist für mich ein alter Bekannter, er gehört fast zur Familie.

Was mein Onkel an Johannes so besonders schätzte, war seine Nähe zu den Menschen und seine Gelassenheit. Und die brauchte er vermutlich ganz dringend. Man muss sich das mal vorstellen: mit 77 Papst zu werden, dann ein Konzil einzuberufen mit mehr als 2.000 Teilnehmern, wissend, dass es nicht ohne Streit und Debatten abgehen wird. Das geht gar nicht ohne eine extra Portion Gelassenheit:

Nur für heute werde ich mich bemühen, einfach den Tag zu erleben - ohne alle Probleme meines Lebens auf einmal lösen zu wollen.

Nur für heute werde ich größten Wert auf mein Auftreten legen und vornehm sein in meinem Verhalten: Ich werde niemanden kritisieren; ja ich werde nicht danach streben, die anderen zu korrigieren oder zu verbessern... nur mich selbst.

Nur für heute werde ich in der Gewissheit glücklich sein, dass ich für das Glück geschaffen bin ... nicht nur für die andere, sondern auch für diese Welt.

Nur für heute werde ich mich an die Umstände anpassen, ohne zu verlangen, dass die Umstände sich an meine Wünsche anpassen.

Nur für heute werde ich zehn Minuten meiner Zeit einer guten Lektüre widmen. Wie die Nahrung für das Leben des Leibes notwendig ist, ist die gute Lektüre notwendig für das Leben der Seele.

Nur für heute werde ich eine gute Tat vollbringen - und ich werde es niemandem erzählen.

Nur für heute werde ich etwas tun, wozu ich keine Lust habe. Sollte ich mich in meinen Gedanken beleidigt fühlen, werde ich dafür sorgen, dass niemand es merkt.

Nur für heute werde ich ein genaues Programm aufstellen. Vielleicht halte ich mich nicht genau daran, aber ich werde es aufsetzen. Und ich werde mich vor zwei Übeln hüten: vor der Hetze und vor der Unentschlossenheit.

Nur für heute werde ich keine Angst haben. Ganz besonders werde ich keine Angst haben, und mich an allem freuen, was schön ist. Und ich werde an die Güte glauben.

Nur für heute werde ich fest daran glauben – selbst wenn die Umstände das Gegenteil zeigen sollten – , dass die gütige Vorsehung Gottes sich um mich kümmert, als gäbe es sonst niemanden auf der Welt. Nimm dir nicht zu viel vor. Es genügt die friedliche, ruhige Suche nach dem Guten an jedem Tag zu jeder Stunde, und ohne Übertreibung und mit Geduld.


"Nur für heute", so beginnen die "Zehn Gebote der Gelassenheit", wie man diese zehn Vorsätze genannt und zusammengefasst hat. "Nur für heute" ist also das, was sie verbindet, es ist aber vielleicht sogar das Entscheidende und das so besonders sympathische an diesen Sätzen: Johannes XXIII hat keinen Fünfjahresplan aufgestellt, er hat keine ambitionierten Neujahrs-Vorsätze verkündet, die oft schon zu Dreikönig Makulatur sind, er hat es sich für heute vorgenommen.

Seht euch die Vögel des Himmels an: Sie säen nicht, sie ernten nicht und sammeln keine Vorräte in Scheunen; euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht viel mehr wert als sie? Wer von euch kann mit all seiner Sorge sein Leben auch nur um eine kleine Zeitspanne verlängern. Und was sorgt ihr euch um eure Kleidung? Lernt von den Lilien, die auf dem Feld wachsen: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht. Doch ich sage euch: Selbst Salomo war in all seiner Pracht nicht gekleidet wie eine von ihnen. Wenn aber Gott schon das Gras so prächtig kleidet, das heute auf dem Feld steht und morgen ins Feuer geworfen wird, wie viel mehr dann euch, ihr Kleingläubigen! Macht euch also keine Sorgen und fragt nicht: Was sollen wir essen? Was sollen wir trinken? Was sollen wir anziehen? Denn um all das geht es den Heiden. Euer himmlischer Vater weiß, dass ihr das alles braucht. Euch aber muss es zuerst um sein Reich und um seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben. Sorgt euch also nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Jeder Tag hat genug eigene Plage. (Mt 6,26-34)

Bei all dem war Johannes alles andere als ein Tagedieb, der planlos nur den heutigen Tag im Blick hatte. Das schloss keinesfalls Planung aus, im Gegenteil. Aber er war sich seiner begrenzten Möglichkeiten sehr wohl bewusst. "Johannes nimm Dich nicht so wichtig", das sagte einer, dem noch eine dreifache Krone bei seiner Amtseinführung auf den Kopf gesetzt wurde, der in einer Art Sänfte durch die Gegend getragen wurde, wenn er sich schon einmal auf den Weg machen musste. Gelassenheit, das hieß für Johannes vor allem, den Heiligen Geist zu lassen, zuzulassen, dass er wirkt in unserem Leben.

Papst Johannes Paul II würdigte seinen Vorgänger Johannes XXIII anlässlich der Seligsprechung mit folgenden Worten:

Von Papst Johannes ist allen Menschen das Bild eines lächelnden Gesichts und von zwei ausgebreiteten Armen zur Umarmung der ganzen Welt in Erinnerung geblieben. Wie viele Leute wurden von der Einfachheit seines Gemüts ergriffen, die begleitet wurde von einer umfassenden Erfahrung mit Menschen und Dingen! Der von ihm gebrachte »frische Wind« betraf sicherlich nicht die Lehre selbst, sondern eher die Art und Weise, sie darzulegen; neu war der Stil im Sprechen und Handeln, neu auch sein sympathisches Wesen, mit der er den gewöhnlichen Menschen und den Mächtigen der Erde begegnete. In diesem Geist berief er das II. Vatikanische Konzil ein, mit dem er eine neue Seite in der Kirchengeschichte aufschlug: Die Christen fühlten sich aufgerufen, das Evangelium mit neuem Mut und mit noch wachsamerer Aufmerksamkeit gegenüber den »Zeichen« der Zeit zu verkünden. Das Konzil war in der Tat eine prophetische Eingebung dieses betagten Papstes, der – trotz mancher Schwierigkeiten – ein Zeitalter der Hoffnung für die Christen und die Menschheit eröffnete.

Es ist klar, dass Johannes Paul II zur Sicherheit noch einmal klar stellen will, dass Johannes XXIII nicht "die Lehre selbst" verändern wollte mit seinem frischen Wind und mit der Einberufung des Zweiten Vatikanischen Konzils. Damit hat er vollkommen recht. Was mich ein wenig traurig stimmt, dass er das auch noch angesichts der Seligsprechung ausdrücklich betonen muss. Ob das der "Advocatus Diaboli" ins Manuskript reingeschrieben hat? Es ist jedenfalls ärgerlich, dass man sich ausgerechnet bei Johannes immer noch mal meint versichern zu müssen, ob er auch wirklich katholisch gewesen sei in allen Punkten der katholischen Lehre. Dabei zitiert Johannes Paul II selbst aus dem Testament seines Vorgängers: "Was im Leben am meisten gilt: Jesus Christus, seine heilige Kirche, sein Evangelium … die Wahrheit und die Güte".

"Was im Leben am meisten gilt", das ist für ihn die unzertrennliche Dreiheit von Jesus Christus, seiner Kirche und seinem Evangelium, was aber vielleicht das Besondere und das bleibend sympathische an Johannes XXIII ist, das ist die großartige Kombination von Wahrheit und Güte. So sieht er auch auf dem Foto aus, das in meinem Büro hängt: wahrheitsliebend und gütig. Vielleicht liegt darin auch die bleibend große Sympathie, die Johannes XXIII genießt: Wahrheit und Güte, Güte ohne Wahrheit macht ihn zum netten Plauderonkel, Wahrheit ohne Güte zum knallharten Anwalt der katholischen "Sache". Der frühere Erzbischof von Berlin, Georg Kardinal Sterzinsky, hatte dafür immer einen guten Vergleich gewählt: Man kann einem anderen die Wahrheit wie einen nassen Waschlappen ins Gesicht klatschen, man kann sie ihm aber auch wie einen wärmenden Mantel um die Schultern hängen.

Seit wenigen Wochen hat die katholische Kirche ein neues Oberhaupt. Es vergingen nur wenige Stunden, bis die ersten Vergleiche mit seinen Vorgängern angestellt wurden und wiederum nur wenige, bis man auf Johannes XXIII kam. Papst Franziskus hat auf eine historische Anspielung auf einen seiner Vorgänger oder eine andere Zeit der Kirchengeschichte verzichtet, indem er sich einen ganz "frischen" Papstnamen wählte. Aber die Parallelen sind doch auffällig, nicht nur, was das Alter von deutlich über 70 Jahren angeht. Es ist seine Zugewandtheit und Offenheit den Menschen gegenüber, die ihm begegnen, sein Desinteresse am höfischen Protokoll, und seine Bereitschaft, die Dinge noch mal von ganz anderer Seite zu betrachten. Gleichzeitig muss er schon jetzt mit der Ungeduld mancher klar kommen, die auch von ihm entscheidende und womöglich einschneidende Reformen erwarten. Aber auch wenn der Papst meinen Rat nicht braucht, vielleicht hat er ja schon in den Texten seines Vorgängers gelesen. Dort heißt es: "Nur für heute werde ich ein genaues Programm aufstellen. Vielleicht halte ich mich nicht genau daran, aber ich werde es aufsetzen. Und ich werde mich vor zwei Übeln hüten: vor der Hetze und vor der Unentschlossenheit."

Musik und Literatur dieser Sendung
• CD: Felix Mendelssohn Bartholdy, Lieder ohne Worte, Klavier: Daniel Barenboim, Deutsche Grammophon, 1997
• de.wikipedia.org/wiki/Die_10_Gebote_der_Gelassenheit
• www.vatican.va/holy_father/john_paul_ii/homilies/2000/documents/hf_jp-ii_hom_20000903_beatification_ge.html

Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag hat der katholische Senderbeauftragte für Deutschlandradio Kultur, Pfarrer Lutz Nehk.

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