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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 06.06.2013

Ist Gott weiß?

Ngugi wa Thiong’o: "Im Haus des Hüters", A1 Verlag, München 2013, 254 Seiten

Der kenianische Schriftsteller Ngugi wa Thiong'o während seiner Literaturdozentur an der University of California, USA. (picture alliance / dpa / University Of California / ho)
Der kenianische Schriftsteller Ngugi wa Thiong'o während seiner Literaturdozentur an der University of California, USA. (picture alliance / dpa / University Of California / ho)

Seit Jahren wird der 75-jährige Kenianer Ngugi wa Thiong’o als ein möglicher Anwärter auf den nächsten Literaturnobelpreis genannt. Er hat ein umfangreiches Werk an Romanen, Essays und Theaterstücken geschaffen. Nun legt er den zweiten Teil seiner Autobiografie vor.

Bereits vor drei Jahren erschien "Träume in Zeiten des Krieges", die Geschichte seiner Kindheit. Jetzt folgen die Jugendjahre "Im Haus des Hüters". Dahinter verbirgt sich die Zeit in der Alliance High School, die der junge Ngugi seit 1956 besuchen darf. Hier fühlt er sich behütet vor den "Bluthunden vor den Toren", wie er sie nennt.

Es geht um die politische Situation im der englischen Kolonie. Seit 1952 herrscht der Ausnahmezustand. Die sogenannten "Mau Mau" kämpfen bewaffnet im Untergrund gegen die ungerechte Landverteilung und die Unterdrückung durch die Kolonialmacht. Auch Ngugis älterer Bruder Good Wallace hat sich dem Widerstand angeschlossen. Als der Schüler zu seinen ersten Ferien nach Hause fährt, ist sein Dorf verwüstet und verlassen. Die Häuser sind niedergebrannt und erst nach längerem Fragen erfährt er, dass die Bewohner umgesiedelt worden sind. Er findet seine Familie, aber die Bedrohung durch die Kolonialmacht ist allgegenwärtig. Seine Mutter und die Frau seines Bruders werden mehrfach verhaftet, Ngugi wa Thiong’o als Angehöriger der Volksgruppe der Gikuju muss sich einen Pass besorgen, um das Dorf verlassen zu dürfen. Dazu wird seine politische "Unbedenklichkeit" überprüft. Nur mit Glück kann er in den Hort der Schule zurückkehren.

Hier wird er konfrontiert mit einem Lehrstoff, der die weiße Wirklichkeit abbildet. Der Schulleiter Carey Francis hat eine glänzende Karriere in Oxford ausgeschlagen, um in Afrika "Gutes" zu tun. Dahinter steht eine streng missionarisch geprägte Auffassung, mit dem klaren Oben und Unten von Weiß und Schwarz. Ngugi wa Thiong’o vergleicht Carey Francis an einer Stelle mit Albert Schweitzer. Auch die Schüler suchen zeitweilig Zuflucht im Glauben und schließen sich evangelikalen Erweckungsbewegungen an. Doch die Heranwachsende stellt sich immer wieder grundlegende Fragen – Ist Gott weiß? Wie kann er das Elend in diesem Land zulassen? Welche Aufgaben haben wir in unserem Leben?

Der große Schriftsteller Ngugi wa Thiong’o schildert souverän und mit unglaublicher Leichtigkeit seine Jugendjahre mit den ehrliche Gefühlen und Zweifeln eines Heranwachsenden - eine Entwicklungsgeschichte, die stark den politischen Aspekt mit einbindet, ohne direkt anzuklagen. In der Beschreibung seiner ersten Englischstunde wird der Unterschied zwischen der elaborierten, kultivierten weißen Welt und der Armut und Einfachheit seiner dörflichen Herkunft überdeutlich. Macht es Sinn, den Schülern den Gebrauch von Kristallgläsern zu erklären? Auch in der umfangreichen Schulbibliothek, die sich dem Lernwütigen zuerst als Paradies darstellt, zeigen sich schnell Risse. Ngugi wa Thiong’o findet kaum Literatur, die er in irgendeiner Form mit seiner Lebenssituation in Verbindung bringen kann. Doch die Lektüre von Tolstoi berührt ihn so stark, dass er seine erste Geschichte schreibt, die dann sogar in der Schülerzeitung veröffentlicht wird, allerdings macht er hierbei auch gleich die erste Erfahrung mit der Zensur.

Letzen Endes schafft Ngugi wa Thiong’o nicht nur einen guten Schulabschluss und löst damit das Versprechen ein, das er seiner Mutter gegeben hat, immer sein Bestes zu leisten, sondern findet auch seine eigenen Maßstäbe. Als der stolze Absolvent der berühmten Alliance High School willkürlich verhaftet wird, widersteht er der Versuchung, sich durch eine Lüge die Freiheit zu erkaufen. Stattdessen macht er die Erfahrung, dass er seine Angst besiegen und durch seine erworbenen rhetorischen Fähigkeiten das Gericht von seiner Unschuld überzeugen kann. Damit steht ihm der Weg offen an das Makerere University College in Uganda: Die Ankündigung für den dritten Teil seiner Biographie und einer weiteren kritischen Auseinandersetzung mit dem Ende der britischen Kolonialzeit, die hoffentlich nicht lange auf sich warten lässt.

Besprochen von Birgit Koß

Ngugi wa Thiong’o: Im Haus des Hüters, Jugendjahre
Aus dem Englischen von Thomas Brückner
A1 Verlag, München 2013
254 Seiten, 19,90 Euro

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