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Lesart | Beitrag vom 15.02.2016

Jan Böttcher: "Y"Eine fast gelungene politische Liebesgeschichte

Von Rainer Moritz

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Die Hauptstadt Pristina im Kosovo. (imago / stock&people)
Die kosovarische Hauptstadt Pristina ist einer der Haupthandlungsorte in Jan Böttchers Roman "Y" (imago / stock&people)

Der Titel ist überaus minimalistisch: "Y" heißt der neue Roman des Musikers und Autors Jan Böttcher. Neben einem Computerspiel steht darin vor allem eine unerfüllte deutsch-kosovarische Liebesgeschichte im Fokus.

Der 1973 in Lüneburg geborene Musiker und Schriftsteller Jan Böttcher wartete in den letzten Jahren mit stilistisch eindrucksvollen, melancholisch grundierten Romanen ("Nachglühen"; "Das Lied vom Tun und Lassen") auf. In "Y", dessen ambitionierter Titel sich von den Levels eines Computerspiels ableitet, verlässt er das eher überschaubare Setting seiner früheren Bücher und greift gleichzeitig wieder auf das vertraute Thema der Adoleszenz zurück. Der Ich-Erzähler, ein in Berlin lebender Autor, kommt – so der Rahmen – mit ihm fremden Welten in Kontakt, als Leka, ein Freund seines vierzehnjährigen Sohnes Benji, plötzlich verschwindet. Er trifft sich mit Lekas Vater, dem erfolgreichen Computerspieldesigner Jakob Schütte, einem Mittvierziger, der nicht mit Leka zusammenlebt und seine (Beziehungs-)Geschichte en détail ausführt.

Jakob blickt erzählend zurück auf die Phasen einer unglücklichen Liebe, die ihn mit seiner albanischen Schulfreundin Arjeta Neziri verbindet. Diese floh aus dem Kosovo mit ihrer Familie nach Hamburg; Jahre später treffen sie sich 1998 bei einer Geburtstagsfeier wieder. Gegen den Widerstand von Arjetas Vaters werden sie ein Paar, bis 1999 der Krieg im Kosovo alles verändert.

Arjetas Brüder gehen in die Heimat zurück, um gegen Miloševićs Truppen zu kämpfen. Wenig später, nachdem sich Arjeta von Jakob getrennt hat, folgt sie ihren Brüdern – eine Entscheidung, die Jakob keine Ruhe lässt. Als ortsungebundener "Computerfreak" reist er Arjeta nach Pristina nach. Im Dezember 2000 wird dort ihr gemeinsamer Sohn Leka geboren, doch Arjeta will nicht mit dem leiblichen Vater zusammenleben und heiratet einen Rundfunkmoderator.

Der Autor will viel – doch an vielen Stellen schwankt und ächzt es

Jan Böttcher will viel in seinem neuen Roman. Er erzählt in anschaulichen Bildern, wie der "Kosova" (so nennen ihn die Albaner konsequent) nach Kriegsende ein chaotisches Provisorium bleibt, wie Arjetas Familie versucht, sich als Hoteliers in Pristina zu etablieren und wie unterschiedlich die einzelnen Akteure mit den Kriegs- und Nachkriegserfahrungen, mit der kruden Wirklichkeit generell umgehen. Während Jakob diese skrupellos zu einem höchst erfolgreichen Kosovo-Computerspiel ausbeutet, arbeitet Arjeta im sozialen Bereich und entwickelt zusammen mit einem Künstler, der einst durch eine vorgetäuschte Selbstsprengung auf sich aufmerksam machte, Projekte, die den "Unsinn und die Unsinnlichkeit von Grenzen und Restriktionen" anprangern. Die Jugendlichen Benji und Leka wiederum gehen im Kosovo ihre ganz eigenen Wege.

So viel Fesselndes Jan Böttcher in "Y" zu erzählen hat und so sehr er sich anstrengt, die Geschichte des Kosovo dezent zu integrieren, so deutlich ist, dass die Romankonstruktion an vielen Stellen schwankt und ächzt. Das hat mit der recht bemühten Rahmenhandlung zu tun, die einen an seinem Tun zweifelnden Erzähler am Ende mit Sohn Benji in den Kosovo aufbrechen lässt und die immer wieder auf hölzerne Textübergänge wie "Was mich zu einem anderen Ereignis führt" angewiesen ist.

Die kaum fassliche Erzählerfigur ist eine Schwachstelle, und in dem Maße, wie sich Jan Böttcher auf das Szenario des Kosovo einlässt, scheint ihn die in seinen vorangegangenen Romanen gerühmte Poesie seiner Sprache zu verlassen. Schwerfälliges ("In Arjeta verschob sich Transformation zu Revolution"; "Sie war auf dem Zebrastreifen stehengeblieben, ohne dass es eine Insel dafür gab") und Banales ("In der Tiefe seines Herzens wollte Jakob Schütte das Geld immer noch gegen Liebe eintauschen"; "Es bedurfte keiner Worte zwischen Arjeta und mir") sind keine Seltenheit in diesem Roman, der eine eindrucksvolle politische Liebesgeschichte hätte werden können.

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