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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 18.07.2012

Islamophobie und innerarabischer Rassismus

Amara Lakhous: "Scheidung auf Islamisch in der Via Marcone", Wagenbach, Berlin 2012, 234 Seiten

Schauplatz des Krimis ist die italienische Hauptstadt Rom.
Schauplatz des Krimis ist die italienische Hauptstadt Rom. (AP)

Ein arabischsprachiger Dolmetscher ermittelt verdeckt gegen eine eine islamistische Terrorgruppe, die in Rom einen Anschlag plant. Amara Lakhous beleuchtet in diesem Krimi die Friktionen des multikulturellen Zusammenlebens in Italien - und die inner-muslimische Befindlichkeit.

Als Christian Mazzari, arabischsprachiger Dolmetscher am Gericht von Palermo, Besuch vom italienischen Geheimdienst erhält, gerät sein Leben gründlich durcheinander: Er, dessen Großvater einst als Sohn italienischer Einwanderer in Tunis zur Welt kam, soll als verdeckter Ermittler in Rom tätig werden. Dort, so Capitano Tassarotti, plane eine islamistische Terrorgruppe einen Anschlag in größerem Stil. Schon wenige Tage später beginnt Mazzarani sein neues Dasein als illegaler Immigrant namens Issa – nichts ahnend, welche Schwierigkeiten und Abgründe in Rom auf ihn lauern. Rasch verschafft er sich zwar Zugang zu dem berüchtigten Callcenter 'Little Cairo', das im Zentrum der Ermittlungen steht und von einem zwielichtigen und gerissenen Ägypter geführt wird. Und er erhält wie gewünscht ein zwar enges und überteuertes Zimmer in dessen Wohngemeinschaft in der Via Marcone, Zielobjekt Nummer zwei. Doch da ist auch die schöne Sofia alias Safia, eine unglücklich verheiratete Ägypterin, die Issas Herz erobert und ihn auf Abwege zu bringen scheint. Denn Issa muss nicht nur Sofia gegen rassistische Pöbeleien verteidigen, sondern sieht sich selbst bald bedroht.

"Scheidung auf Islamisch in der Via Marcone" ist der zweite Teil einer Krimi-Trilogie, anhand derer Amara Lakhous – 1970 wurde er in Algier geboren, seit 1995 lebt er in Rom – die Friktionen des multikulturellen Zusammenlebens in Italien betrachtet: hier die Vorurteile der Italiener gegen die meist muslimischen legalen und illegalen Einwanderer; dort die Probleme und Ressentiments der Immigranten, die um Würde, Papiere und ihre Identität ringen. Ging es im ersten Band dieser Trilogie um das von kulturellen Missverständnisse geprägte Miteinander im Berlusconi-Land, nimmt Lakhous nun vor dem Hintergrund der seit 9/11 herrschenden globalen Hysterie eines "war on terror" einerseits die westliche Islamophobie, vor allem aber die inner-muslimische Befindlichkeit aufs Korn: der unausrottbare Glaube an Verschwörungstheorien gegen die Araber; die ambivalente Rolle von Al Jazeera; der innerarabische Rassismus; Hetztiraden fanatischer Möchtegern-Imame, deren Fatwas unter den Immigranten Angst und Schrecken verbreiten.

Und dann ist da noch die heikle Sache mit der Frau im Islam – für die Lakhous sich eines überzeugenden Stilmittels bedient: Er lässt seine Geschichte abwechselnd aus der Sicht von Issa und Sofia erzählen. Sofia aber ist eine so lakonische wie ironische Kommentatorin, die das alt überlieferte Gedanken- und Brauchtum vieler Muslime – seien das Jungfräulichkeitswahn oder Polygamie, Beschneidung oder Schleier – mit natürlicher Schlagfertigkeit ad absurdum führt.

Auch Lakhous führt am Ende dieses witzig-lockeren, aber dennoch hintersinnigen kleinen Romans Issas Ermittlungen auf überraschende Weise ad absurdum. Dann möchte man "Scheidung auf Islamisch in der Via Marconi" eigentlich noch einmal lesen – und kann sich derweil freuen auf den letzten Band dieser erfrischenden Trilogie, die nicht allein italienischen Verhältnissen den Spiegel vorhält.

Besprochen von Claudia Kramatschek

Amara Lakhous: Scheidung auf Islamisch in der Via Marcone
Roman
Aus dem Italienischen von Michaela Mersetzky
Wagenbach Taschenbuch Verlag, Berlin 2012
234 Seiten, 11,90 Euro