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Religionen / Archiv | Beitrag vom 11.08.2012

Islamisch sein, ohne traditionell sein zu müssen

Die Islamwissenschaftlerinnen Rabeya Müller über ihr neues Buch

Moderation: Kirsten Dietrich

Es bestehe eine gewisse Notwendigkeit an solchen Büchern, sagt Rabeya Müller.
Es bestehe eine gewisse Notwendigkeit an solchen Büchern, sagt Rabeya Müller. (AP)

In ihrem Buch "Der Islam" bietet die Autorin Rabeya Müller, gemeinsam mit Lamya Kaddor, Kindern und Jugendlichen eine Einführung in den Islam. Das besondere sei, dass das Buch von zwei muslimischen Frauen geschrieben worden sei und Themen "auch in einer liberalen Perspektive aufgreift".

Kirsten Dietrich: Wo die Eltern mit ihrer Weisheit am Ende sind, reichen sie den Kindern gern ein Buch rein. Diesen Eindruck kann man manchmal haben, wenn man sich das immer weiter spezialisierte Angebot von Kinderbüchern zu Sinn- und Glaubensfragen anschaut. Bisher spielten diese Bücher meist vor christlichem, seltener jüdischem oder konfessionslosem Hintergrund, doch inzwischen wachsen auch die Angebote für Kinder zum Islam.

Ein Buch ist Mitte Juli erschienen, der Titel, ganz klar und übersichtlich: "Der Islam: Für Kinder und Erwachsene". Was das Buch besonders macht? Nicht nur das Thema ist der Islam, auch die Autorinnen sind Musliminnen, Lamya Kaddor und Rabeya Müller, beide engagierte Lehrerinnen, Islamwissenschaftlerinnen und Vermittlerinnen zwischen Islam und der deutschen Gesellschaft in allen Facetten.

Ich habe vor der Sendung mit einer der Autorinnen gesprochen, nämlich mit Rabeya Müller, und ich wollte wissen, was das Besondere an dieser neuen Einführung in den Islam ist.

Rabeya Müller: Ja, Sie haben das Wichtigste eigentlich schon genannt, erstens mal, dass es von zwei muslimischen Frauen geschrieben worden ist, und außerdem, dass es nicht nur in der klassischen Form, sondern auch in einer liberalen Perspektive Probleme aufgreift, die gerade Kinder und Jugendliche sehr bewegen, die allerdings auch für Erwachsene interessant sind.

Dietrich: Das heißt, das ist ein Buch, das aus einer problembezogenen Perspektive arbeitet, nicht erst mal ganz generell den Überblick geben will?

Müller: Sowohl als auch. Also wir haben uns bemüht, auch in durchaus klassischer Form bestimmte Themen des Islams aufzugreifen, weil wir denken, dass es notwendig ist, dass jeder, der sich mit weiterführenden Problematiken beschäftigt, auch eine bestimmte Grundlage haben muss.

Und dazu gehören eben die Basics. Allerdings, aus der Erfahrung heraus, die sowohl Frau Kaddor als auch ich gemacht haben: Was die Fragestellung gerade bei Jugendlichen anbetrifft, sind dann die Fokussierungen auf die einzelnen Unterthemen erwachsen, und wir waren erstaunt, wie spannend das auch für uns selbst war.

Dietrich: Das heißt, das sind diese ganz alltagspraktischen Fragen, also wie kann ich mein Leben hier als Muslim, als Muslimin in Deutschland mit den Ansprüchen des Islam in Verbindung bringen?

Müller: Sehr richtig, zum Beispiel ganz simple Sachen wie Eheschließungen zwischen einem Nicht-Muslim und einer Muslimin oder Fragen, die Sexualität betreffen, die die Geschlechterrollen in der Familie betreffen - all diese Dinge.

Aber immer haben wir uns bemüht, das logischerweise aus dem Koran heraus zu filtern. Allerdings ist es natürlich so, dass im Koran nicht alles aufgelistet drinsteht, was uns heute so bewegt, und von daher ist es einfach notwendig, sowohl die traditionellen Vorstellungen als auch durchaus eine liberalere Perspektive nebeneinanderzustellen und dann den Jugendlichen, aber auch den jungen Erwachsenen oder Erwachsenen dazu zu animieren, hier selbst Entscheidungen zu treffen, die er mit sich und mit Gott vereinbaren kann.

Dietrich: Das taucht in dem Buch ja immer wieder so auch als eine ganz wichtige Denkfigur auf, zu sagen: Das und das sind die Quellen, und aber entscheiden muss dann jeder selber, es gibt gar keine endgültige Lehrmeinung. Ist das wirklich das, was so ein Bedürfnis der Jugendlichen trifft?

Müller: Nein, eigentlich nicht. Jugendliche sind sehr darauf fixiert und sind das auch gewöhnt, dass man ihnen klar sagt: Das ist verboten, das ist erlaubt, das musst du tun. Aber der Islam - und das kann man aus dem Koran klar herauslesen - befürwortet ganz stark die Eigeninitiative, das eigene Denken bei jedem Menschen und die eigene Entscheidung, denn nur er kann schließlich hinterher dafür geradestehen und kann dann nicht auf jemand anderen verweisen und sagen, der hat mir aber gesagt. Natürlich wäre der erstere Weg der einfachere, und deswegen ist es durchaus relativ unbequem für Jugendliche.

Dietrich: Das heißt, Sie schreiben ganz bewusst an den Wünschen der Zielgruppe vorbei?

Müller: Ich glaube nicht. Ich glaube, von der Resonanz, die ich bisher bekommen habe, dass es sehr wohl den Bedürfnissen entspricht vor allen Dingen, weil es solche Perspektiven auftut, die durchaus mit dem Koran vereinbar sind, aber den meisten Jugendlichen oder jungen Erwachsenen noch nicht in dieser Form bekannt sind.

Und die Tatsache, dann hinzugehen und eigene Entscheidungen zu treffen, ist ja etwas, was sie durchaus in der bundesdeutschen Sozialisation auch gelernt haben. Und sobald sie das miteinander kombinieren können, dass das auch in ihrer Religion eine gewünschte Denkfigur ist - ab da trifft es genau die Zielgruppe, und jemand, der das natürlich nicht möchte, den muss man halt lassen, da kann man nichts machen.

Dietrich: Das Buch heißt ja ganz generell "Der Islam". Es ist ... Da machen Sie auch wirklich keinerlei Hehl draus, dass Sie aus einer ganz bestimmten Perspektive schreiben, Sie haben sie eben ja schon beschrieben, liberal eher, als Frauen - passt das zusammen in diesem großen Anspruch, eben über "den" Islam zu schreiben?

Müller: Ja, gerade, denn ich denke, sehr traditionell-konservative Werke über den Islam gibt es in hinreichendem Maße, und es ist ja nicht so, dass das etwas wäre, was man vom Tisch fegen sollte, im Gegenteil: Ich glaube, dass es gut ist, diese Perspektiven aus diesen etwas traditioneller ausgerichteten Büchern und diesem miteinander zu vergleichen, um eben ein breiteres Spektrum zu haben, um seine Entscheidungen treffen zu können.

Aber genau die Perspektive, die Frau Kaddor und ich hier aufgegriffen haben, ist eine, die nur in sehr geringem, fast gar keinem Maße überhaupt auf dem Büchermarkt auftaucht, und deswegen, denke ich, ist das gerade wichtig, dass Jugendliche und auch Erwachsene sich einmal damit auseinandersetzen.

Dietrich: An wen richtet sich Ihr Buch? Sind das hauptsächlich Jugendliche oder sind das auch Erwachsene?

Müller: Also ältere Kinder, das heißt Jugendliche so zwischen zwölf und 14, können das durchaus schon lesen, aber es gibt natürlich auch genügend Informationen, die auch Erwachsene noch nicht haben.

In dem Sinne ist das also sowohl für die eine, als auch für die andere Zielgruppe gedacht, und jeder kann sich natürlich dadurch, dass es ja sehr gegliedert ist, erst einmal die Dinge heraussuchen, die für ihn oder für sie wichtig sind.

Dietrich: Andere Frage zur Zielgruppe: Richtet sich das an Muslime oder richtet sich das an Nicht-Muslime? Sie schreiben ja ganz deutlich innerhalb einer muslimischen Perspektive, aber haben Sie auch die anderen im Blick?

Müller: Ja, natürlich. Das ist eine Erfahrung, die Frau Kaddor und ich sehr häufig gemacht haben, wenn wir Vorträge halten, wenn wir auf Tagungen sind, dass die Leute immer wieder gefragt haben: Das, was Sie da erzählen - gibt es das irgendwo auch schriftlich?

Und diese Interessengruppen waren vorwiegend gerade Nicht-Muslime und Nicht-Musliminnen, und wir denken, dass wir diese Zielgruppe ebenso erreichen wie auch das muslimische Klientel, das sich für so etwas interessiert.

Dietrich: Interessiert sich das muslimische Klientel dafür?

Müller: Ja, gerade Jugendliche. Also wir haben gerade im letzten Jahr ein hochinteressantes Projekt miteinander gestaltet, Frau Kaddor und ich, gerade mit Jugendlichen, vor allen Dingen jungen Männern, und die haben eben interessanterweise diese Frage auch gestellt: Wo gibt es das, was ihr da erzählt, auch schriftlich?

Dietrich: Ich frage das vor allen Dingen, weil: Man hat so, wenn man eben von außen als Nicht-Muslimin schaut, immer den Eindruck oder dieses Bild wird vermittelt, dass da Traditionen, religiöse Traditionen noch ganz urwüchsig in der Familie weitergegeben werden, dass die Traditionskette, anders als in christlichen Familien vor allen Dingen, noch kein Stück angeknackst ist oder so. Das scheint dann ein völliger Fehlschluss zu sein, von außen …

Müller: Das würde ich nicht sagen. Natürlich gibt es durchaus eine bestimmte Gruppe, die diese Traditionen auch noch pflegt, das ist ja auch vollkommen legitim, allerdings ist das mittlerweile etwas zwiespältiger geworden, gerade für die Jugendlichen.

Erstens mal: Dass sie diese Traditionen noch mittragen, hat oft etwas damit zu tun, dass sie ihre Eltern und Großeltern nicht verletzen möchten, auf der anderen Seite aber längst im Grunde genommen ein eigenes und völlig anderes Leben führen.

Und es ist wichtig, dass sie lernen, dass das Leben, das sie führen, dass das durchaus auch mit dem Islam kompatibel ist, dass sie als moderne muslimische Bürgerinnen und Bürger dieses Staates den Islam hier leben können, ohne dass sie damit im Grunde genommen koranische Prinzipien ankratzen. Wenn sie Traditionen ankratzen, ist das eine andere Sache.

Dietrich: Sie arbeiten mit Lamya Kaddor ja gerade auch an dieser Vermittlungsarbeit. Sie geben eine Schulbuchserie heraus für Islamunterricht, Sie haben an einem Auswahlkoran gearbeitet.

Müller: Ja.

Dietrich: Warum ist dieses Interesse gerade so virulent, an diesen Themen?

Müller: Ich glaube, natürlich aus der Erfahrungsperspektive heraus, die wir beide haben, nämlich dass Jugendliche sich immer wieder in einer sehr zwiespältigen Situation befinden und das eine, nämlich religiöse Traditionen, nicht mehr mit ihrem alltäglichen Leben übereinander bekommen, auf der anderen Seite aber auch, weil wir denken, dass es Zeit ist, eine, ja, liberalere Sichtweise auf den Koran mit in die islamische Gemeinschaft mit reinzubringen, weil diese Perspektive bisher sehr viel zu kurz gekommen ist.

Und der beste Ansatz sind im Grunde genommen gerade Kinder und Jugendliche, die lernen sollen, müssen und können, dass ihre Entscheidungen durchaus islamisch sein können, ohne dass sie traditionell sein müssen.

Dietrich: Ist es dabei schwierig, in so einer Einführung die Balance zu halten zwischen, ja, zugewandter, bestätigender Information und auch dem Ansprechen der kritischen Punkte? Sie lassen da ja wenig aus, von Koranschulen, Ehrenmorden bis zur Zwangsehe.

Müller: Also ich denke, es war nicht so ganz einfach. Wir haben in vielerlei Hinsicht an der Wortwahl auch ein bisschen gefeilt, weil es uns nicht darum geht, hier irgendjemand an den Pranger zu stellen oder irgendwie herauszuheben, wo die Probleme ausschließlich in der muslimischen Community sind, weil wir denken, dass es auch ein gesamtgesellschaftliches Problem ist.

Aber auf der anderen Seite, denke ich, ist es auch wichtig, klar Stellung zu beziehen gegen jede Form von Extremismus, gegen Dinge, die ganz stark nur eine Richtung im Islam für gutheißen. Der Islam ist grundsätzlich eine sehr vielfältige und auch dynamische Religion, und wir glauben, dass es an der Zeit ist, genau diese Form auch wieder gerade Jugendlichen näherzubringen, damit die ihr Leben eigenständig gestalten können.

Dietrich: Wie anerkannt ist diese Übersetzungsarbeit innerhalb der muslimischen Gemeinschaft, oder ganz platt gefragt: Kaufen muslimische Eltern das Buch?

Müller: Ja, das ist ganz interessant. Also an der Übersetzungsarbeit zum Beispiel bei diesem Koran für Kinder und Erwachsene, an der Übersetzung hat sich niemand gestört oder nur sehr wenige. Das Problem waren eher die Bilder, die in diesem Buch drin waren.

Und es wird tatsächlich durchaus von muslimischer Seite aus gekauft, es ist allerdings auf der anderen Seite so, dass es manchmal einen gewissen Widerstand bestimmter bisher traditionell ausgerichteter Gruppen gibt. Aber nichts desto trotz hat es sich mittlerweile etabliert, und viele sagen uns auch, ja, wir haben das gekauft und das hat uns auch sehr weitergeholfen - aber das müssen wir ja nicht überall rumerzählen. Also die Verkaufszahlen sprechen für sich, und das ist auch eine Bestätigung für Frau Kaddor und mich, das eine gewisse Notwendigkeit an solchen Büchern besteht.

Dietrich: Vielen Dank an Rabeya Müller, Projektleiterin beim Zentrum für Islamische Frauenforschung in Köln, und zusammen mit Lamya Kaddor Verfasserin des Buches "Der Islam: Für Kinder und Erwachsene". Das Buch ist erschienen im Verlag C.H. Beck, hat 175 Seiten und kostet 19,95 Euro.


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