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Thema / Archiv | Beitrag vom 17.02.2010

"Jemand, der verwundet ist, ist auch sensibler oder auch zerbrechlich"

Regisseurin Zbanic über ihren Film "Na Putu" und das Leben im Nachkriegsbosnien

Jasmila Zbanic im Gespräch mit Holger Hettinger

Die bosnische Regisseurin Jasmila Zbanic erhielt 2006 den Berlinale-Friedenspreis für ihren Film "Esmas Geheimnis - Grbavica". (AP)
Die bosnische Regisseurin Jasmila Zbanic erhielt 2006 den Berlinale-Friedenspreis für ihren Film "Esmas Geheimnis - Grbavica". (AP)

"Na Putu" ist ein Film über die Radikalisierung von Muslimen in Bosnien. "Ich wollte zunächst eine Liebesgeschichte machen", sagt Regisseurin Jasmila Zbanic über den Film, der auf der Berlinale zu sehen ist. Zbanic erhielt 2006 den Goldenen Bären für ihren Film "Esmas Geheimnis".

Dieter Kassel: In dem Film "Na putu" begegnen wir Amar und seiner Frau Luna, einem erst mal ziemlich normal wirkenden, modernen, jungen Pärchen in Nachkriegsbosnien. Die beiden führen ein ziemlich westliches Leben, Amar arbeitet am Flughafen, trägt Jeans und T-Shirt und wirkt eigentlich ziemlich glücklich am Anfang dieses Films, aber das ist er nicht. Er hat ein Alkoholproblem, verliert deshalb seinen Arbeitsplatz, und damit beginnt der Abstieg, ein Abstieg, der ihn schließlich in die Hände eines Freundes geraten lässt, der zum fundamentalistischen Muslim geworden ist - und genau das wird Amar am Ende auch.

"Na putu", der Weg, ist der neue Film der bosnischen Regisseurin Jasmila Zbanic, die für ihren Film "Esmas Geheimnis" 2006 den Goldenen Bären bekam. Dieser Film "Esmas Geheimnis" und der neue Film "Na putu" haben eins gemeinsam: Beide beginnen mit einer scheinbar normalen Welt, in die nach und nach die Schatten der Vergangenheit einbrechen.

Mein Kollege Holger Hettinger hat in unserem Berlinale-Studio mit Jasmila Zbanic gesprochen und hat sie auch als Erstes gefragt, warum das in ihren Filmen so ist, warum das diesmal wieder so war mit der Normalität, die irgendwann völlig verschwindet.

Jasmila Zbanic: Ich wollte zunächst eine Liebesgeschichte machen, in der anfänglich alles nach Harmonie aussieht. Und die Dinge in Bosnien sind nun so gelagert, dass alles von der Oberfläche her betrachtet zunächst normal und harmonisch aussieht, aber viele Dinge sind, wenn man genauer hinblickt, nicht gelöst, und das kommt dann raus oder es bricht aus wie Vulkane, wenn es eine dramatische Situation gibt. Und ich wollte eben diese vielen Schichten der menschlichen Existenz herausarbeiten und vordergründig über Bosnien etwas zeigen, aber etwas zeigen, das auch universal gültig ist.

Holger Hettinger: Ich habe so am Anfang dieses Films gemerkt, oh, toll, ich kann mich ganz klasse mit Ihren Helden identifizieren. Dieser Amar, ungefähr so meine Generation, bisschen jünger vielleicht, auch so jemand, der gern feiert, der lebensbejahend ist, der urban lebt – und dann gibt es einen Moment, da merkt man: Oh, hoppla, diese Generation hat ja ein Riesentrauma, nämlich der Krieg. Also, dieser Kerl ist so Ende 30, aber der hat Kriegserfahrungen, und auch bei Luna schwingt immer so ein bisschen ein düsterer Zug mit. Macht dieser Hintergrund die Beziehungen der Menschen brüchiger, die Menschen anfälliger für, ich sage mal, radikale Ideen?

Zbanic: Ja, es ist so, dass die Wunden des Krieges bei vielen Menschen noch nicht verheilt sind, und jemand, der verwundet ist, ist auch sensibler oder auch zerbrechlich. Und der Frieden, den wir heute sehen, ist ungerecht und in gewisser Weise auch hart und brutal, viele Menschen, die derart verwundet sind, lassen sich dadurch auch leichter manipulieren und ihre Entscheidungen fallen dann auch dramatischer oder radikaler aus als Menschen, die diese Vergangenheit nicht haben.

Ich persönlich interessiere mich für Menschen, die verborgene Probleme haben, und wir als Zuschauer sollten dieses auch selbst entdecken, also, es sollten die Dinge nicht zur auf dem Präsentierteller dargeboten werden, sondern der Zuschauer sollte seine eigenen Gründe und Motive auch finden können.

Hettinger: Mir war nicht so ganz klar, wie ich Ihren Film lesen soll – als Paarstudie oder eher als Gesellschaftsporträt?

Zbanic: Ich wollte eigentlich hiermit eher eine Paarstudie entwerfen, und die Gesellschaft dient eher als Hintergrund dieser ganzen Fragestellungen, und ich hoffe, dass die Menschen den Film auch eher in seiner metaphorischen Bedeutung verstehen. Natürlich passiert das alles in Bosnien, aber ich hätte gerne, dass die Menschen sich mehr öffnen für allgemeine Ideen, dass es eben nicht nur für Bosnien gilt, sondern auch in Berlin, in den USA, im Irak stattfinden kann.

Also, es geht hier um etwas Universelleres, etwas Metaphorisches und insbesondere auch nicht nur um radikale, religiöse Vorstellungen, sondern auch Ideen, die uns alle angehen und die uns auch verändern.

Ich habe mir die Frage gestellt, wie ein Paar funktionieren kann, wenn sich eine Person in der Beziehung verändert, ob das dann auch die andere Person verändert, ob man wieder den alten Beziehungstyp aufleben lassen möchte oder etwas Neues sucht, und diese Veränderung hat mich interessiert – oder ob man auch akzeptieren kann, dass der andere sich verändert hat und wo dabei die Grenzen sind, was man noch mittragen kann und wo man vielleicht sagt, hier geht es nicht mehr weiter.

Hettinger: In Ihrem Film, Jasmila, sieht man sehr schön diese ausgesprochen volkstümliche Note des bosnischen Islam. Da wird Raki getrunken, da werden patriotische Lieder gesungen, anzügliche Witze erzählt, es wird gelacht, getanzt. Das kontrastiert sehr, sehr eindrucksvoll mit den strengen Gebräuchen dieser konservativen Religionsgemeinschaft in diesem (…), an diesem Stausee. Sind das die Pole, zwischen denen sich das religiöse Leben in Bosnien derzeit abspielt?

Zbanic: Es ist nun so, dass die Religion in Bosnien und auch auf der ganzen Welt immer wichtiger geworden ist, und Studien haben das auch belegt, dass die Leute heute religiöser sind als noch vor zehn Jahren, und das ist in Gesellschaften, die sich in einer Krise befinden, auch ganz normal. Das ist so was wie eine schnelle Lösung oder das Licht am Ende des Tunnels.

Und in dieser traumatischen Situation in Bosnien wollten die Menschen eben schnelle Lösungen und Antworten finden, um eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zu haben und um einen Sinn des Lebens zu entdecken.

Und das ist so eine Art radikale Verdauung der Vergangenheit und ermöglicht eben, schnelle Antworten und Erklärungen für manche Leute bereitzustellen. Es geht dabei auch um Identifikation, um eine Art Brüderlichkeit, um Liebe, um Wärme, die diese Menschen benötigen und, ja, das ist nun der Fall in Bosnien, und ich habe versucht, aufzuzeigen, warum das so ist und warum die Menschen so geworden sind.

Da wird natürlich heute viel gesprochen über den radikalen Islam, aber in meiner Arbeit und meinen Nachforschungen konnte ich eigentlich feststellen, dass die meisten radikal Religiösen eigentlich sehr traurige Menschen sind, die eine traurige Geschichte hinter sich haben und die irgendwie nicht in die Gesellschaft hineingepasst haben aus verschiedenen Gründen. Und mich interessiert nun, warum das der Fall ist, und ich möchte das nicht beurteilen oder verurteilen, sondern nur aufzeigen, warum.

Hettinger: Mich hat das schon sehr bewegt, da diese eine Szene, wo man sieht, um Himmels Willen, in welch einer doch radikalen Ausrichtung das da betrieben wird, dieser Kriegskamerad von Amar – man muss davon ausgehen, noch vor ein paar Jahren war der genauso wie dieser Amar, also auch so ein Partytiger, und der hat dann so ein Gewand an und er weigert sich, Luna die Hand zu geben, nein, kommt gar nicht in Frage, ich gebe keiner Frau die Hand. Diese Religionsgemeinschaft wird in dem Film als Wahabiten bezeichnet, die hatte ich eigentlich bis jetzt immer nur nach Saudi-Arabien gesteckt. Was sind das für Leute?

Zbanic: Diese Glaubensrichtung wurde über Saudi-Arabien nach Bosnien gebracht, und zwar während des Krieges, und ich glaube, dass aus Saudi-Arabien auch viel Geld für Propaganda ausgegeben wurde, um diese Glaubensrichtung mehr zu fördern. Da wurden Bücher gratis verteilt, Moscheen wurden gebaut, die Leute wurden regelrecht angelockt durch Gratis-Essen, das ausgegeben wurde, und den Bosniern wurde erklärt, dass ihre Glaubensrichtung zu liberal sei und dass der Kommunismus sozusagen ihren Glauben verweichlicht oder zerstört habe, da er zu liberal sei.

Und es wurde gefordert, dass die Menschen sozusagen sich auf ihre Wurzeln zurückbesinnen sollten, und das wurde auch finanziell unterstützt. Ich möchte nicht genau darauf eingehen, wer da wen wohin geleitet hat, aber es ist nun eine Realität in Bosnien. Glücklicherweise ist diese Tendenz nicht mehr so stark wie in der Vergangenheit, aber insbesondere die Menschen auf lokaler Ebene praktizieren diesen Glauben.

Hettinger: Der Kriegskamerad von Amar singt an einer Stelle in diesem Film ein arabisches Gebet, sehr berührende Szene. Ich habe das aber schon richtig verstanden, dass das ein Schauspieler ist?

Zbanic: Ja, er ist Schauspieler. Er hat zwei Monate lang geübt, um das alles richtig auszusprechen, diese anderthalb Minuten, die das Gebet umfasst, und das war richtig harte Arbeit, denn er musste all diese Buchstaben lernen, die es ja in unserer Sprache nicht gibt.

Und das war eigentlich ziemlich genial, denn in dieser Szene war es so, dass die Menschen, die uns beobachtet haben, gesagt haben, dass das wirklich aus seinem Herzen zu kommen scheint und dass er das wunderbar macht und dass es eigentlich schade ist, dass er nicht zu ihnen gehört. Ja, das hat mir sehr gut gefallen, er hat sich auch monatelang einen Bart dafür wachsen lassen und wollte diese Rolle eben richtig verkörpern, und viele Leute haben gefragt, ob er tatsächlich auch wirklich Schauspieler ist. Und das ist natürlich das größte Kompliment für einen Schauspieler.

Kassel: Die Regisseurin Jasmila Zbanic, mein Kollege Holger Hettinger hat in unserem Berlinale-Studio am Potsdamer Platz mit ihr gesprochen. Ihr Film "Na putu", der Weg, hat morgen im Rahmen der Berliner Filmfestspiele, Premiere und ist dann übermorgen, am Freitag, noch insgesamt drei weitere Male auf der Berlinale zu sehen.

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