Seit 04:05 Uhr Tonart
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 04:05 Uhr Tonart
 
 

Religionen / Archiv | Beitrag vom 25.09.2010

Ist Jesus für uns gestorben?

Serie: Was muss ich wissen, was kann ich glauben? (Folge 4)

Von Andreas Malessa

Für wen ist Jesus gestorben? (Stock.XCHNG / Robert Aichinger)
Für wen ist Jesus gestorben? (Stock.XCHNG / Robert Aichinger)

Es gibt viele Antworten auf die Frage wofür oder für wen Jesus gestorben ist - für seine Ideen und Überzeugungen, um uns zu retten, um Gott zu beschwichtigen.

"Denk an den Kaiser, Du hast die Pflicht, Aufrührer zu kreuzigen!" - so fordert es das Volk in Lynchlaune vom römischen Richter Pontius Pilatus. Eine Szene aus dem Musical "Jesus Christ Superstar", basierend auf Texten aus dem Johannes Evangelium im Neuen Testament:

Dann kam Jesus aus dem Gerichtssaal heraus. Er trug die Dornenkrone und den Purpurmantel. "Seht Euch diesen Menschen an!" forderte Pilatus die Volksmenge auf. Die aber fing an zu schreien: "Kreuzige ihn! Ans Kreuz mit ihm!" "Dann nehmt Ihr ihn doch und tut es," rief Pilatus, "ich bin von seiner Unschuld überzeugt." "Nach unseren Gesetzen muss er sterben", antworteten die jüdischen Hohenpriester, "denn er hat behauptet, Sohn Gottes zu sein."

Jesus ist, wenn schon kein romfeindlicher Revolutionär, dann doch mindestens ein religiöser Provokateur, also weg mit ihm im Namen von Ruhe und alter Ordnung. Das ist die erste und einfachste Antwort auf die Frage, wofür oder für wen Jesus gestorben sei: für seine Ideen und Überzeugungen.

Peter Bubmann: "Martin Luther King oder auch Dietrich Bonhoeffer – die faszinieren die Menschen, weil sie sich ganz hingegeben haben für ihre Sache. An denen kann man lernen, was ein wirklich konsequentes Leben im Geiste Gottes bedeutet. Und in gleicher Weise hat sich Jesus am Kreuz ganz hingegeben, sagt die Tradition. Wie ich meine, zu Recht. In die Selbstaufgabe."

Peter Bubmann ist Professor an der Universität Erlangen, wo er praktische Theologie und Religionspädagogik unterrichtet. Jesus, ein Märtyrer für seine Worte und Taten. Bewundernswert. Aber was hat das mit uns heute zu tun?

"Das hat insofern etwas mit uns heute zu tun, als die ganze geschichtliche Entwicklung des Christentums und damit auch der christliche Glaube gar nicht denkbar wäre ohne das Kreuz, ohne diese Selbsthingabe Jesu, denn nur auf diesem Wege ist der christliche Glaube geschichtlich wirksam geworden. Und in unserer Liturgie haben wir das zum Beispiel im Agnus Dei enthalten: 'Christe, Du Lamm Gottes, der Du trägst die Sünden der Welt.' Die Vorstellung, dass Jesus sich ganz hingibt für uns und für uns gestorben ist, in ähnlicher Weise wie der Bodyguard, der sich vor den Präsidenten wirft, sich bis zur Selbstaufgabe für andere einsetzt."

Die größten und bewegendsten Werke europäischer Sakralmusik handeln alle von diesem Grundgedanken: Jesus starb, um uns zu retten. Das ist die zweite mögliche Deutung seines Todes. Er starb wie ein Bodyguard, der sich vor den Präsidenten wirft, sagt Professor Bubmann.

Bleiben wir in diesem Vergleich, stellt sich die Frage: Wer war dann der Attentäter? Wer hat geschossen? Jahre nach der Kreuzigung Jesu erklärt Petrus, einer der Jünger, die Sache so:

"Ihr wisst ja, dass Ihr nicht mit Gold oder Silber von Eurem nichtswürdigen Lebenswandel freigekauft worden seid, sondern mit dem kostbaren Blut Christi, dem Blut eines untadeligen und unbefleckten Lammes."

Tödlich auf uns gezielt - um in Peter Bubmanns Bild zu bleiben - hat die Sünde. Das Böse. Der "nichtswürdige Lebenswandel", meint Petrus. Damit die Folgen menschlichen Fehlverhaltens nicht auf den Sünder selbst zurückfallen, gab es im Judentum eine Entschuldungs-Zeremonie: Am Versöhnungstag Jom Kippur trug der Priester – der Mittler zwischen Mensch und Gott – das Blut eines Opfertieres, eines "Sündenbocks", ins sogenannte "Allerheiligste" des Tempels, an den Ort der Anwesenheit Gottes.

Diesen Vorgang übertrugen die ersten Christen eins zu eins auf Jesus und das leuchtete den Juden unter ihnen sofort ein: Er ist jetzt unser priesterlicher Mittler zwischen Mensch und Gott; er hat sich als Opferlamm schlachten lassen, stellvertretend wie ein sprichwörtlicher Sündenbock; er ist der neue Ort der Anwesenheit Gottes und er ist unser immerwährender Versöhnungstag.

Gott beweist seine Liebe zu uns dadurch, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. Nun aber werden wir, da wir durch sein Blut gerecht gesprochen sind, vor dem Zorn Gottes gerettet werden.

Wieder einige Jahre später interpretiert der Apostel Paulus das Sterben am Kam Kreuz mithilfe juristischer Begriffe und das leuchtete den Römern, an die er schrieb, sofort ein: Der Mensch kann von sich aus die Forderungen Gottes nicht erfüllen, ist also ein Schuldner des Gesetzes. Seine guten Werke wiegen sein Fehlverhalten nicht auf. Also wird er von Jesus "erlöst". Wie? Indem Jesus alles menschliche Unvermögen tilgt und kompensiert. Fortan steht der Mensch vor dem zornigen Richtergott als gerechtfertigt da.

"Genau diese Vorstellung, dass jede Schuld in gleicher Weise aufgewogen werden muss, wird jetzt eben durchkreuzt mit der Vorstellung, dass einer stellvertretend das erlitten hat. Dieses Prinzip des "Aufwägens" wird aufgekündigt, es wird gesagt, das hat einer stellvertretend für uns übernommen. Und deswegen brauchen wir uns gar nicht mehr drum zu kümmern, dass wir Gott irgendwie besänftigen müssten in seinem Zorn über unsere Sünde."

Das sagt Professor Peter Bubmann so einfach. Manche Texte im Neuen Testament lassen aber den Schluss zu, Jesus sei für eben diesen Zorn Gottes gestorben. Antwort Nummer drei auf die Frage, für wen und wofür er starb: Um Gott zu beschwichtigen.

Der mittelalterliche Theologe Anselm von Canterbury entwickelte eine Erklärung, die leuchtete allen germanisch-keltisch denkenden Mittel- und Nordeuropäern sofort ein: Der Mensch hat durch sein Verhalten die Ehre des Höchsten beleidigt. Das verlangt nach einer Wiedergutmachung, die von einem normalen Menschen gar nicht zu leisten ist, deshalb hat Gott selbst für seine Satisfaktion gesorgt, indem er Jesus am Kreuz sterben ließ.

"Diese Vorstellung von Gott müssen wir verabschieden. Dass Gott erst von uns wieder versöhnt werden muss, ihm fehlt sozusagen die richtige Opferung und deswegen muss sich jemand aufopfern, damit Gott wieder zufrieden ist. Gott musste nicht versöhnt werden, weil er in seiner Ehre irgendwie beleidigt war, sondern wir Menschen brauchten einen Weg, um von der sich durch Leiden und Tod hindurch wirkenden Macht Gottes erfahren zu können."

Das wäre Antwortmöglichkeit Nr 4 auf die Frage, wofür und für wen Jesus gestorben ist: aus Solidarität und Nähe zu allen ungerecht behandelten, verachteten, schmerzgepeinigten und sterbenden Menschen. Als Beweis der Mitleidenschaft im eigentlichen Sinn des Wortes. Als Zusicherung von Trost und Geborgenheit selbst in Augenblicken schlimmster Gottverlassenheit. Zu dieser Deutungsvariante gelangt Paulus, nachdem er selbst unter Krankheit, Trennung von Freunden und politischer Willkür gelitten hat:

Ich bin gewiss, dass weder Hohes noch Tiefes, weder Tod noch Leben uns trennen kann von der Liebe Gottes.

Religionen

Tempel beim Burning-Man-Festival Die Trauer der Feiernden
Bildern von verstorbenen Angehörigen. (Arndt Peltner)

Beim Burning-Man-Festival entsteht für eine Woche in der Wüste von Nevada eine ganze Stadt. Zu der Freilichtgalerie auf Zeit, die von 70.000 Menschen besucht wird, gehört auch ein Tempel der Trauer. Der Tempel soll ein Gedenkort sein - für alle, die einen geliebten Menschen verloren haben. Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur