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Studio 9 | Beitrag vom 03.02.2016

ItalienEine Reliquie geht auf Tournee

Von Jan-Christoph Kitzler, ARD-Studio Rom

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Padre Pio Statue in Pietrelcina / Italien.  (picture alliance / dpa / Lars Halbauer)
Padre Pio Statue in Pietrelcina / Italien. (picture alliance / dpa / Lars Halbauer)

Padre Pio gilt als Italiens liebster Heiliger. Seine sterblichen Überreste werden ab heute in Rom gezeigt. Zu Lebzeiten sollen sich blutende Wunden an seinen Händen gezeigt haben. Den Malen soll er nachgeholfen haben.

Wer den Kult um Padre Pio verstehen will, muss nach San Giovanni Rotondo fahren, in ein kleines Nest im Norden von Apulien. Hier hat Pio von Pietralcina über 40 Jahre lang gelebt und hier hat Renzo Piano vor etwas mehr als zehn Jahren eine gigantische Wallfahrtskirche gebaut. San Giovanni Rotondo gilt, nach Guadalupe in Mexiko und Rom, als der Wallfahrtsort der katholischen Kirche mit den meisten Besuchern. Millionen kommen jedes Jahr, in Spitzenzeiten waren es acht Millionen Besucher. Menschen wie Jessica, eine junge Konditorin aus der Nähe von Neapel:

"Wir haben von ihm eine Gnade Empfangen. Unser Vater hatte einen Infarkt und ist ins Koma gefallen. Und einen Tag darauf bin ich zu Padre Pio gefahren. Für mich ist er alles."

Jasmin hat es nicht weit bis hierher – auch sie kommt regelmäßig, um am Grab Padre Pios zu beten:

"Ich bin ihm sehr ergeben, denn er hat an mir ein kleines Wunder gewirkt. Ich habe zu ihm gebetet und bin von einer Krankheit geheilt worden. Jedes Jahr kommen wir her, um ihm Hallo zu sagen, zu beten. Für uns ist das ein Ritual."

Das Grab ist tief im Inneren der Wallfahrtskirche, man muss ziemlich lange durch das Gebäude laufen und kommt in einer stark vergoldeten Kirche an, in der immer irgendeine Messe geiert wird. Hier liegt er in seinem Kapuzinergewand. Hier strömen die Massen vorbei. Sein Charakterkopf ist mit einer Silikonmaske nachgebildet. Man kann auch noch das Kloster besichtigen, in dem Padre Pio gelebt hat:

"Das ist die Kammer, die Zelle von Padre Pio. Da ist der Eingang, hier hat er 30 Jahre gelebt, und hier war er auch am letzten Abend, am 22. September 1968. Padre Pio stirbt in diesem Sessel da."

Die Kirche Padre Pio Beato von Renzo Piano in Pietrelcina / Italien. (picture alliance / dpa / Lars Halbauer)Die Kirche Padre Pio Beato von Renzo Piano in Pietrelcina / Italien. (picture alliance / dpa / Lars Halbauer)

Aufbrausend und ruppig – trotzdem wollten alle bei ihm beichten

Pater Marciano Morra hat ihn noch gekannt – er ist heute 86, war früher Vorsteher des Klosters und hat so seine Erfahrungen mit den Pilgermassen. Ein einfacher Mensch war Pio nicht, oft aufbrausend und ruppig – aber verehrt wurde er trotzdem, alle Welt wollte bei ihm zur Beichte gehen. Denn schon in jungen Jahren war an Pio in den Augen der Glaubenden ein Wunder geschehen. An seinen Händen hatten sich Wundmale gebildet, blutende Wunden, so wie die von Jesus am Kreuz. Auch die Kirchenoberen waren skeptisch und Historiker wollen bewiesen haben, dass die Chemie nachgeholfen hat, aber Padre Marciano weiß es besser. Alle wussten, dass bei Pio Chemie im Spiel war, das konnte man im Kloster schließlich auch riechen:

"Padre Pio verwendete eine Lösung, denn der Wundschorf an den Händen wurde hart und das beeinträchtigte die Bewegung der Finger. Vor allem abends hat er die Hände im Waschbecken gebadet, damit der Schorf weich wurde und er ihn wegspülen konnte."

Spätestens seit seiner Rehabilitierung und seiner Heiligsprechung durch die Katholische Kirche 2002 aber ist Padre Pio für San Giovanni Rotondo auch ein gutes Geschäft. Padre Morra findet das unausweichlich, wenn so viele hierherkommen und beten wollen:

"Der Kommerz, der sich rund um die Wallfahrtsorte entwickelt, ist nicht von der Katholischen Kirche. Wir haben hier zwei Läden. Der ganze Rest ist von anderen. Und das, was verkauft wird, ist proportional zur Nachfrage. Der Fehler liegt also nicht bei dem, der einen Wallfahrtsort betreibt, sondern in der Nachfrage. Das ist logisch und auch richtig so.

Aber vielen hier geht es gar nicht um Souvenirs, um Heiligenbildchen oder Plaketten. Sie kommen einfach nur so, immer wieder, wie Angela aus Sizilien:

"Das ist das dritte Mal und es ist schön herzukommen, denn hier ist man mit sich selbst im Frieden. Das ist ein sehr intimer Ort."

In Rom wird es in diesen Tagen hingegen großen Rummel um Padre Pio geben. Und in San Giovanni Rotondo freuen sie sich schon, dass Italiens liebster Heiliger bald wiederkommt.

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