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Thema / Archiv | Beitrag vom 01.11.2011

"Jetzt ist die Politik am Zug"

Psychiater Jörg Fegert bilanziert die Arbeit der Anlaufstelle zum Kampf gegen sexuellen Missbrauch

Jörg Fegert im Gespräch mit Susanne Burg

Die unabhängige Beauftragte zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs, Christine Bergmann, ist aus dem Amt geschieden.
Die unabhängige Beauftragte zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs, Christine Bergmann, ist aus dem Amt geschieden. (picture alliance / dpa)

Nach dem Ausscheiden der Missbrauchsbeauftragten, Christine Bergmann, ist nach Ansicht des Kinder- und Jugendpsychiaters Jörg Fegert die Politik gefragt. Die gemeinsam mit Betroffenen erarbeiteten Maßnahmen zur Verhinderung von Kindesmissbrauch müssten in die Praxis umgesetzt und durch ein Monitoring begleitet werden.

Susanne Burg: 2010 war sie eingerichtet worden, die sogenannte Anlaufstelle zum Kampf gegen sexuellen Missbrauch. Etwa 19.000 Anrufe und 3.000 Briefe von Opfern gingen seither ein. Und noch immer melden sich täglich 40 bis 60 Personen. Seit Heute ist diese Anlaufstelle zumindest für einige Wochen ohne Führung, denn die bisherige unabhängige Beauftragte der Bundesregierung, Christine Bergmann, ist gestern aus dem Amt ausgeschieden. Über die letzten eineinhalb Jahre Arbeit und darüber, wie es nun weitergeht, will ich jetzt mit Jörg Fegert sprechen. Er ist ärztlicher Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Ulm, sitzt mit am runden Tisch und hat die Anrufe und Briefe an die Missbrauchsbeauftragte ausgewertet. Ich grüße Sie, Herr Fegert!

Jörg Fegert: Ja, guten Tag!

Burg: Bevor Christine Bergmann gegangen ist, hat sie sich eine Zusage eingeholt, dass es mit der telefonischen Anlaufstelle für Betroffene weitergehen soll. Geht es denn tatsächlich weiter?

Fegert: Das hoffe ich doch schwer. Nein, die Zusagen sind da, der Staatssekretär vom Familienministerium hat das auch noch einmal wiederholt, und ich gehe davon aus, dass es mit der Arbeit weitergeht. Letztendlich werden die Betroffenen und wir alle erst beruhigt sein, wenn eine Nachfolgerin, ein Nachfolger benannt ist und wenn man sieht, dass die Arbeit weitergeht, und dass vor allem die vielen Aufgaben, die jetzt anstehen bei der Umsetzung und bei der Überwachung, ob tatsächlich umgesetzt wird, was beschlossen wird, dann auch erfüllt werden.

Burg: Christine Bergmann forderte, dass diese Stelle unabhängig bleiben muss, damit die Betroffenen das Vertrauen in eine solche Stelle behalten. Für wie wichtig halten Sie denn diese Unabhängigkeit?

Fegert: Ich halte das für sehr, sehr wichtig, weil gerade durch die Unabhängigkeit, durch die Vertraulichkeit, die wir bei der Bearbeitung der Briefe und Anrufe zusichern konnten, aber die gleichzeitige Transparenz und Öffentlichkeit, genau durch diese Zusammenhänge haben wir überhaupt das Vertrauen geschaffen. Und mir wäre es sehr wichtig, dass dies erhalten bleibt. Auch taktisch ist es wichtig, weil ein unabhängiger Beauftragter, eine unabhängige Beauftragte kann der Politik, falls nicht umgesetzt wird, auch auf die Füße stehen, weil er eben unabhängig ist.

Burg: Wie ich schon erwähnt habe, 19.000 Anrufe, 3.000 Briefe sind in den vergangenen eineinhalb Jahren eingegangen. Im Vergleich zu anderen Studien meldeten sich vor allem ältere Betroffene. Wie erklären Sie sich das?

Fegert: Das lag am Auftrag von Frau Dr. Bergmann und auch von der Kommunikation, zum Beispiel im Rahmen der Kampagne "Sprechen hilft", weil es ging ja um die Aufarbeitung zurückliegenden Missbrauchs. Das ist vielleicht, auch wenn ich ein bisschen persönlich was sagen darf, für mich als Kinder- und Jugendpsychiater auch, sage ich mal, eine bisschen traurige Komponente dabei, dass die Situation, die aktuelle Situation von Kindern eigentlich dadurch auch mit am wenigsten angesprochen wurde. Wenn ich mir Sorgen mache, wie es weitergeht, dann ist die Frage, wie zum Beispiel Diagnostik und frühe Hilfen, sofortige Hilfen für Kinder, die sexuell missbraucht sind, auch im Gesundheitswesen verankert werden. Das Bundesgesundheitsministerium war ja nicht direkt durch einen Minister am runden Tisch vertreten. Also hier gibt es sicher auch noch Dinge, die im Bezug auf Kinder später zu tun sind. Und der Kinderkanal will im nächsten Jahr ja auch in dem Bereich eine Kampagne machen, was ich sehr begrüße.

Burg: Aber die Anlaufstelle war doch erst mal offen für alle. Jeder konnte doch anrufen.

Fegert: Von der Anlage her war das ein ethisches Problem, quasi auch Kinder und jeden anrufen zu lassen. Wir haben auch Meldungen von unter 16-Jährigen, ein paar Hundert. Das Problem ist, dass ich da eigentlich diese absolute Anonymität nicht zusichern kann und keine Hilfe anbieten kann. Manchmal muss man dann einfach intervenieren. Ich denke, da hätte man ein anderes Setting gebraucht, und insofern war es zunächst mal wichtig, diese absolute Vertraulichkeit anzubieten und die Kampagne auch auf Erwachsene auszurichten.

Burg: Die Missbrauchsbeauftragte ist seit gestern nicht mehr im Amt. Ich spreche hier im Deutschlandradio Kultur mit dem Kinder- und Jugendpsychiater Jörg Fegert über den Umgang mit sexuellem Kindesmissbrauch. Herr Fegert, Sie haben es erwähnt, Kinder und Jugendliche, um die geht es auch sehr stark. Gerade gibt es in Berlin wieder einen Missbrauchsskandal, und zwar bei der Park-Eisenbahn im Freizeitpark Wuhlheide. Hier dürfen Kinder und Jugendliche – teilweise kommen sie aus schwierigen Verhältnissen – Schaffner, Bahnwärter oder auch Lokführer werden, und der Pädagoge und Traumatologe Wolfgang Werner sprach von institutionellem Missbrauch und macht die Strukturen in dem Verein dafür verantwortlich. So soll den Jugendlichen zum Beispiel von den Tätern versprochen worden sein, dass sie schon mit 16 statt mit 18 Jahren Lokführer werden können, also ein Beispiel. Was sind denn Ihre Erkenntnisse aus den verschiedenen Missbrauchsfällen der vergangenen Jahre? Wie entstehen in Institutionen Strukturen, die einen sexuellen Missbrauch über Jahre ermöglichen?

Fegert: Ja, diese Strukturen bedingen zunächst einmal ein Nähe-Verhältnis. Oft sind das auch recht begabte Pädagogen, die sehr auf Kinder eingehen, die ihnen solche Angebote und Versprechungen machen, wie Sie es gerade als Beispiel genannt haben – ich will den konkreten Fall gar nicht kommentieren – aber ganz häufig werden quasi schleichend Abhängigkeiten geschaffen und haben die Kinder auch den Eindruck, dass sie hier sich auf was eingelassen haben, ja, teilweise sogar zugestimmt haben. In einem solchen System verschieben sich dann auch die Maßstäbe, und das trägt dazu bei, dass solcher Missbrauch in solchen Systemen dann auch fortgesetzt über längere Zeit stattfinden kann.

Burg: Ich erwähnte es ja auch, in diesem Fall kommen Jugendliche häufig aus sozial schwierigen Verhältnissen. Inwieweit ist auch das häufig ein Faktor in Institutionen?

Fegert: Aus der Forschung wissen wir, dass Kinder, die vernachlässigt sind, natürlich emotional Beziehungen suchen und deshalb auch gefährdet sind, auf solche Beziehungen einzugehen, wenn ihnen eigentlich was ganz anderes angeboten wird als das, was sie suchen, nämlich Zuwendung und Nähe. Dennoch muss man sagen, auch aus der Vielzahl von Berichten: Missbrauch kommt in allen Schichten vor, Missbrauch kommt auch in gutgestellten Familien vor, Missbrauch kam auch in Elite-Internaten und Einrichtungen vor. Jede Situation, die Nähe schafft und Macht und Nähe zusammenbringt, bringt auch die Möglichkeit zur sexuellen Ausbeutung mit sich.

Burg: Welche Konsequenzen müssen denn die Institutionen Ihrer Meinung nach aus diesen Erkenntnissen ziehen? Was müssen sie tun, um solche Fälle zu vermeiden?

Fegert: Wir brauchen in den Institutionen Transparenz. Wir brauchen Beschwerdesysteme. Es muss aufgehört werden damit, dass man um der Institution willen, um des Namens, um des Rufs willen solche Sachen unter den Teppich kehrt, und insofern hätte ich mir in Deutschland auch noch eine stärkere historische Aufarbeitung dessen, was passiert ist in den Institutionen, gewünscht. Das war ja der Akzent in Irland bei der Aufarbeitung. Hier in Deutschland haben die Betroffenen sehr, sehr viel beigetragen, das ist auch enorm wichtig, aber die historische Analyse der Vorgänge in den Institutionen ist nicht systematisch erfolgt. Was positiv ist, ist, dass wir in Deutschland jetzt sehr, sehr viel über Standards in Institutionen gesprochen haben und hier über Leitlinien nachdenken, wie man Beschwerdemanagement und solche Dinge etablieren kann.

Burg: Setzt ja auch voraus, dass die Betroffenen, Tatsache, sich dann an entsprechende Stellen wenden, aber was die letzten Jahre auch drastisch gezeigt haben: Vor allem Jungs sind auch sehr stark von sexuellem Missbrauch betroffen, und man weiß auch hier, wenn Jungs sexuelle Gewalt widerfährt, dann schweigen sie sehr häufig und suchen noch seltener Anlaufstellen auf als Mädchen. Wie müssen denn geschlechtsspezifische Angebote für Jungen aussehen?

Fegert: Mich hat das am Anfang, als jemand, der lange in dem Feld arbeitet, auch beeindruckt, als wir begonnen haben bei der unabhängigen Anlaufstelle von Frau Dr. Bergmann, wie viel Männer sich hier artikuliert haben, weil wir das in dem Feld so nicht gewohnt sind. Und meine persönliche Interpretation – ich kann die nicht wissenschaftlich abstützen – ist, dass für Männer und Jungs es ganz wichtig ist, auch eine politische Botschaft damit zu verbinden, einen Veränderungsimpuls. Also dass sie quasi sich nicht an eine Beratungsstelle gewandt haben, wo es nur um "ihren Opferstatus" und "ihr eigenes Problem" geht, sondern dass sie hier was ausrichten konnten. Und ich glaube, wir brauchen dieses Empowerment, dieses Mutmachen, dieses die Chance geben, Einfluss zu nehmen. Und ich denke, das ist eine wichtige Komponente in den Beschwerdesystemen, ebenso wie Transparenz und Nachvollziehbarkeit.

Burg: Das heißt aber auch, weiterhin ein gesellschaftlicher Diskurs, sodass die Menschen das Gefühl haben, sie bewegen auch tatsächlich was damit?

Fegert: Das ist die große Befürchtung, die Sie ansprechen. Jetzt sind viele Forderungen aufgestellt worden. Die Betroffenen haben einen riesigen Anteil geleistet, indem sie uns ihre Testymonials, ihre Zeugnisse zur Verfügung gestellt haben, uns über ihre Forderungen auch informiert haben. Jetzt ist die Politik am Zug. Frau Dr. Bergmann hat vieles zusammengefasst, der runde Tisch gibt seinen Bericht ab, jetzt muss gehandelt werden, und diese Ankündigungen müssen dann auch überprüft werden.

Burg: Was muss den politisch passieren Ihrer Meinung nach, damit das Thema nicht in Vergessenheit gerät?

Fegert: Ja, man nennt das mit dem Schlagwort Monitoring, wirklich ein Nachvollziehen, ob die Punkte, die angesprochen sind a) tatsächlich umgesetzt werden, und wenn sie in Gesetzen stehen, muss man wirklich dann auch in der Praxis schauen, ob sie dort auch implementiert werden. Ein großes Problem in Deutschland ist, wir haben zum Beispiel sehr, sehr gute Opferschutzmaßnahmen auch jetzt schon im Strafrecht stehen, vielerorts werden aber die Vernehmungszimmer für Kinder mit Videovernehmung und so weiter gar nicht genutzt, weil die Praxis an dem Punkt zögerlich oder bequem ist. Also, wir müssen die praktische Umsetzung im Blick behalten.

Burg: Dann ist ja auch ein weiteres Thema die Prävention. Wir haben jetzt viel über Institutionen gesprochen. Ihre Ergebnisse haben aber auch gezeigt, etwa 52 Prozent der Fälle fanden im familiären Umfeld statt. Hier ist es wiederum noch schwieriger, Fälle aufzudecken. Wie kann denn Prävention hier aussehen?

Fegert: Ein zentraler Punkt bei der Prävention in diesem Bereich ist, dass Kinder natürlich vertrauensvolle Ansprechpartner brauchen. Und das sind häufig nicht wir "Experten", wir sind viel zu fern. Das sind Kindergärtnerinnen, das sind Lehrerinnen und Lehrer, das sind Gruppenbetreuer, und wir müssen all diese Berufsstände, die direkt mit Kindern zu tun haben, über Präventionsmöglichkeiten informieren. Ganz wichtig ist, sie über Gesprächsführungen, auch Dokumentation von solchen Gesprächen zu informieren, und da sind wir froh, dass wir im Auftrag des Bundesforschungsministeriums auch ein E-Learning-Programm, also was von jedem im Internet dann benutzt werden kann, gerade für Lehrer, für Gesundheitsberufe, für pädagogische Berufe entwickeln können, die diese Berufe bei dieser wichtigen Aufgabe, Erstgespräche zu führen, unterstützen können.

Burg: Die Anlaufstelle zum Kampf gegen sexuellen Missbrauch ist derzeit ohne Leitung. Über die Aufarbeitung der letzten eineinhalb Jahre und was noch zu tun ist, sprach ich mit dem Kinder- und Jugendpsychiater Jörg Fegert. Er hat die 22.000 Anrufe und Briefe mit ausgewertet, die bisher bei der Stelle eingingen. Vielen Dank, Herr Fegert!

Fegert: Gerne!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Links bei dradio.de:
Ein Schritt in die richtige Richtung <br> Bilanz der Bergmann-Kommission im Kampf gegen Missbrauch (DLF)

Christine Bergmann: Keine Entwarnung beim Thema Kindesmissbrauch <br> Zahlen laut Missbrauchsbeauftragter immer noch auf "relativ hohem" Niveau (DKultur)

PISAplus 2011-07-16 Schutz vor sexuellem Kindesmissbrauch <br>Schwerpunktthema: Bessere Konzepte an Schulen und verstärkte Lehrerfortbildung

Klima zum Reden <br> Studie zu sexuellem Missbrauch an Schulen (DLF)