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Interview / Archiv | Beitrag vom 21.03.2013

"Jean Paul saugte alles auf, was in seiner Gegenwart auftauchte"

Navid Kermani würdigt den Dichter zum 250. Geburtstag

Moderation: Nana Brink

Denkmal des Dichters Jean Paul in Bayreuth (picture alliance / dpa / David Ebener)
Denkmal des Dichters Jean Paul in Bayreuth (picture alliance / dpa / David Ebener)

Vor 250 Jahren wurde Jean Paul geboren. Bis heute lasse sich seine Literatur nicht einordnen, findet der Schriftsteller Navid Kermani. Seine Romane seien "voller spontaner Einfälle" und er sei nie wieder erreicht worden "in dieser Tiefe, wie er Aktuelles aufgriff".

Nana Brink: Als der Dichter Jean Paul in Weimar dem etwa gleichaltrigen Friedrich Schiller begegnete, standen sich zwei Fremde gegenüber. Obwohl aus einer Epoche, konnten sie vor allem in der Art zu schreiben nicht unterschiedlicher sein. Nicht umsonst bemerkte Schiller über seinen Dichterkollegen, Jean Paul sei ihm "fremd wie einer, der aus dem Mond gefallen ist".

Heute vor 250 Jahren wurde Jean Paul geboren und erfreut sich wieder neuer Beliebtheit, nicht nur in Schulbüchern. Und am Telefon ist jetzt Navid Kermani, Romanautor und erklärter Jean-Paul-Fan. Schönen guten Morgen, Herr Kermani!

Navid Kermani: Guten Morgen!

Brink: Ein Kritiker, der anlässlich seines 250. Geburtstages über ihn schrieb, nannte Jean Paul einen "schrägen Vogel". Hätte man ihn damit ganz gut beschrieben?

Kermani: Nein, ich glaube nicht. Also, als Person war er offenbar auch gar nicht so schräg. Er hat natürlich sehr viele schräge Vögel, seine Bücher bestehen aus lauter schrägen Vögeln, aber das ist eben auch genau das Verharmlosende, das Verniedlichende in dieser Formulierung, das zu diesem großen Missverständnis geführt hat, meines Erachtens jedenfalls, dass sozusagen Jean Paul so ein kauziger Heimatdichter. Und nichts könnte falscher sein!

Brink: Schon zu Lebzeiten war er ja einer, den man – wie Sie es auch gerade erwähnt haben – nicht einsortieren konnte. Warum oder wie war er denn anders?

Kermani: Ja, was er schrieb, korrespondierte überhaupt nicht mit dem, was zu seiner Zeit geschrieben wurde. Er war wirklich anders, also, da trifft diese Formulierung von Schiller schon ganz gut, wie jemand, der vom Mond kommt. Also, seine Literatur, weil sie sich nicht ordnen lässt. Es waren Romane, die bersten sozusagen schon in ihrem Umfang, aber auch in der Handlung voller Abschweifung, voller spontaner Einfälle! Also, Jean Paul saugte alles auf, was in seiner Gegenwart auftauchte. Und das war einerseits faszinierend, weil, das war sozusagen der erste, wenn man so will, der erste Blog-Autor, wobei er eigentlich auch nie wieder erreicht worden ist in dieser Tiefe oder in der Art und Weise, wie er Aktuelles aufgriff.

Und man kann heute sehen, woher das kommt, man sieht auch gewisse Vorbilder in der englischen Literatur, aber auch gerade in der orientalischen Literatur. Aber zu seiner Zeit und bis heute eigentlich konnte man Jean Paul nicht wirklich einordnen in den Strom deutschsprachiger Literatur.

Brink: Die Frauen liebten seine Romane, was die Männer damals nicht unbedingt als Qualitätsmerkmal für Dichtkunst hielten! War er denn so was wie so ein dichtender Womanizer?

Kermani: Nein, also, eigentlich nicht! Also, wenn man dann noch in den Biografien – es gibt ja gerade jetzt die neue von Helmut Pfotenhauer, die wirklich auch sehr zu empfehlen ist –, wenn man das dann liest, wie diese Beziehungen kamen, das waren ja eigentlich mehr literarische Beziehungen, als dass es erotische Beziehungen waren. Und man sieht bei einigen Frauen sehr deutlich, dass sie eigentlich Jean Paul kennenlernen wollten, um in seinen Romanen aufzutauchen, also, die auch enttäuscht waren, wenn sie denn keine Figuren in seinem Roman wurden, weil Jean Paul wirklich alles aufsaugte, was er erlebte, und seinen Bekanntschaften, den Freundschaften sofort auch eine literarische Präsenz schuf.

Es sei denn, er sah sich genötigt, dann behielt der diese Frauen auch außen vor, also, wenn die zu aufdringlich wurden, dann tauchten sie in seinen Romanen schon mal gar nicht auf.

Brink: Also, eigentlich fand ich aber, dass Männer und gerade Schriftsteller das toll finden! Fänden Sie das nicht toll?

Der deutsch-iranische Schriftsteller Navid Kermani (dpa / picture alliance / Marc Tirl)Der deutsch-iranische Schriftsteller Navid Kermani (dpa / picture alliance / Marc Tirl)Kermani: Nein, ehrlich gesagt, erlebe ich immer wieder, dass Menschen, nicht nur Frauen, sagen, wehe, das kommt in deinem Roman vor! Aber vielleicht war Jean Paul auch einfach der größere Autor und es war eine größere Ehre, in seinen Romanen aufzutauchen als in meinen. Das mag dann die Nachwelt beurteilen.

Aber damals war es einfach so, dass er angeschrieben wurde und die Frauen ahnten schon, dass sie womöglich dann einen Platz in seinem Roman fänden. Und das ist ja das Faszinierende eigentlich auch aus heutiger Sicht. Also, wir reden in den letzten zwei, drei Jahren ja sehr oft darüber, dass die Gegenwartsliteratur, auch gerade die deutsche - aber nicht nur die deutsche - die Grenzen zwischen Fiktion und Realität einbricht, dass sie diese Grenzen durchlässiger macht. Das finden Sie bei Jean Paul beinahe in jeder Seite, man weiß eigentlich gar nicht genau, ist das wirklich erlebt, ist das erfunden?

Auch die Art und Weise, wie er seine eigene Person fiktionalisiert, das ist ein Jean Paul, der auftritt, der Jean Paul genannt wird, aber zugleich zu einer Fiktion wird. Diese festgefügten Grenzen zwischen dem, was ein Roman ist, und dem, was ein Dokument ist, die wir heute glauben aufreißen zu können, die hat Jean Paul vor 200 Jahren schon längst hinter sich gelassen!

Brink: Das scheint Sie ja auch sehr zu faszinieren. Sie haben 2010 eine Poetikvorlesung in Frankfurt gehalten, der Titel: "Über den Zufall. Jean Paul, Hölderlin und der Roman, den ich schreibe". Den Roman haben Sie dann wirklich geschrieben, er ist auch erschienen, er heißt "Dein Name". Ist Jean Paul, ja, so etwas wie ein Vorbild für Sie da auch gewesen?

Kermani: Also, Vorbild hier nicht, anders als Hölderlin habe ich Jean Paul wirklich im Laufe des Schreibens an diesem Roman für mich jedenfalls entdeckt und dann exzessiv gelesen. Aber er war so etwas wie eine Beglaubigung, jemand, der mich ermutigte, mir die Freiheiten zu nehmen, das zu schreiben, was mir in diesem Augenblick am allerwichtigsten auf der Welt ist. Also eine Form zu finden der völligen Offenheit. Da war Jean Paul sicherlich der klassische Autor, der mir am meisten Mut gemacht hat, eine Form sein zu lassen, wenn ich sie nicht gebrauchen kann!

Brink: Würden Sie uns noch eine Leseempfehlung zum Einstieg ans Herz geben? Denn das Herz von Jean Paul ist ja, wie man jetzt auch annehmen kann, ziemlich umfangreich! Was sollen wir lesen?

Kermani: Ja, natürlich. Also, das ist ein so umfangreiches Werk, dass es bis heute, 200 Jahre später, nicht einmal ganz erschlossen ist! Das muss man sich mal vorstellen, bei all den Germanisten, all den Jean-Paulianern. Und es gibt immer noch Seiten, die neu zu entdecken sind, und zwar im ganz konkreten Sinne neu zu entdecken sind. Und ich empfehle eigentlich immer als Einstieg das nicht so bekannte Werk, "Quintus Fixlein", weil es den ganzen Jean Paul enthält, mitsamt seinen ganzen Beschäftigungen mit dem Tod, mit dem Entsetzen, diese ganze religiöse Ebene ist da, aber eben nicht ganz so umfangreich ist wie die ganzen großen Jean-Paul-Romane.

Brink: Navid Kermani, Essayist, Buchautor und selbst großer Erzähler, über den großen Dichter Jean Paul, der heute vor 250 Jahren geboren wurde. Schönen Dank für das Gespräch, Herr Kermani!

Kermani: Bitte schön!


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