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Thema / Archiv | Beitrag vom 30.04.2012

Janukowitsch "vergiftet diese ganze politische Situation"

Ukrainischer Autor und Übersetzer über die Affäre Timoschenko und die Fußball-EM

Jurko Prochasko im Gespräch mit Susanne Führer

Prochasko: Die Ukrainer sind sehr traurig, dass sie diesen Fußball nicht genießen können, auf den sie sich so lange gefreut haben.  (picture alliance / dpa / Chekachkov Igor)
Prochasko: Die Ukrainer sind sehr traurig, dass sie diesen Fußball nicht genießen können, auf den sie sich so lange gefreut haben. (picture alliance / dpa / Chekachkov Igor)

Ob die Spitzenpolitker im Sommer kommen oder nicht: Durch die Affäre um Julia Timoschenko sei das Thema Fußball-EM in der Ukraine restlos politisch verbraucht und vergiftet, sagt der ukrainische Autor und Übersetzer Jurko Prochasko.

Susanne Führer: Eines ist sicher, die Fußballer werden spielen zur Europameisterschaft in Polen und der Ukraine. Wer ihnen dabei zusehen wird, das ist nicht so sicher. Nach Informationen des "Spiegels" erwägt ja die Kanzlerin, die Spiele in der Ukraine zu meiden, denn immer noch ist Julia Timoschenko, die frühere demokratisch gewählte Ministerpräsidentin, in Haft und im Hungerstreik, um gegen ihre Behandlung zu protestieren. Wie beurteilt man in der Ukraine diesen möglichen Boykott deutscher Politiker? Darüber will ich nun mit dem Autor und Übersetzer Jurko Prochasko sprechen, guten Morgen!

Jurko Prochasko: Ja, schönen guten Morgen!

Führer: Was meinen Sie, Herr Prochasko, sollte Bundeskanzlerin Merkel zur EM kommen in die Ukraine oder nicht?

Prochasko: Ja, das ist eigentlich eine schwierige Frage, die ich natürlich Frau Bundeskanzlerin nicht abnehmen möchte. Aber dass die Frage überhaupt gestellt wird und dass diese ganze Angelegenheit problematisiert wird und ein Raum für Diskussion dadurch geschaffen wird, das finde ich nicht nur sehr, sehr richtig, sondern gerade aus unserer Sicht, aus der Sicht der ukrainischen Bevölkerung – und ich habe jetzt in den letzten Tagen sehr, sehr viele Gespräche geführt darüber mit den Menschen hier – sehr, sehr wünschenswert. Und wir würden uns im Stich gelassen fühlen und fast verraten fühlen, wenn keine Reaktion käme.

Führer: Denn Ministerpräsident Janukowitsch hat ja gesagt, es sei eine Einmischung in innere Angelegenheiten und Frau Merkel habe offenbar vergessen, dass sie nicht die Ukraine regiere. Trifft er da auf gar keine Zustimmung in der ukrainischen Bevölkerung?

Prochasko: Nein, überhaupt nicht, überhaupt nicht. Denn dieser Präsident vergiftet diese ganze politische Situation, diese Angelegenheit, diese Fußball-Angelegenheit, die hätte schön werden können, aber jetzt restlos toxisch und vergiftet ist. Ich leite jetzt hier in der Ukraine psychoanalytische Gruppen und es ist ein großes Thema hier, weil, meine Co-Leiterin ist eine Wienerin, eine Wiener Analytikerin, und es kommt natürlich zum Thema auch im Sinne vom freien Assoziieren, dass sich die Ukrainer vor ihr als Ausländerin sehr, sehr, sehr schämen für den Zustand, in dem sich unser Land befindet, und für sich sehr verzweifelt und sehr traurig sind, dass sie diesen Fußball nicht genießen können, auf den sie sich so lange gefreut haben, weil das eben restlos politisch verbraucht und vergiftet ist.

Führer: Das heißt, wenn ich Sie richtig verstehe, ist jetzt die Entscheidung, ob jetzt deutsche Spitzenpolitiker oder auch andere französische oder was auch immer, ob die jetzt kommen oder nicht, ist jetzt gar nicht mehr so entscheidend, sondern die Diskussion ist wichtig und leider ist die Atmosphäre vergiftet?

Prochasko: Die Atmosphäre ist vergiftet sowohl von innen als auch von außen. Von innen ist sie deshalb vergiftet, weil man auf dieses Jahr sich sehr, sehr lange vorbereitet hatte, und es wurden sehr, sehr große Versprechungen gemacht und man hatte alles mit diesem Jahr 2012 verbunden. Vielleicht nur noch das ewige Leben nicht. Das meiste von diesen Versprechungen ist ausgeblieben, die Infrastrukturen, die schönen Straßen, die meisten von ihnen sind einfach nicht gebaut worden, und bei denjenigen Objekten, die gebaut worden sind, sind dann die früheren Bauherren verdrängt worden und die Regierungsnahen wurden installiert, sodass hier im Land man allgemein das Regime hatte, dass man uns ausgetrickst hatte und zum weiteren Mal ausgenutzt hatte, und dass lediglich die Oligarchie daran verdient hatte. Und die Sanktionen oder die Reaktionen, wie auch immer, wären insofern wichtig, als sie sichtbar und fühlbar werden. Denn sonst kann man sie ja verschweigen. Es ist auch hier nicht unbedingt bekannt diese letzte Debatte in Deutschland. Also, man weiß schon, dass man Frau Timoschenko möglichst befreien möchte, aber man weiß zum Beispiel, die meisten wissen von dieser letzten Debatte nichts.

Führer: Herr Prochasko, was meinen Sie eigentlich, ist es nun grundsätzlich gut, dass die Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine stattfindet? Man kann ja sagen, lange seit der Orangenen Revolution hat Europa sich nicht so sehr für die Verhältnisse in der Ukraine interessiert wie jetzt. Oder ist es vielleicht doch nicht so gut, weil sie dann eben doch Präsident Janukowitsch zugute kommt, der sich dann damit schmücken kann?

Prochasko: Ja, das ist ja beides. Und deshalb ist es so eine Zwickmühle, in der wir alle sind und die so furchtbar ambivalente Gefühle hervorruft. Denn einerseits weiß man natürlich – und das hat man sich sehr lange erhofft –, dass dieses Ereignis das Renommee des Landes und das Bild des Landes und überhaupt den Bekanntheitsgrad des Landes sehr viel aufbessern wird. Auf der anderen Seite ist man sich nun bewusst, dass weder wir davon profitieren können, die wir hier mit diesen Sachen hier bleiben werden, noch wird das Bild des Landes gewinnen. Also, daher würde ich sagen, dass es wirklich notwendig ist, dass alle, aber wirklich alle in der Ukraine, von dem ganz normalen Fan bis zu der obersten Regierung, alle gespürt haben, dass irgendwas damit nicht stimmt.

Führer: Der ukrainische Autor und Übersetzer Jurko Prochasko im Deutschlandradio Kultur. Herr Prochasko, jetzt entzündet sich diese ganze Auseinandersetzung an Julia Timoschenko. Taugt sie eigentlich als Symbolfigur? Welches Ansehen hat sie heute in der demokratischen Opposition?

Oppositionelle protestieren in Kiew gegen die Haft der ukrainischen Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko (picture alliance / dpa / Sergey Dolzhenko)Oppositionelle protestieren in Kiew gegen die Haft der ukrainischen Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko (picture alliance / dpa / Sergey Dolzhenko)Prochasko: Ja, das stimmt schon, dass sich diese ganze Entwicklung in den letzten Monaten um sie herum kristallisiert hatte, und das ist auch sehr richtig, weil ... zum Teil richtig. Es ist zum einen richtig, weil die Menschen im Ausland kaum einen anderen Namen, die eh ja schon so schwer aussprechlich sind, merken können, und daher ist es sozusagen die "Titanic" geworden. Und auf der anderen Seite ist es gut, weil das im Kern das trifft, was hier am schlimmsten in diesem Land ist, das heißt, die Rechtlosigkeit. Allerdings, wenn man in die Ukraine selbst schaut, dann wird man sehr unterschiedliche, sehr widersprüchliche Gefühle, weil, sie ist als Persönlichkeit sicherlich nicht diejenige, für die man eine Revolution machen würde oder für die man sterben würde. Und aber, die Tatsache, dass sie nicht richtig verurteilt wurde und dass an ihr Rache verübt wird, die macht sie auch zu einer wichtigen Figur auch in der Ukraine selbst.

Führer: Gibt es eigentlich innerhalb der demokratischen Opposition heute so etwas wie eine, sagen wir mal, Selbstkritik? Man kann ja sagen, die Streiter für die Orangene Revolution haben ihr Kapital eigentlich selbst leichtfertig verspielt, unter anderem gehört dazu ganz prominent eben Julia Timoschenko selbst.

Prochasko: Ja, ja, also, eine Selbstkritik gibt es. Nur, man fragt sich, auf welchem Niveau sie sich abspielt. Also, das ist so, manchmal oszilliert das so zwischen Selbstgeißelung und neuen Parolen, aber ich glaube, eine tiefe Aufarbeitung, eine wirklich ernsthafte Aufarbeitung passiert woanders. Zwar in den intellektuellen Kreisen, aber die sickern nicht in die Opposition durch, zumindest nicht, dass ich wüsste. Denn die Parolen, mit denen die Opposition jetzt kommt, die lassen nichts davon verraten, dass diese Selbstkritik wirklich aufgearbeitet ist und auch angekommen ist.

Führer: Im Oktober stehen ja Wahlen an in der Ukraine. Herr Prochasko, wagen Sie eine Prognose?

Prochasko: Nein, natürlich nicht.

Führer: Gibt es verlässliche Umfragen vielleicht?

Prochasko: Ja, die gibt es, die gibt es. Und die besagen, dass die Partei von Frau Timoschenko, die sich jetzt zum Glück – und das ist ein sehr starkes Signal und das, ich hoffe sehr, dass es dabei bleibt und das erst der erste Schritt ist –, sie hat sich jetzt vereint mit einer anderen Partei, mit Front Smin, also mit der Front der Veränderungen von Arseni Jazenjuk, und sie treten jetzt als eine gemeinsame politische Kraft in diesen Wahlkampf. Es ist sehr wahrscheinlich, dass es Versuche geben wird – es ist für mich so gut wie sicher, dass es Versuche geben wird –, die Ergebnisse zu fälschen, denn die Beliebtheitsraten der regierenden Partei, die sind einfach wirklich tief im Keller. Und die werden es wahrscheinlich versuchen.

Führer: Sagt der Autor und Übersetzer Jurko Prochasko. Ich danke Ihnen herzlich für das Gespräch!

Prochasko: Ja, sehr gern geschehen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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