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Tonart | Beitrag vom 19.02.2016

Jimmy Somerville im Interview"Disco ist eine Feier für jeden, der mitmacht"

Moderation: Carsten Rochow

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Jimmy Somerville macht seit den 80er Jahren Musik. (imago / iImages)
Der schottische Sänger Jimmy Somerville ist ab heute in vier Konzerten in Deutschland zu sehen (imago / iImages)

Dank seines besonderen Falsett-Gesangs war Jimmy Somerville in den 80ern oft in den Charts zu finden. Diese Zeit ist zwar vorbei, Musik macht der Schotte aber noch immer. Sein neues Album "Homage" bringt Somerville ab heute in Deutschland auf die Bühne.

Carsten Rochow: Gleich zum Karrierestart einen Welthit hinzulegen, das schafft nicht jeder. Der Band Bronski Beat ist das gleich auf Anhieb gelungen – damals, 1984, mit dem Song "Smalltown Boy". Ein Teil dieser sich offen schwul bekennenden Band war Jimmy Somerville, der ab 1985 mit The Communards und Ende der 80er solo durch seinen unverwechselbaren Falsettgesang dem Disco Sound seinen persönlichen Stempel aufgedrückt hat. Die Zeit der großen Charterfolge ist zwar seit Anfang der 90er vorbei, aber dem Musikgeschäft ist der Schotte treu geblieben. Sein aktuelles Album heißt "Homage” und ist im letzten Jahr erschienen. Und heute Abend ist Auftakt für drei Konzerte in Deutschland und ich hatte vor der Sendung die Gelegenheit, mit Jimmy Somerville zu sprechen.

Lassen Sie uns mit einer kleinen Retrospektive beginnen – wir hören Ausschnitte aus drei Ihrer bekannten Hits mit drei verschiedenen Konstellationen, die nicht nur Ihrer Stimme wegen sehr markant sind. "Smalltown Boy” von Bronski Beat, "Don’t Leave Me This Way” von The Communards und "(You Make Me Feel) Mighty Real” von Jimmy Somerville solo. Ein flotter Beat, eingängige Melodien, ein Snare-Roll vor dem Refrain – eigentlich ein einfaches Rezept mit großem Wirkungsgrad. Wer ist eigentlich darauf gekommen?

Jimmy Somerville:
Das waren ja jetzt nur drei Songs aus drei verschiedenen Platten, von denen jede für sich schon eine Mischung bietet – darunter dann fröhliche, aber auch leisere Songs. Aber es stimmt: Ich wollte schon immer diese erbaulichen und euphorischen Dance-Nummern schreiben. Solche Songs haben sich bewährt, warum sollte ich also daran rumpfuschen? Disco hat für mich auch immer etwas von einer Feier. Die Songs sind Teil meiner Geschichte. Diesen Sound beizubehalten fühlt sich für mich ganz natürlich an.

Rochow:
Einige Ihrer größten Erfolge waren Coverversionen von Pop-Klassikern wie "I Feel Love", "Never Can Say Goodbye" oder, wie bereits erwähnt, "Don’t Leave Me This Way". Auf dem neuen Album, da sind nun zwölf Eigenkompositionen, die eine Hommage an die Disco-Ära sind. Fühlt sich das an wie eine Emanzipation von den großen Vorbildern?

"Wir haben gar keine elektronischen Instrumente verwendet"

Somerville: Es gab da einfach diese Phase, in der ich immerzu komponiert habe. Das Album "Homage" ist eine Hommage an einen bestimmten Sound und ein Aufnahme-Verfahren. Wir haben gar keine elektronischen Instrumente verwendetet. Alles wurde live eingespielt. Jeder Musiker, der auf der Platte zu hören ist, konnte sich selbst einbringen. Und das ist schließlich das Tolle an Disco: Disco ist eine Feier für jeden, der mitmacht. Das haben wir versucht mit dem Album abzubilden.

Rochow:
Sie haben es schon gesagt: Was den Sound angeht, haben Sie sich von Drum-Computern und Synthesizern befreit und mit einer echten Band und echten Streichern aufgenommen. Das Album klingt warm und organisch – klingt nach großer Produktion. Haben Sie sich da richtig was gegönnt?

Somerville:
Nein. Und das ist das Schöne an so einer organischen Produktion. Als ich mir die Credits zu meinen Lieblings-Disco-Alben angesehen habe, stellte ich fest, dass daran erstaunlich wenige Musiker beteiligt waren. Aber auch, dass alles live eingespielt wurde. Wenn Alben nicht digital aufgenommen werden, nicht mit dem Computer bearbeitet werden, wirken sie weniger starr aber umso wärmer – selbst wenn wenige Musiker zu hören sind. Für eine Alben-Produktion hat es nicht besonders viel gekostet, vielleicht 10.000 Pfund.

Rochow:
Lassen Sie uns doch noch einmal zurückgehen ins Jahr 1984. Da hatten Sie Ihren großen Hit mit Bronski Beat, "Smalltown Boy".  Und darin haben Sie sich zu Ihrer Homosexualität  bekannt, was ein ziemlicher Skandal war und auch wirklich mutig von Ihnen. Sie waren damals erst 22 Jahre jung. Wie sind Sie mit diesem enormen Druck umgegangen?

Politische Anliegen waren früher wichtiger als die Musik

Somerville: Was es für mich einfacher gemacht hat, war, dass ich eine politische Agenda hatte. Der Grund, weshalb ich so offen und ehrlich war, lag an meiner Leidenschaft, gegen Diskriminierung anzukämpfen – und ich wusste meine Plattform zu nutzen. Komischerweise würde ich sogar sagen, dass mir meine politischen Anliegen damals wichtiger waren als die Musik. Ich habe die Musik also fast als Mittel zum Zweck genutzt, um meinen Blick auf die Politik, die Liebe und das Leben auszudrücken.

Rochow:
Und genau deswegen – wegen Ihrer politischen Agenda – sind Sie ja auch zu einer Ikone der Schwulenbewegung geworden. Wie sind Sie denn damit umgegangen?

Somerville:
Das war nicht einfach, denn ich wollte kein Sprachrohr sein. Aber wenn du berühmt und offen schwul bist, kannst du dem kaum entgehen. Ich habe in meinen Songs immer meine Ansichten vertreten, und dann finden sich andere Leute, die sich ähnlich fühlen wie du. Also wirst du zum Sprachrohr. Manchmal ist das gut, aber es macht dich auch angreifbar. Irgendwann habe ich festgestellt, dass es ganz egal ist, was um mich herum passiert. Das Wichtigste war es für mich, ehrlich zu sein.

Rochow:
Sie haben es schon erwähnt: Sie waren auch immer sehr politisch engagiert, unter anderem in den 80er-Jahren in der Red-Wedge-Gruppe, in der sich Musiker um Billy Bragg versammelt hatten, um zur Abwahl von Maggie Thatcher zu mobilisieren. Zehn Jahre später hatte Tony Blair die Wahl nicht zuletzt mit Hilfe prominenter Musiker gewonnen. Und die meisten von ihnen sind aber von seiner Politik schwer enttäuscht worden. Würden Sie heute noch als Musiker einen Politiker unterstützen?

Somerville:
Wir leben in einer Zeit, in der viele glauben, dass Politiker nur nach ihren eigenen Interessen handeln. Aber das glaube ich nicht. Stattdessen denke ich, dass viele Leute zu Politikern wurden, weil sie für ihre Anliegen brennen – trauriger Weise scheint das besonders für rechte Politiker zu gelten. Ich würde immer einen Politiker unterstützen, der aus dem linken Lager kommt – und den Rechten etwas entgegenhält. Ich würde immer einen Politiker unterstützen, der dafür brennt, etwas gegen Ungleichheit und Diskriminierung zu tun, die auf Rasse, Sexualität, auf kulturellen Unterschieden fußt.

Rochow:
Sind Sie heute noch politisch aktiv?

Somerville:
Ich engagiere mich in kleineren Organisationen. Dinge, an die ich glaube und die ich für wichtig halte. Was es heute schwerer macht, ist, dass wir über soziale Netzwerke und die Medien immer stärker über das Geschehen auf der ganzen Welt informiert werden. Das kann überfordern, und man fragt sich manchmal, was genau man unterstützen soll.

Rochow:
Gibt es etwas, das Sie als Musiker noch erreichen möchten?

"Den Kritiker in mir selbst besiegen – das Schwerste überhaupt"

Somerville: Für mich ist das Ziel, an etwas zu glauben und den Kritiker in mir selbst zu besiegen. Letzteres für Künstler das Schwerste überhaupt, glaube ich. Denn das ist der Teil in einem, der dich entweder zum Künstler macht oder dich zerstört. Man darf nicht so egozentrisch werden, dass es lächerlich wird. Aber man darf auch nicht so selbstkritisch sein, weil man dann am Ende gar nichts mehr macht. Diese Balance herzustellen ist für Künstler wirklich schwierig, weil wir so sehr von uns selbst eingenommen sind.

Rochow:
Heute Abend werden Sie in Berlin auf die Bühne gehen als Auftakt von vier Konzerten in Deutschland. Welche Klassiker werden Sie singen?

Somerville: Heute Nacht ist eine heikle Sache, weil ich zuletzt vor rund 25 Jahren mit einer Live-Band aufgetreten bin. Ich habe mit dieser Band zwar im vergangenen Jahr schon mal gespielt – auf einem Festival –, aber auf einem Festival ist man vielleicht der sechste Act in einer Gruppe von zehn Musikern oder so. Heute Abend haben die Leute Geld bezahlt, weil sich mich sehen wollen. Das ist aufregend, macht mir aber auch Angst. Also habe ich mich gefragt, welche Songs ich spielen soll. Ich werde ein Set spielen, das meine Karriere spiegelt – bis zum aktuellen Album "Homage". In meiner Band habe ich Bläser, einen Bass-Gitarristen, einen Schlagzeuger, Background-Sänger – also das ganze Programm. Die Band ist großartig. Und das gibt mir das Gefühl, gut aufgehoben zu sein. Das wird schon Spaß machen.

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