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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 04.09.2012

Jenseits des Wirtschaftswunders

In China ist der Wohlstand sehr ungleich verteilt

Von Markus Rimmele

Wanderarbeiter in China verdienen kaum genug zum Leben und müssen unter schlechten Bedingungen leben. (picture alliance / dpa / Chinafotopress/Liu Tao)
Wanderarbeiter in China verdienen kaum genug zum Leben und müssen unter schlechten Bedingungen leben. (picture alliance / dpa / Chinafotopress/Liu Tao)

Nirgends wächst der Reichtum so schnell wie in China, doch nicht jeder Einwohner profitiert davon. Zwischen dem Osten und dem Westen des Landes, zwischen Städten und Dörfern gibt es ein großes Gefälle.

Die Berichte vom Ende der Fünfzigerjahre könnten erschütternder kaum sein. Eine Hungersnot, manche Forscher sagen, die größte der Weltgeschichte, erfasste China. Ausgelöst durch Mao Zedongs "Großen Sprung nach vorn" - eine politische Kampagne - starben nach jüngsten Schätzungen bis zu 43 Millionen Menschen, hauptsächlich an Unterernährung. Heute ist der Hunger weitgehend ausgelöscht. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen stellte seine Hilfe für China im Jahr 2005 ein. Peking zahlt nun selbst in den Hilfstopf für arme Länder. Chinas Pro-Kopf-Sozialprodukt liegt heute deutlich vor dem der Ukraine und Ägyptens - bei einer Bevölkerung von fast 1,4 Milliarden Menschen. Das moderne China ist die vielleicht größte Erfolgsgeschichte in der Armutsbekämpfung überhaupt. Premierminister Wen Jiabao:

"China ist das Land mit der größten Bevölkerung weltweit. Seit 1978 hat sich China aus eigener Kraft entwickelt durch die Reform- und Öffnungspolitik. In weniger als 30 Jahren haben wir die Anzahl der Menschen, die in absoluter Armut leben, reduziert, von 250 Millionen auf 15 Millionen."

Während es fast allen Chinesen heute materiell besser geht als vor 30 Jahren, sind die sozialen Unterschiede im Land enorm gewachsen. Es gibt ein Ost-West und ein Stadt-Land-Gefälle: An den Küsten moderne High-Tech-Städte. Im Landesinneren schlechte Infrastruktur, Schulen und Krankenhäuser. Das Pro-Kopf-Einkommen eines Shanghaiers ist etwa dreimal so hoch wie das eines Bewohners in der westlichen Provinz Gansu. Auch innerhalb der Städte ist der soziale Unterschied frappierend. Ganz unten sind meist die Wanderarbeiter, etwa das Paar Xu Zongye und Zhang Yongliang aus der Provinz Jiangsu. Sie leben in einer kleinen Dachkammer in Shanghai ohne Bad und Toilette, auf 14 Quadratmetern:

Frau: "Mein Budget für Essen liegt an manchen Tagen bei umgerechnet 20 Eurocent. Ich gebe sie für Nudeln aus, die reichen für zwei Mahlzeiten."

Mann: "Ein Pfund Gemüse kostet morgens 20, am Abend 15 Cent. Denn dann ist es ja weniger frisch. Ich kaufe Kohl und Rüben, alles andere ist zu teuer."

Das kommunistische China leidet unter einer Spaltung in arm und reich. Sie ist, das zeigen soziologische Berechnungsmethoden, heute größer als in den Vereinigten Staaten. Arbeiter und Bauern profitieren kaum noch vom Wirtschaftsboom. Die Inflation frisst ihr Geld auf. Lebensmittel sind in nur einem Jahr um mehr als 13 Prozent teurer geworden. Gleichzeitig kaufen die Neureichen immer mehr deutsche Luxus-Autos. Beamte und Parteikader häufen oftmals gigantische Reichtümer an. Das politische System ist tief korrupt. Der Arbeiterrechtler Liu Kaiming aus der südchinesischen Stadt Shenzhen:

"Zwischen 1978 und 2008 wuchs die chinesische Wirtschaft jedes Jahr im Schnitt um 9,7 Prozent. Dennoch lebt die Mehrheit unserer Menschen immer noch in Armut. 60 Prozent der Chinesen müssen mit weniger als fünf US-Dollar am Tag zurechtkommen. Das ist doch unglaublich. Unser Wirtschaftswachstum dient nur der Regierung, der kommunistischen Partei und vielleicht dem Militär. Ich halte dies für eine Tragödie und die Wurzel all unserer Probleme."

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