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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 24.11.2008

Jagd nach islamistischen Terroristen

John le Carré: "Marionetten", Ullstein, Berlin 2008, 368 Seiten

John Le Carré im Jahr 2001 (AP)
John Le Carré im Jahr 2001 (AP)

Der Tschetschene Issa taucht in Hamburg auf und will mit seinem ererbten Geld islamistische Projekte finanzieren. Diverse Geheimdienste heften sich an Issas Spur, um an Dr. Abdullah heranzukommen, der als Financier des Terrors gilt. John le Carré taucht mit seinem neuen Roman "Marionetten" wieder in die Welt des Terrors und der Geheimdienst ab, die Story aber ist zahnlos und berechenbar.

Glaubt man den vielen Interviews, Features und Berichten über "Marionetten", den neuesten Roman von John le Carré, dann hatte ihn das Schicksal von Murat Kurnaz (der in die Fänge der amerikanischen Geheimdienste geraten war, wobei man die Rolle der deutschen Politik zumindest als unklar bezeichnen darf) zu diesem Roman inspiriert. Und die Tatsache, dass Hamburg als Start-Basis für Mohammed Atta & Co. gedient hatte. Vielleicht sind es schlichtweg diese beiden Reizwörter, die das für einen le Carré-Roman in letzter Zeit ungewöhnliche Medien-Bohai in Deutschland ausgelöst haben. Aber allzu spezifisch spielt weder die "Terroristenbasis Hamburg" eine Rolle im Roman, noch der Fall Kurnaz.

Wohl aber, dass die brutale Rücksichtslosigkeit, mit der Geheimdienste ihre eigene Inkompetenz zu vertuschen suchen, im Zuge von 9/11 und dem "war on terror" noch zynischer und menschenverachtender geworden ist. Und dass Menschenschicksale wenig interessieren, wenn eine politische Raison durchzusetzen ist.

Das war schon immer Thema von le Carré, also auch hier, in seinem allerdings vermutlich langweiligsten, zahnlosesten und ausrechenbarsten Roman der letzten 15 Jahre.

Die Story ist, trotz (oder wegen?) aller unterstellten realen Bezüge, wenig originell: Ein durch Folter traumatisierter Tschetschene taucht in Hamburg auf, um mit der Hilfe einer engagierten Anwältin ererbtes, aber blutiges Geld islamischen Projekten zu stiften und selbst Medizin zu studieren. Issa, so heißt er, ist ein reiner Tor, der es fertig bringt, so ziemlich gegen jedes Ausländergesetz der EU zu verstoßen. Er hinterlässt eine breite Trampelspur für verschiedene Geheimdienste verschiedener Länder. Das Geld, illegal von seinem verstorbenen Vater angehäuft – sowjetischer Mafioso und Überläufer, Schlächter, Vergewaltiger und Opportunist -, liegt bei der Privatbank Brue Frères, deren Besitzer solche schmutzigen Konten ebenso wie die treue Vorzimmerdame von seinem Vater geerbt hat. Nicht wissend, dass die Bank eine Geldwaschanlage des britischen Geheimdienstes im Kalten Krieg war. Issa wird zum "Most Wanted Man". Nicht weil er geheimdienstlich interessant wäre, sondern weil man mit ihm und seinem Schmutzgeld-Erbe an einen Mann, Dr. Abdullah, herankommen will, den man – mit mehr oder weniger stichhaltigen Beweisen – für einen Financier des Terrors hält. Oder auch nicht. Er könnte etwas dergleichen sein. Das genügt. Die Dienste instrumentalisieren sich gegenseitig, um Dr. Abdullah aus dem Verkehr zu ziehen.

Und so sind le Carrés Hauptfiguren ziemlich einfallslos entlang der allgemein konsensualen Einschätzung aufgestellt: Die Deutschen zwischen Genie und Bürokratie, aber letztendlich die Hilfstrottel. Die Briten sind die schleimigen Vettern, die Amis die Schlächter, die die Menschenrechte mit Füßen treten.

Auch die sich anbahnende Romanze zwischen dem ältlichen, im dritten Frühling verfangenen Bank-Erben Tommy Brue und der gestrengen, winzigen, blonden und blutjungen Anwältin Annabel Richter erstickt an der brutalen Gleichgültigkeit von Realpolitik. Dennoch gehören die Passagen, in denen le Carré diese komplizierte Love Story seziert, zu den starken Momenten des Buches. Ein anderer ist die satirische Darstellung einer internationalen Geheimdienst-Konferenz als Freakshow. Bei sowas ist le Carré unschlagbar, ähnlich wie bei Verhör- und Dialogsequenzen, wo es darum geht, wer etwas wie nicht sagt. Als Nummernrevue grandios, als Roman funktioniert es nicht ganz. Für die Tugenden eines Polit-Thrillers bleibt zu wenig Platz. Da ist nichts doppelbödig, brillant, verblüffend, nichts zynisch-elegant, nicht ätzend, nichts komisch, nichts überlegen inszeniert, sondern alles sozusagen eins zu eins. So wie die traurige Wirklichkeit. Vielleicht hat le Carré das Metier gewechselt und ist zum Zola des "J´accuse ..!" geworden. Das aber wäre hoch respektabel.

Rezensiert von Thomas Wörtche

John le Carré: Marionetten
Deutsch von Sabine Roth und Regina Rawlinson
Ullstein, Berlin 2008
368 Seiten, 22,90 Euro

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