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Lange Nacht / Archiv | Beitrag vom 23.07.2011

Jenseits von Palmen und Wüstensand

Eine Lange Nacht der maghrebinischen Literatur

Von Kersten Knipp

Marokkanische Festung im Atlas-Gebirge (AP)
Marokkanische Festung im Atlas-Gebirge (AP)

Maghreb - das war aus europäischer Perspektive lange Zeit vor allem eine beliebte Urlaubsregion. Doch seit einigen Monaten wird immer deutlicher, mit welchen Problemen die Gegend im Norden Afrikas zu kämpfen hat.

Auch ein halbes Jahrhundert nach ihrer Unabhängigkeit sind Bürger und Politiker sich über den Kurs ihrer Länder noch nicht einig, im Gegenteil:
Staat und Gesellschaft sind lange Zeit auseinandergedriftet, die Freiheitskämpfer von einst haben es nicht vermocht, Lebensbedingungen zu schaffen, unter denen die Menschen ein als würdig empfundenes Leben führen können.

Wer aber die Literatur des Maghreb kennt, der weiß auch, dass sich die Unruhen seit langer Zeit angekündigt haben.
Autoren wie Tahar Ben Jelloun, Yasmina Khadra und Assia Djebar setzen sich mit der Lage in ihren Heimatländern seit jeher kritisch auseinander.
Sie zeichnen eine Region, in der ganz anderes zählt als Sonne, Palmen, Wüstensand.

Tahar Ben Jelloun, marokkanischer Schriftsteller (picture alliance / dpa)Tahar Ben Jelloun, marokkanischer Schriftsteller (picture alliance / dpa) Tahar Ben Jelloun
Ben Jelloun wurde 1944 in Marokko geboren, lebt in Paris. Er gilt als bedeutendster Vertreter der französischsprachigen Literatur des Maghreb, wurde 1987 mit dem Prix Goncourt für seinen Roman "Die Nacht der Unschuld" ausgezeichnet.

Wikipedia: Tahar Ben Jelloun

Tahar Ben Jelloun
Arabischer Frühling
Vom Wiedererlangen der arabischen Würde. Übersetzung: Christian Kayser. Originaltitel: L'étincelle
2011 Berlin Verlag
Das Zentrum der Welt hat sich nach Nordafrika verlagert. Ägypten, Tunesien, Libyen. Welche anderen Länder werden noch folgen? Das Volk geht auf die Straße und besetzt die Plätze: Kifaya - es reicht! Manchmal solidarisieren sich Polizei und Militär und alles geht ganz schnell, in anderen Fällen wird die Revolte blutig unterdrückt. Diese Länder sind dabei, den Wert von bürgerlichen Freiheiten und der Autonomie des Individuums zu entdecken, erklärt Tahar Ben Jelloun. Es ist wie der Fall einer riesigen Berliner Mauer. Nichts wird mehr sein wie zuvor, weder in der arabischen noch in der westlichen Welt. Nach seinen Bestsellern über den Rassismus und über den Islam wendet sich der marokkanische Autor mit französischem Pass der unmittelbaren Aktualität zu, erklärt die kulturellen und historischen Hintergründe, stellt aber auch ein paar unbequeme Fragen an den Westen.


Tahar Ben Jelloun
Zurückkehren
Roman. Übersetzung: Kayser, Christiane .
2011 BVT Berliner Taschenbuch Verlag
Sein Leben lang arbeitet Mohamed bei Renault in Paris. Seine Kinder
sind ihm entfremdet, er hat sie an Frankreich verloren. Und er hat nur
noch einen Traum: in
seiner Heimat Marokko ein Haus zu bauen, in dem er seine Familie wieder zusammenführen
kann. Mohamed ist Muslim, Familienvater und Marokkaner - in dieser Reihenfolge. Und ein vorbildlicher Arbeiter: Vierzig Jahre hat er bei Renault in Paris am Fließband gestanden, Tag für Tag, nie kam er zu spät: Die Arbeit war sein Leben.
Jetzt steht ihm die Rente bevor, und er zieht Bilanz: wie er 1962 sein Dorf in Marokko verlässt, nur den Koran in der Hand, der eingeschlagen ist in ein Stück vom Leichentuch seines Vaters und den er nicht lesen kann; die Heirat mit seiner Cousine; seine tiefe Religiosität, die ihm keine Assimilierung an die französischen Sitten gestattet, sein Abscheu aber auch vor den Fanatikern; seine fünf Kinder, die sich ihm entfremdet haben, "Lafrance", davon ist er überzeugt, hat ihm zwar Arbeit gegeben, ihm aber seine Kinder gestohlen: Er versteht ihr Französisch nicht, der eine Sohn hat eine Christin geheiratet und der andere, Rachid, nennt sich Richard.
Halt findet er nur in einem alten Traum: nach Marokko zurückkehren, um das "Haus des Glücks und des Friedens" zu bauen, in dem er seine ganze Familie versammeln kann. Es wird das größte Haus im Dorf, überdimensioniert, mit Gebetsraum, Hamam und Schwimmbecken, nur fehlt es an Wasser und Strom - ein Zement gewordener Wahn. Hier wartet Mohamed auf seine Kinder, er hat sie zum nächsten Aid el Kebir, dem großen Hammelfest, eingeladen. Aber sie werden nicht kommen ...
In einem phantasmagorischen Schlussbild lässt Tahar Ben Jelloun seine Figur Mohamed verschwinden. Das Haus wird zum Grab. Und das Dorf hat einen neuen Heiligen, "Mohamed, den Immigranten", den Mann, "den die Rente getötet hatte".


Tahar Ben Jelloun
Yemma - Meine Mutter, mein Kind
2007 Berlin Verlag
"Yemma - Meine Mutter, mein Kind" ist Ben Jellouns bewegende Erzählung von der Alzheimererkrankung seiner Mutter. "Ich habe meiner Mutter zu essen gegeben. Meiner Mutter, meinem Kind. Einen Löffel Milch mit Käse. Wie einem Kind, das mit geschlossenen Augen isst, und meine Hand zittert vor Rührung." Der hier seine an Alzheimer erkrankte Mutter füttert, ist Tahar Ben Jelloun. Und das Kind ist Lalla Fatma, seine alte Mutter, die mit einer Pflegerin zurückgezogen in ihrem Haus in Tanger lebt. Mal verwechselt sie ihn mit ihrem vor dreißig Jahren gestorbenen jüngeren Bruder. Dann mit ihrem ältesten Sohn Mustafa aus ihrer ersten Ehe mit fünfzehn. Oder sie sieht in ihm nur den kleinen kranken Tahar, den sie in Fes hätschelte. Oder beklagt sich, dass er sie seit seiner (!) Beerdigung nicht besucht hat. Dazwischen Momente von großer Klarsichtigkeit: Von ihrem Bett aus erinnert sie sich an ihre Jugend, ihre Ehen, die Hochzeitsfeste, die Vorbereitungen im Hamman. Eines Morgens bestellt sie Handwerker, die ihr Haus für die Beerdigung schmücken sollen. Dann wieder lacht sie und schminkt sich für ihre drei (verstorbenen) Ehemänner, die sie zum Essen erwartet. Lalla Fatma bevölkert ihr Haus mit Fantomen, Erinnerungen und Halluzinationen. Doch eines Tages bleiben auch die aus. Sie redet nur noch mit sich, singt leise vor sich hin, sagt nichts mehr. Ihr Blick ist leer. Und der Sohn hält ihre Hand, erzählt ihr von seiner Kindheit mit ihr, ihrer Schönheit als junger Mutter - bis auch diese Hautberührung zuviel ist, ihr unerträgliche Schmerzen bereitet.

Tahar Ben Jelloun
Verlassen
Roman.
2008 BVT Berliner Taschenbuch Verlag
Tanger verlassen - das ist die Obsession in den Köpfen einer ganzen Generation. Bei schönem Wetter sieht man hinüber zur spanischen Küste. Auch Azel träumt sich hinüber in die"Festung Europa". Nach einem Jurastudium hat er keine Aussicht auf einen Job. Er glaubt, einen sicheren Fluchtweg gefunden zu haben, doch die Hölle aus Armut, Korruption und Demütigung, die er in Marokko hinter sich lässt, ist nur das Spiegelbild der anderen Hölle, die ihn erwartet: Einsamkeit, Prostitution und der Verlust seiner Würde in der Emigration.

Jean Genet, der herrliche Lügner
von Ben Jelloun, Tahar;
Kartoniert
Übersetzung: Kayser, Christiane .
2011 Merlin-Verlag, Vastorf
Tahar Ben Jelloun zeichnet ein eindrucksvolles und bewegendes Porträt des geheimnisvollen und oft falsch verstandenen französischen Dichters Jean Genet. Gleichzeitig lässt sein Text die aufregenden und drängenden politischen und intellektuellen Debatten der ausgehenden 70er und frühen 80er Jahre wieder aufleben. Die Konflikte, um die es damals ging, sind im Grundsätzlichen so ungelöst wie damals.
1974, als Genet und Tahar Ben Jelloun sich zum ersten Mal treffen, hat Genet längst nichts mehr gemein mit dem legendären Schriftsteller-Dieb, dem Heiligen und Märtyrer der 1950er und 60er Jahre. Er schreibt kaum noch und hat die Verbindung zu Sartre und Cocteau lange gekappt. Der politische Mensch Genet aber ist nach wie vor kreativ und ungezähmt. Leidenschaftlich engagiert er sich z.B. für die revolutionären Bewegungen der Black Panthers und der Palästinenser. In den folgenden Jahren, in denen Genet mal abtaucht, mal auftaucht, stößt er neue Projekte an und setzt sie wiederholt gemeinsam mit Tahar Ben Jelloun um: Interviews, Artikel, Drehbücher, Übersetzungen ... Bei aller Aufruhr, die seine politischen Interventionen regelmäßig in der Öffentlichkeit auslösen, durchlebt Genet selbst immer wieder Phasen extremer Zweifel, die auf seine große emotionale Zerbrechlichkeit hinweisen. Und was der Öffentlichkeit in diesen Jahren gänzlich entgeht, ist, dass der zu dieser Zeit bereits schwer kranke Genet alle verbleibende Energie in sein letztes großes Werk investiert, das er unmittelbar vor seinem Tod im April 1986 abschließt: "Ein verliebter Gefangener".





Yasmina Khadra

(Pseudonym für Mohammed Moulessehoul) (* 10. Januar 1955 in Kenadsa, Algerien) ist ein algerischer Schriftsteller, der im Exil in Frankreich lebt.


Veröffentlichungen von Yasmina Khadra bei dtv

Wikipedia: Yasmina Khadra


Yasmina Khadra
Die Schuld des Tages an die Nacht
Ausgezeichnet mit dem LiRE Prix Roman 2008. Aus d. Französ. v. Regina Keil-Sagawe . Originaltitel: Ce que le jour doit à la nuit
2010 Ullstein HC
Nach einem halben Jahrhundert trifft Jonas noch einmal die Freunde aus Jugendtagen. Er blickt zurück auf sein Leben und die bewegte Geschichte seiner Heimat Algerien. Unter dem arabischen Namen Younes wird er auf der Nachtseite des Schicksals geboren, als Jonas wächst er im europäischen Viertel der Küstenstadt Rio Salado auf. Dort begegnet er der schönen Französin Émilie - sie wird die große Liebe seines Lebens. Die Sehnsucht dieser beiden Menschen spiegelt über Jahrzehnte hinweg das dramatische Verhältnis von Orient und Okzident, zweier Welten, die einander so viel Leid zufügen und dennoch so verzweifelt um Versöhnung ringen. Dass sie möglich ist, zeigt Yasmina Khadras großer Roman auf unvergleichlich poetische Weise.

Yasmina Khadra
Die Lämmer des Herrn
Roman. Aus d. Französ. v. Keil-Sagawe, Regina . Aufbau Taschenbücher Bd.2733 Originaltitel: Les agneaux de Seigneur
2011 Aufbau TB
Yasmina Khadra schreibt über die Tragödie unserer Zeit
Ghachimat ist ein friedliches Dorf am Fuße des Tlemcen-Gebirges. Ein Dorf wie jedes andere: Man liebt sich, man haßt sich, man intrigiert. Algier ist weit, und die politischen Unruhen, die sich dort abspielen, berühren die Leute in Ghachimat zunächst nicht sonderlich. Drei Freunde, der Polizist Allal, der Lehrer Kada und der arbeitslose Jafer werben um dasselbe Mädchen, Sarah, die Tochter des Bürgermeisters. Als Allal Sarah schließlich heiratet, bittet der frustrierte Kada den ortsansässigen Imam, ihn als Freiwilligen zu den Mudjaheddin nach Afghanistan zu entsenden.
Nach Jahr und Tag kehrt er als glühender Fundamentalist zurück und wird zum neuen Emir gewählt. Das Dorf polarisiert sich, der Islamismus zieht immer mehr Enttäuschte in seinen Bann, spaltet Familien und Freundschaften. Kada eröffnet den Feldzug gegen die Vertreter der Staatsmacht im Dorf, gegen ihre Sympathisanten. Das Morden beginnt. Und damit eine Tragödie, die eindringlich und schonungslos die Entmenschlichung unter einem religösen Terror-Regime schildert.
"Die Bücher von Yasmina Khadra sind spannend, sie sind herzzerreißend, sie
sind gleichzeitig großartige Literatur und erschütternde Zeitgeschichte."
WDR
"Aus genauer Kenntnis beschreibt Khadra die allgegenwärtige Gewalt." Die Zeit


Yasmina Khadra
Die Sirenen von Bagdad
Roman.
2008 Nagel & Kimche
Erneut legt Yasmina Khadra einen packenden Polit-Thriller über die Logik des Terrorismus vor. In der Folge einer mitleidlosen Razzia des US-Militärs wird ein junger unbeteiligter Mann aus dem Irak tief gedemütigt und muss seine Familie und sein Heimatdorf verlassen. Er beschließt, sein Leben der Aufgabe zu widmen, den Westen tödlich zu treffen. Plastisch und einfühlsam erzählt Yasmina Khadra vom Leben der Menschen in einer ausweglosen Spirale aus zerstörter Ehre und Hass in einem Land, das vom Krieg gezeichnet ist.

Yasmina Khadra
Nacht über Algier
Roman.
2006 Aufbau-Verlag
Nach den Erfolgsromanen"Wovon die Wölfe träumen"und"Die Schwalben von Kabul"läßt Yasmina Khadra den unbestechlichen Kommissar Llob
hinter die Fassade einer sich selbst zerstörenden Gesellschaft blicken. Eindringlich schildert er die bedrückende Atmosphäre in Algier am Vorabend der blutigen Zusammenstöße mit den Fundamentalisten.
Kommissar Llob, ein glückloser, aber durch und durch integrer Polizeibeamter in Algier, möchte verhindern, dass die algerische Justiz einen gewalttätigen Psychopathen begnadigt. Gleichzeitig bereitet ihm sein junger Assistent Sorgen, der sich mit der Frau von Haj Thobane, einem der einflußreichsten Männer Algiers, eingelassen hat. Das Unglück läßt nicht lange auf sich warten: Schon bald schiebt Haj Thobane seinem Nebenbuhler einen Mord in die Schuhe. Llob kann sich die Umstände des Verbrechens nicht erklären. Zusammen mit der Journalistin Soria stürzt er sich in halsbrecherische private Ermittlungen, die ihn auf die Spur kaltblütiger Verbrechen der gesellschaftlichen Elite führen. Eine Entdeckung, die Llob lieber nicht gemacht hätte.
Hinter der kriminalistischen Suche nach Drahtziehern und Strohmännern deckt der Autor die Situation seines Landes zwischen Bürgerkrieg und Korruption, Angst und Terror, Manipulation und religiösem Fanatismus auf.



Die algerische Autorin Assia Djebar hat die Ehrendoktorwürde des Fachbereichs Sprach- und Literaturwissenschaft der Universität Osnabrück erhalten (AP Archiv)Die algerische Autorin Assia Djebar (AP Archiv) Assia Djebar
geboren 1936 in Algerien, Schriftstellerin, Historikerin, Filmemacherin, ist eine bedeutende Autorin des Maghreb. Auszeichnungen: 1996 Neustadt-Literaturpreis, 2000 Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und 2006 Premio Grinzane Cavour für ihr Lebenswerk.

Wikipedia: Assia Djebar

Oratorium schwebender Frauenstimmen

Assia Djebar in der culturebase.net

Assia Djebar
Die Frauen von Algier
Erzählungen. Aus d. Französ. v. Alexandra von Reinhardt . Fischer Taschenbücher Bd.18267 Originaltitel: Femmes d' Alger dans leur appartement
2011 Fischer (TB.), Frankfurt
Als Delacroix auf seiner Algerienreise im Jahre 1832 ein Harem besucht, ist er schlagartig von der verbotenen Welt fasziniert. Zwei Jahre malt er an dem Bild "Die Frauen von Algier". Assia Djebar gibt uns in ihren Erzählungen Einblick in den Alltag algerischer Frauen, die in einer Ära des Umburchs an den starren Traditionen zu zweifeln beginnen. Es sind starke, selbstbewusste Frauen, die sich zwischen patriarchaler und kolonialer Unterdrückung ihren Weg bahnen. 1955 malte Picasso auf seine Weise die algerischen Frauen als "Feuerträgerinnen" des Widerstands. Djebars Erzählungen werden von einer Kraft getragen, die Hoffnung auf Befreiung gibt.
Assia Djebars Erzählungen fesseln durch ihre genaue Beobachtung und sprachliche Eleganz, durchsetzt mit arabischen Bildkaskaden, aber sie irritieren auch durch ihre gnadenlose Offenheit.

Assia Djebar
Das verlorene Wort
2006 Unionsverlag
Ein Algerier kehrt nach 20 Jahren aus französischem Exil in sein Land zurück und ist hin- und hergerissen zwischen seiner französischen Erziehung und dem algerischen Alltag, wie er ihn dort erlebt.

Assia Djebar
Die Ungeduldigen
2000 Unionsverlag
Assia Djebar zählt zu den bedeutendsten Gegenwartsschriftstellerinnen des Maghreb. In diesem Roman schildert sie am Beispiel Dalilas, einer arabischen Studentin aus bürgerlichem Haus, den Ausbruch islamischer Frauen aus der traditionellen Gesellschaft. Dalila drängt es mit aller Macht ins Leben. Sie lehnt sich gegen Familie und Tradition auf. Auch in ihrer Beziehung zu Selim, ihrer ersten Liebe, kämpft sie für ihr Recht auf Selbstbestimmung.

Assia Djebar
Die Frauen von Algier
1999 Unionsverlag
Nach dem Besuch in einem Harem malt Delacroix 1832 sein Meisterwerk "Frauen von Algier in ihrem Gemach", das einen Blick in eine verbotene Welt wirft. 1955, zu Beginn des Algerienkriegs, malt Picasso die Frauen von Algier auf seine Weise: als "Feuerträgerinnen" des Widerstands. Assia Djebar greift das Thema wieder auf und fixiert Bilder im Alltag von Frauen, die in einer Ära des Umbruchs an den starren Traditionen zuzweifeln beginnen. "Sie bricht alle Tabus und überschreitet die Grenzen, wenn sie die Erinnerung und den verborgenen Körper der Frau ans Licht bringt", schrieb die algerische Presse nach dem Erscheinen dieses Buches.


Claudia Nieser
Hagars Töchter
Der Islam im Werk Assia Djebars. Theologie und Literatur
2011 Matthias-Grünewald-Verlag
Die Romane der algerischen Schriftstellerin Assia Djebar im Jahr 2000 mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet behandeln Themen von höchster Aktualität: den Islam, seine prägende Kraft auf die Gesellschaft und besonders die gesellschaftliche Rolle von Frauen. Claudia Nieser beschreibt, wie Assia Djebar in ihren Romanen den Einfluss islamischer Kultur auf weibliche Lebensläufe darstellt, die Einschränkung von Freiheiten im Namen der Religion hinterfragt und Wege zur Überwindung dieser Einschränkungen aufzeigt. Dabei entsteht ein vielgestaltiges Bild des Islam ganz anders als die gängigen stereotypen Darstellungen. Claudia Nieser stellt das Werk Assia Djebars in Beziehung zur biblischen Gestalt der Hagar, die eine Vorlage bietet, fundamentalistischen Bestrebungen, die das "Andere" und "Fremde"ausgrenzen oder gar bekämpfen wollen, zu widerstehen.


Albert Memmi
(* 15. Dezember 1920 in Tunis, Tunesien) ist ein französischer Schriftsteller und Soziologe tunesischer Herkunft, der in über 20 Büchern Dekolonisation, Rassismus und Emigration untersuchte sowie das Lebensgefühl der Entfremdung und Entwurzelung zur Sprache gebracht hat.
Wikipedia:Albert Memmi

Albert Memmi
Das kleine Glück
Zweiundfünfzig Betrachtungen.
1999 Insel, Frankfurt

Albert Memmi
Die Salzsäule
2002 Wagenbach
Albert Memmi erzählt seine eigene Geschichte: er blickt zurück, um seine Herkunft zu erkennen.
Sohn einer berberischen Mutter und eines jüdischen Vaters, erzogen in einem französischen Gymnasium, steht er zwischen armen Handwerkern und reichem Bürgertum, zwischen einer alten und einer modernen Welt.
Wird er die Gerüche, die Stimmungen, die Farben, wird er Tunis und die Personen seiner Kindheit hinter sich lassen, den Vater mit seinen Hustenanfällen, die tanzende Mutter, das schöne Mädchen Ginou - und ein neues Leben und eine neue Heimat finden?

Abdellah Taïa
(* 1973 in Salé) ist ein offen schwuler marokkanischer Schriftsteller und Journalist, der seit 1998 im selbst gewählten Exil in Paris lebt.
Wikipedia: Abdellah Taïa

Kultur heute: Protest gegen Homosexuellen-Hatz
Schriftsteller wehren sich gegen Diskriminierung



Abdellah Taïa
Une mélancolie arabe
in französischer Sprache.
2010 Points
Der Roman orientiert sich an der Lebensgeschichte des Autoren, der einer armen marokkanischen Familie entstammt. Seine Homosexualität und sein Interesse an der Kultur bringen ihn dazu, seine Familie zu verlassen, zu reisen und eine Künstlerkarriere zu beginnen. Der Roman wird zu einem mutigen Bekenntnis eines jungen Mannes, der seine Homosexualität leben möchte, ohne seine Herkunft zu verleugnen.

Roman construit sur l'autobiographie de l'auteur, issu d'une famille marocaine pauvre, que l'homosexualité et le goût de la culture vont pousser à voyager et entamer une carrière artistique. Le récit sincère et courageux d'un jeune Arabe qui assume son homosexualité sans renier son origine ni sa religion.


Cécile Oumhani, 1952 als Tochter belgisch-schottischer Eltern indischer Provenienz geboren, verbringt einen Teil ihrer Kindheit in Kanada, ist seit den frühen 1970ern durch Heirat Tunesien verbunden und heute Dozentin für englische Literatur an der Universität Paris 12 mit Schwerpunkt Postkolonialismus und weibliches Schreiben

Auszug aus dem Manuskript:

Der Maghreb. Wörtlich übersetzt: "Der Westen", der Ort, wo die Sonne untergeht. Auf geht sie im Osten, der auf Arabisch "mashriq" heißt. Darin steckt "sharaqa", "aufgehen, sich erheben, strahlen". Die Grundwurzel ist "sharq": "der Osten, der Orient". Im Westen aber geht die Sonne unter. Aber nicht nur die Sonne zieht in Richtung Westen. Auch die Menschen tun und taten es, vor allem seit dem 8. Jahrhundert nach Christus, als der Islam von der arabischen Halbinsel aus immer weiter nach Westen drang und schließlich, im 7. Jahrhundert, im Gebiet des heutigen Maghreb, ankam. "Rarraba" nach Westen gehen, auch dieses Wort birgt die Wurzel "r-r-b" (Mit Zäpchen-r, dann rollendem r), die für alles steht, was mit dem Westen zu tun hat.

Doch was ist dieser Westen aus der Sicht des Ostens? Auch das teilt die Sprache uns mit: eine unbekannte Region, ein fremdes Land. Das Verb "tarraraba" bedeutet "in die Fremde gehen", das Verb "irtaraba" wiederum "in der Fremde leben". Und in der Fremde wohnen teils merkwürdige Menschen: "istarraba" bedeutet im Arabischen "seltsam, merkwürdig finden". Und dorthin, in die Fremde, zieht es die Menschen von der Arabischen Halbinsel nicht. Im Grunde möchten sie zu Hause, in der Heimat bleiben. Der Westen ist ihnen fremd, wenn irgend möglich meiden sie ihn. So dass das auf dieselbe Wurzel "r -r-b" zurückgehende Wort "rurba" nicht nur "Fremde", sondern auch "Exil" heißt. Und dass es noch weiter in die Fremde, noch weiter in den Westen gehen kann, das deutet auch die "Algarve" an, jene Region im Süden Portugals, deren Namen auch diese arabische Wurzel zurückgeht.

Das heißt aber auch, dass man den Maghreb auch aus europäischer Sicht nicht ausschließlich als fremde Region verstehen kann. Nicht immer waren Europa und Afrika, Orient und Okzident ja durch ein Meer getrennt. Vor sieben Millionen Jahren sank der Meeresspiegel immer weiter ab, bis er schließlich vollständig vertrocknete. Zurück blieb eine gewaltige Salzwüste, auf der dann Afrika und Europa miteinander kollidierten, sich zu einer festen Landmasse verbanden. Tausende Jahre blieben die Kontinente vereint, bis über den Atlantik dann wieder neues Wasser in das Becken flossen. Seitdem sind Afrika und Europa wieder getrennt.

Doch in Verbindung standen sie weiter. Die Schifffahrt zwischen den beiden Kontinenten mochte gefahrvoll sein - doch immer zog es die Menschen von der einen auf die andere Seite des Ufers, ein ständiger Verkehr, über den das Mittelmeer gerade an der Meerenge von Gibraltar zur Drehscheibe der Kulturen wurde. Der Historiker Fernand Braudel, der große Chronist des Mittelmeeres, hat diesen Isthmus in seiner großen Chronik der mediterranen Welt beschrieben.

Im äußersten Westen des Mittelmeers befindet sich ein kleiner, autonomer Raum zwischen eng aneinander gerückten Landmassen, der dem Menschen leicht zugänglich ist: der mediterrane "Ärmelkanal". Eine eigene Welt zwischen der Straße von Gibraltar im Westen und jener Linie, die vom Kap Caxine (Kaschin) bis zum Kap de la Náo (Nau) reicht oder, gröber gesagt, von Valencia bis Algier. Die Durchfahrt ist in keiner Richtung einfach: nach Osten gerät man in den weiten Raum des westlichen Mittelmeeres; nach Westen in den noch weiteren Atlantik jenseits der Meerenge, deren Passage wegen häufiger Nebel, starker Strömungen und Sandbänke an den Küsten an sich schon ein Wagnis ist. Obendrein bedeutet eine Meerenge, ähnlich wie ein weit ins Meer hinausragendes Kap, immer auch eine Veränderung der Strömungen und Winde. In der Nord-Süd-Richtung dagegen ist der von Osten nach Westen langgestreckte Ärmel relativ leicht zu passieren. Für das Festland der iberischen und nordafrikanischen Welten ist er keine Schranke, sondern eine Art Fluss, der eher vereint als trennt, der Nordafrika und Iberien zu einer einzigen Welt zusammenschließt, zu einem "Bi-Kontinent".

In nicht mehr ganz so grauer Vorzeit dann formen sich die Grundlagen der heutigen Zivilisation. Ab dem 6. Jahrhundert vor Christus erobern die Römer immer größere Gebiete am nördlichen Ufer des Mittelmeeres. An seinem südlichen Ufer hatten sich die Phönizier ausgebreitet, die auf dem Gebiet des heutigen Tunesiens im 9. Jahrhundert die Stadt Karthago gründeten. Die Eroberung und Zerstörung dieser Stadt im Jahr 146 vor Christus bildete den Auftakt zur Romanisierung Nordafrikas, an die sich bald auch dessen Christianisierung anschloss. Die Kirchenväter Tertulian und Cyprian wurde beide in Karthago geboren, während der heilige Augustinus auf dem Gebiet des heutigen Algerien zur Welt kam. Bedeutende Ahnherren des Katholizismus waren also Afrikaner - Nordafrikaner.

Seit frühesten Zeiten hatte das Mittelmeer, "al bahr al mutawasit al abyad", "Das weiße mittlere Meer", wie die Araber es nennen, also mehr eine verbindende als eine trennende Funktion. Das blieb auch so, als seit Mitte des siebten nachchristlichen Jahrhunderts die soeben islamisierten Araber in den Maghreb eindrangen. Sie änderten die Kultur des Landes grundlegend: Nordafrika wurde muslimisch. Seitdem standen südliches und nördliches Mittelmeerufer sich immer wieder auch feindlich gegenüber. 711 bricht ein islamisches Heer von Marokko aus in das damals von den Westgoten beherrschte Spanien auf - der Beginn einer über 700 Jahre dauernden Herrschaft, die erst 1492, mit der Rückeroberung des letzten arabischen Königtums, desjenigen von Granada, endet. Viele Muslime brechen auf in Richtung Maghreb, aber auch die Juden verlassen das Land. Im Maghreb freut man sich über die Zuwanderer: Die jüdischen Einwanderer bereichern das Land mit ihren Fähigkeiten ungemein.

Über 300 Jahre später, ab 1830, erobern die Franzosen das Gebiet des heutigen Algeriens. Einige Jahre später wurde das Land der französischen Republik einverleibt. 1881 wurde Tunesien zum französischen Protektorat erklärt. Marokko fiel 1912 unter französische und spanische Herrschaft. Unabhängig wurden die Länder erst um die Mitte des 20. Jahrhunderts wieder, nach zum Teil blutigen Kämpfen. Die Algerien tobte der Unabhängigkeitskrieg acht Jahre lang, von 1954 bis 1962.

Die Anrainerstaaten diesseits und jenseits des Meeres bilden eine nicht immer leichte Nachbarschaft. Das ist auch nicht erstaunlich, meint der tunesisch-französische Essayist und Schriftsteller Albert Memmi. Memmi, der Mitte des 20. Jahrhunderts seinen berühmten Essay "Porträt des Kolonisierten" veröffentlichte und damit zu einer zentralen Gestalt der Unabhängigkeitsbewegungen nicht nur des Maghreb, sondern der gesamten Dritten Welt wurde. Über die Natur grenzüberschreitender Kulturkontakte macht er sich wenig Illusionen.

Ich glaube, Zivilisationskontakte sind zunächst von Konflikten geprägt. Sie beeinflussen einander über Konflikte. Und vielleicht besteht die bedeutendste Leistung dieser Kontakte darin, die verschiedenen Kulturen miteinander zu versöhnen. Aber am Anfang steht immer der Konflikt. Eine der bedeutendsten Formen dieser Kontakte ist der Kolonialismus - er steht am Anfang vieler Kulturkonflikte. Ich selbst habe diesen konfliktträchtigen Kulturkontakt durchlebt. Als ich nach dem zweiten Weltkrieg nach Paris kam, wollte ich studieren, ich wollte die Stadt "erobern", wie man es damals nannte. Eingelebt und an die Stadt gewöhnt habe ich mich aber ganz langsam. Aber ich glaube, es ist die Art, nach der Kulturen in Kontakt miteinander treten.

Lange Nacht

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