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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 15.01.2016

Israelische Fotografin Noga ShtainerAußenseiter als Verbündete

Von Alice Lanzke

Noga Shtainer, Chantal, 2011, Serie: Wagenburg (Noga Shtainer)
Noga Shtainer, Chantal, 2011, Serie: Wagenburg (Noga Shtainer)

Die Bilder der jungen israelischen Fotografin Noga Shtainer sind kunstvoll inszenierte und doch intime Porträts. In ihrem Heimatland hat sie den Durchbruch bereits geschafft. Nun eröffnet ihre erste Soloausstellung in Deutschland.

Der Blick der jungen Frau ist eine Mischung aus Hoffnung und Sehnsucht: Inmitten eines engen Wohnwagens sitzt sie auf einer Couch, die unter Decken und Kleidung kaum zu erkennen ist, und schaut durch ein Fenster ins Helle. "Chantal" hat die Fotografin Noga Shtainer das Bild schlicht genannt – es ist Teil der Porträtserie "Wagenburg", die sie derzeit in der Berliner Podbielski Galerie zeigt.

"Wagenburg" gibt einen Einblick in eine abgeschottete Welt, die typisch für Berlin und doch am Verschwinden ist. Wagenburgen sind Kommunen, in denen unterschiedlichste Menschen in umgebauten Wohn- und Bauwagen leben. Für Noga Shtainer, die 2010 von Israel nach Berlin zog, übten diese Kommunen einen ganz eigenen Reiz aus:

"Die Idee für die Wagenburg-Serie kam aus dem Gefühl, hier eine Fremde zu sein. Ich konnte Menschen, die als typisch deutsch galten, nicht nahekommen. Stattdessen fühlte ich mich den Wagenburg-Außenseitern mehr verbunden, die selbst nicht in das normale Stadtleben passten."

Noga Shtainer, Babet and the Fruits 2011, Serie: Wagenburg (Noga Shtainer)Noga Shtainer, Babet and the Fruits 2011, Serie: Wagenburg (Noga Shtainer)

Die 33-Jährige ist in einem Moshav im Norden Israels aufgewachsen, eine Kibbuz-ähnliche Gemeinschaft mit eigenen Regeln. Diese Erfahrung schuf für sie ein weiteres Gefühl der Verbundenheit mit den Wagenburgen, die sie drei Jahre lang besuchte.

Ihre Porträts wirken dabei sowohl wie intime Momentaufnahmen als auch kunstvolle Inszenierungen – ein Spannungsfeld, das Noga Shtainers Fotografien charakterisiert:

"Ich versuche zwar, den Moment zu kontrollieren, indem ich Anweisungen gebe, aber die besten Fotos, also jene, die es dann in die Serie schaffen, sind die, in denen etwas passiert, das ich dann nicht mehr kontrollieren kann."

Zwölfjährige Fotoserie mit Halbschwester

Obwohl Noga Shtainers Porträts so wirken, als ob die Abgebildeten für einen kurzen Moment einen Einblick in ihr Seelenleben gewähren würden, ist der Künstlerin doch wichtig, dass sie ihre Subjekte nicht zu gut kennt. Deswegen würde sie auch nie ihren Mann für ihre Arbeit fotografieren, sagt sie. Zu groß sei die Angst vor einem verstellten Blick – mit einer Ausnahme: Für die Reihe "Near Conscious", die ebenfalls in der aktuellen Ausstellung zu sehen ist, fotografierte sie zwölf Jahre lang ihre Halbschwester Ella.

Als Shtainer neun Jahre alt war, ließen sich ihre Eltern scheiden. Der Vater gründete schnell eine zweite Familie und bekam mit Ella eine zweite Tochter, die in Noga Shtainers ehemaligem Kinderzimmer lebte. Ihr Bett wurde Ellas Bett, ihr Schrank Ellas Schrank. Noga Shtainer litt unter der Scheidung und den neuen Verhältnissen – das Fotografieren ihrer Halbschwester gab ihr Kontrolle.

"Die Kamera gab mir das Gefühl, wieder in meine Kindheit zurückzukehren. Indem ich sie fotografierte, konnte ich sie verändern – ich hatte die Macht, sie zu kontrollieren."

Noga Shtainer, untitled, 2007, Serie: Near Conscious (Noga Shtainer)Noga Shtainer, untitled, 2007, Serie: Near Conscious (Noga Shtainer)

Das Ergebnis dieser Rückeroberung ihrer Vergangenheit ist auch eine fotografische Erzählung darüber, wie ein junges Mädchen zur Frau wird. Als Ella 15 ist, beendet Noga Shtainer das Projekt. Sie konnte meine Geschichte nun nicht mehr erzählen, sagt sie selbst. Diese Geschichte ist vor allem durch Shtainers Gefühl geprägt, Außenseiterin zu sein – manchmal in der eigenen Familie, dann aber auch in Berlin: ein Gefühl, das sich in ihrer Arbeit wiederspiegelt, wie Jihan Radjai, Kuratorin von Shtainers Ausstellung erklärt:

"Ich denke, Noga Shtainer ist ganz klar als Israelin in Berlin dafür prädestiniert, als Fremde einen speziellen Blick zu haben. Sie ist hier hin gekommen, sie spricht die Sprache nicht, sie hat das Leben von vorne beginnen müssen. Es ist vor allen Dingen der Mut, neu anzukommen, neu ankommen zu wollen, der ihr den Blick eröffnet hat."

Am Freitag, den 22. Januar, findet um 19 Uhr ein Künstlergespräch mit Noga Shtainer in der Galerie Pobielski Contemporary in Berlin statt. Die Ausstellung "Wagenburg & Near Conscious" ist noch bis zum 13. Februar 2016 zu sehen.

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