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Interview / Archiv | Beitrag vom 21.10.2014

IT-JobsSchafft Crowdworking ein digitales Prekariat?

Wirtschaftsinformatiker fordert Einführung von "Mindestandards"

Jan Marco Leimeister im Gespräch mit Liane von Billerbeck

Zwei LAN-Kabel sind durch einen Knoten verbunden. (dpa / picture alliance / Arno Burgi)
Schlecht abgesichert, aber grenzenlos vernetzt: Crowdworking im Internet (dpa / picture alliance / Arno Burgi)

Schöne neue Arbeitswelt: Beim Crowdworking heuern Unternehmen mittels eines offenen Aufrufs eine undefinierte Masse von Arbeitskräften für bestimmte Aufgaben an. Das bietet zwar einerseits mehr Autonomie, könne aber auch zu Preisdruck führen angesichts des grenzenlosen Wettbewerbs, meint der Wirtschaftsinformatiker Jan Marco Leimeister.

Liane von Billerbeck: Heute ist mal wieder IT-Gipfel. Den veranstaltet die Bundesregierung ja alljährlich. Es geht um das schnelle Internet, was hierzulande vielerorts bekanntlich noch immer eher sehr langsam ist, und ein Thema dort, das auch die Gewerkschaften beschäftigt, das ist das sogenannte Crowdworking, also die Möglichkeit, durch Unternehmen im Netz nach Menschen mit bestimmten Fähigkeiten zu suchen, die Arbeiten am PC also von zu Hause aus erledigen können. Klingt gut – kann aber auch eine Falle sein für die Entstehung eines Prekariats im Netz. Jan Marco Leimeister ist Professor für Wirtschaftsinformatik in Kassel und St. Gallen und er beschäftigt sich in Zusammenarbeit mit der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung eben mit diesem Thema Crowdworking, und er ist jetzt in St. Gallen am Telefon. Herr Leimeister, ich grüße Sie!

Jan Marco Leimeister: Einen schönen guten Morgen!

von Billerbeck: Erklären Sie uns das noch mal genau: Was ist dieses Crowdworking?

Leimeister: Also Crowdworking oder insgesamt Crowdsourcing ist ein neues Prinzip von Arbeitsorganisationen, wo ein Unternehmen oder eine Person, die eine Aufgabe erledigt haben möchte, mittels eines offenen Aufrufs über eine Plattform eine anonyme Menge von möglichen Bearbeitern versucht, anzusprechen, und diese Bearbeiter werden dann – entweder allein oder gemeinschaftlich – diese Aufgabe bearbeiten. Und die Art der Arbeiten, die dort behandelt werden können, sind sehr unterschiedlich: von sehr kleinteiligen, einfachen Aufgaben bis hin zum Entwerfen ganzer Softwarestücke oder zum Testen von Software oder zum Entwickeln von Designs für Logos oder Ähnlichem.

von Billerbeck: Sind das also eher Designertätigkeiten und technische Tätigkeiten oder auch ganz andere Arbeiten?

Leimeister: Also historisch kommt es aus der Softwareentwicklung, und es ist ein Konzept gewesen, das schwerpunktmäßig aus dem Silican Valley, aus der Start-up-Szene stammte, wo man eine Mangelwirtschaft hatte, nämlich nicht genügend Entwicklerressourcen, und die Crowdwork-Ansätze von dort versuchen einfach, dieses knappe gut, nämlich Entwicklungskapazitäten, nach einer anderen Art zu organisieren, damit da höhere Wirkungsgrade rauskommen. Und zwischenzeitlich reichen die Tätigkeiten, die man in Crowds bearbeiten kann, nicht nur von einfachen Tätigkeiten wie dem Testen von Software, sondern bis hin zu dem Entwerfen ganzer Produkte und ganzer Dienstleistungen, aber auch zum Erledigen von Routineaufgaben.

Also wir haben Beispiele für Crowdwork, die im Prinzip jede Phase eines klassischen Softwareentwicklungsprozesses adressieren, und jetzt ist es einfach strukturell ähnlich, sich vorzustellen: Wenn das in dem Bereich geht, dann kann man damit sehr viele andere wissensintensive oder verwaltungsnahe Arbeitsabläufe mit angehen.

"Das ist ein ganz neues Phänomen"

von Billerbeck: Sie stehen auf der Straße in St. Gallen, das nur zur Erklärung für unsere Hörer. Nun, erst mal klingt das ja interessant, zumindest für das Unternehmen: Das kann ganz flexibel sich die nötigen Arbeitskräfte anwerben. Sehen Sie nur Chancen in diesem Crowdsourcing oder Crowdworking?

Leimeister: Nein, absolut nein. Das ist ein ganz neues Phänomen, das ist einem momentan vollkommen überhaupt nicht regulierten Bereich, nämlich dem Internet, jenseits von nationalen Gesetzen und Regulierungen stattfindet, und das in ganz unterschiedlichen Ausprägungsformen anzutreffen ist, und dementsprechend liegen da auch große Gefahrenpotenziale drin, dem sich ja auch unter anderem die Gewerkschaften schon zuwenden und die zu Recht darauf hinweisen, dass, wenn man keine guten Leitplanken für die Entwicklung derartiger Konzepte hat oder Spielregeln, dass es dann auch zu digitalen Ausbeuterbetrieben oder ähnlichen Exzessen von ungleicher Machtverteilung zwischen Anbieter und Nachfrage kommen kann.

von Billerbeck: Sie untersuchen das ja auch im Auftrag der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Sie haben es schon erwähnt: Gewerkschaften warnen da vor digitalem Proletariat. Was heißt das konkret? Was für Fälle kennen Sie da? Gibt es so was schon?

Leimeister: Also es gibt schon einige Fälle, wo man sehen kann, dass diese Crowdwork-Konzepte zu Druck auf Preise führen. Und wenn Sie sich den Markt beispielsweise für Designs von Logos oder Webseiten anschauen, dann ist es durch diese Crowdwork-Ansätze heute kaum noch möglich, als allein arbeitender Designer nur vom Entwerfen von Logos anständig in Deutschland leben zu können. Das heißt – da haben die Gewerkschaften auch schon zu Recht drauf hingewiesen: Da gibt es Bereiche, da kommt Druck durch einfach diesen grenzenlosen Wettbewerb über das Netz zustande.

Das andere ist natürlich auch das: In der Crowdwork, insbesondere, wenn arbeitsteilig vorgegangen wird, liegen Prinzipien von Standardisierung und Industrialisierung, und wir wissen aus der Produktion und aus der industriellen Revolution, dass ... Wenn man das nicht mit Augenmaß und sinnvoll einführt, dann kann das natürlich zu einer sehr schlechten digitalen Arbeitsumgebung oder zu einer sehr schlechten digitalen Arbeit für den Einzelnen führen – und auch da, auf der Ebene der Arbeitsgestaltung, liegen große Herausforderungen.

"Den Geist von hochbezahlter Arbeit und von Mangelwirtschaft"

von Billerbeck: Wie kann man denn nun diese Entwicklung steuern? Denn das ist es ja wohl auch, was die Gewerkschaften wollen, um eben zu verhindern, dass am Ende da Leute zu Hause einem Unternehmen zuarbeiten und noch ausgebeuteter sind, als sie es vielleicht in dem Bereich ohnehin schon sind.

Leimeister: Ja. Also vielleicht, um das etwas in den Kontext zu setzen: Das, was wir momentan beobachten, sind eben nicht die geschilderten Fälle von digitaler Ausbeutung, sondern die meisten Anwendungsfälle, die wir von Crowdwork aktuell sehen und auch untersuchen, atmen noch den Geist von hochbezahlter Arbeit und von Mangelwirtschaft, also wo quasi nicht genügend Entwicklerkapazitäten in kurzer Zeit vorhanden sind.

von Billerbeck: Und die möglicherweise auch die Preise dann diktieren können?

Leimeister: Ein Stück weit schon. Also es gibt da insbesondere im Bereich von Softwareentwicklung Möglichkeiten, über Crowdwork hervorragend zu verdienen. Also diese Beispiele gibt es eben auch. Und in so einem Umfeld ist es jetzt sehr schwierig, mit einfachen Rezepten zu kommen, weil man will ja auf der einen Seite auch die Vorteile, die Crowdwork für den Beschäftigten bieten kann, nämlich ein viel höheres Autonomiemaß und auch ein eigenes Spezialisieren auf Dinge, die man besonders gerne oder besonders gut macht, das will man ja weiter ermöglichen, und gleichzeitig will man aber auch die, sagen wir mal, Unterschreitung von bestimmten Mindeststandards oder Untergrenzen absichern. Und Sie hatten gefragt, wie man so etwas versuchen kann, zu regulieren oder zu lösen:

Da gilt es nach meiner Überzeugung im ersten Schritt, überhaupt erst mal sauber zu analysieren, was es für unterschiedliche Formen genau gibt und wie diese genau funktionieren, und dann sich für die einzelnen Fälle zu fragen: Wie kann man da beispielsweise Leitplanken – sei es jetzt beispielsweise über bestimmte Mindestauftragsvolumina oder Mindestbeschäftigungsumfänge oder über Regelungen zum Umgang mit Sozialversicherungsbeiträgen oder Regelungen zur Verantwortung von beispielsweise den Plattformbetreibern, die solche Lösungen als intermediär ermöglichen – angehen? Da gibt es also sehr viele Möglichkeiten, wo man ansetzen kann. Aber es ist halt einfach sehr schwierig, da eine einfache Lösung für alle Ansätze gemeinsam zu finden.

von Billerbeck: Weil die auch international tätig sind.

Leimeister: So ist es.

von Billerbeck: Der Wirtschaftsinformatiker Jan Marco Leimeister war das von der Uni Kassel und St. Gallen über Crowdworking und die Gefahren für ein neues digitales Proletariat. Ich danke Ihnen!

Leimeister: Ich danke! Schönen Tag noch!

von Billerbeck: Danke schön!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Mehr zum Thema:

Crowdsourcing - Die Stärke der Netzgemeinschaft
(Deutschlandradio Kultur, Netscout, 22.03.2014)

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