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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 22.06.2015

Islamfeindlichkeit in DeutschlandGanz offene Ressentiments

Von Aurelie Winker

Muslime beim Nachmittagsgebet in der Eyüp-Sultan-Moschee in Nürnberg (picture alliance / dpa / Foto: Daniel Karmann)
Muslime beim Nachmittagsgebet in der Eyüp-Sultan-Moschee in Nürnberg (picture alliance / dpa / Foto: Daniel Karmann)

Viele Deutsche glauben, der Islam sei nicht mit unseren Werten vereinbar. Wie überraschend dann diese Zahlen: Die meisten Muslime in Deutschland haben kein Problem mit der Homo-Ehe oder sprechen sich für legale Abtreibungen aus.

Was denken Sie, wenn sie Islam hören?

"Da es so viel in den Medien ist gerade, verbindet man es einfach mit Extremismus und Gefahr."

"Missverstanden, radikal."

"Weltreligion, Mittelalter."

Aussagen, die erschrecken. Genau wie die aktuelle Bertelsmann-Studie. Mehr als die Hälfte der Deutschen empfindet demnach den Islam als bedrohlich. 40 Prozent der Befragten stimmen der Aussage zu, dass sie sich durch Muslime fremd im eigenen Land fühlen. Worüber es aber keine Studien gibt: Wie viele deutsche Muslime fühlen sich durch Pegida oder Islamfeindlichkeit fremd im eigenen Land?

Vorurteile und Diskriminierung

Ich bin Islamwissenschaftlerin. Mit dem Studium angefangen hatte ich im September 2001 in Heidelberg. Seitdem werde ich mit Vorurteilen über den Islam konfrontiert. Die Gleichung scheint oft einfach zu sein: Islam ist gleich islamischer Extremismus. Oder Islam ist gleich Unfreiheit. Ich will die andere Seite zeigen - zeigen, dass Muslime in Deutschland oft unter Vorurteilen und Diskriminierung leiden.

Ich sitze in der Küche von Aynur Bagdelen. Sie hat mit mir zusammen in Heidelberg studiert, ist Muslima und trägt seit 2008 das Kopftuch.

"'Wenn du hörst: Islamfeindlichkeit, was ist deine erste Assoziation?' 'Hm, Islamfeindlichkeit, gang und gäbe, leider. Also es ist nichts, was außergewöhnlich ist, oder nicht alltäglich, sondern überall präsent für mich.'"

Aynurs Eltern kommen aus der Türkei, sie ist in Eberbach bei Heidelberg geboren. Das Kopftuch ist für sie ein "Gottesdienst" - sie hat sich selbst dafür entschieden und fühlt sich wohl damit. Auch wenn ihr das viele nicht glauben wollen - und obwohl sie merkt, dass die Menschen anders auf sie reagieren - zum Beispiel, wenn sie mit ihrem kleinen Sohn unterwegs ist.

"Auch im Kindergarten merk ich das, denken die Leute, man kann gar kein Deutsch, erst mal so, oder möchte bestimmt nicht angesprochen werden. Man wird auch manchmal ignoriert, also morgens vor allem, wenn man das Kind hinbringt, braucht es immer ne Weile, bis die Leute auftauen."

Ähnlich geht es auch Etem Ebrem. Er ist 30 Jahre alt und arbeitet in einem Verein für interreligiösen Dialog in Heidelberg, namens Mosaik. Von islamfeindlichen Vorfällen im Alltag erfährt er regelmäßig:

"Ich hab erst gestern wieder eine Nachricht aufs Handy bekommen von einer Studentin aus Osnabrück, die überfallen worden ist, und ihr wurde dann das Kopftuch ausgezogen und sie ist ohnmächtig geworden. Und diese Erfahrung dessen, dass gerade dann wenn Muslimsein sichtbar wird, es auch angefeindet werden kann, das wird uns immer wieder berichtet."

Er erzählt weiter, von anderen Geschichten. So ist ein junger Mann mit schwarzem Bart im Bus in Heidelberg als "Scheiß-Muslim" beschimpft worden. Dass der Mann eigentlich ein armenischer Christ war, macht die Sache nicht besser.

Fortbildungen für Lehrer

Etem Ebrem ist Muslim. Seine Eltern kommen aus der Türkei, aber er ist Heidelberger. Als Jugendlicher hat er erfahren, wie es ist, wenn man in der Schule immer als "Der Muslim" wahrgenommen wird. Für die Landeszentrale für politische Bildung, gibt er inzwischen Fortbildungen für Lehrer. Wegen ihrer Religion ausgegrenzt zu werden, ist für viele Jugendliche auch in der Schule eine schlimme Erfahrung - sie kann im Extremfall dazu führen, dass sich die Jugendlichen zurückziehen und radikaleren Formen des Islams zuwenden.

Pegida und die Diskussion darüber, hat überraschenderweise auch etwas Gutes bewirkt, meint Etem Ebrem. Für das Problem Islamfeindlichkeit gäbe es jetzt mehr Aufmerksamkeit.

"Ich würd sogar soweit gehen, dass ich sagen würde: Danke Pegida! Das hat ein Bewusstsein dafür geschaffen, dass es ein Problem gibt im Themen-Zusammenhang mit Islam und Muslimen und dass dieses Problem nicht nur Islamismus ist, sondern auch Ängste, Vorurteile, teilweise auch berechtigte Ängste, die aber nicht abgebaut werden."

Und Pegida hat dazu geführt, dass viele Menschen sich mit den Muslimen solidarisieren. Anfang des Jahres gibt es Solidaritätsbekundungen, wie hier am Brandenburger Tor in Berlin. Auf der Bühne steht die Berliner Grünen-Politikerin Susanna Kahlefeld.

"Wir dürfen die Musliminnen und Muslime in Berlin nicht allein lassen mit der Hetze, der sie ausgesetzt sind. Die, die in Dresden auf die Straße gehen und rufen, wir sind das Volk, die mögen alles mögliche sein, aber die Mehrheit sind die nicht."

Demonstrationen wie diese zeigen: Offene Feindseligkeit gegenüber dem Islam ist in Deutschland zurzeit nicht mehrheitsfähig.
Aber oft ist die Diskriminierung subtil. Zeitungscover mit der Aufschrift: "Wie gefährlich ist der Islam?", stellen nicht wirklich eine Frage sondern bedienen Ängste und Vorurteile.

Yasemin Shooman arbeitet am Jüdischen Museum in Berlin und leitet dort das jüdisch-islamische Forum. Sie ist Rassismusforscherin mit dem Spezialgebiet Islamfeindlichkeit.

"2004 war zum Beispiel ein recht berühmtes Spiegelcover 'Allahs rechtlose Töchter', über sozusagen die Unterdrückung muslimischer Frauen. Also auf dem Cover war eine Frau zu sehen, wie sie so geduckt übers Bild huscht und eben ganz in dunkle Kleidung gehüllt. Und die Berichte im Inneren, da wurde ganz viel kulturalisiert, es wurde ganz viel ethnisiert. Soziale Probleme wurden ganz stark erklärt mit Religionszugehörigkeit, mit kultureller Zugehörigkeit."

Eine Art Ventil

Für Diskriminierung gegenüber Muslimen fehlt oft die Sensibilität. Yasemin Shooman hat beobachtet, dass Menschen, wenn es um die jüdische Minderheiten geht, politisch sehr korrekt sind. Ihre Ressentiments gegen andere Minderheiten wie Roma oder Muslime äußern manche dann aber ganz offen. Eine Art Ventil. Und eine Möglichkeit, selbst besser auszusehen.

"Auf der einen Seite existiert die Vorstellung, muslimische Frauen sind per se unterdrückt und das Pendant dazu ist die emanzipierte Europäerin. Das heißt, es ist auch ein Stück weit die Möglichkeit zu sagen: 'Der Sexismus, das ist nur noch ein Problem der anderen, die Homophobie, das ist nur noch ein Problem der anderen, der Minderheit, und wir haben kein Problem mehr damit.' 'Ist das auch beim Antisemitismus so?' 'Das absolut auch.'"

Das deckt sich mit meinen Erfahrungen. Oft, wenn ich versuche zu sagen, dass die Muslime, die ich kenne, einfach ganz normale Deutsche sind, kommen Argumente wie:

"Ja, aber Frauen mit Kopftuch sind doch unterdrückt."

Oder:

"Ja, aber der Islam ist doch eine gewalttätige Religion."

Dass viele Muslime etwas anderes vorleben, prallt oft einfach ab. Dabei wäre es einen Versuch wert, ihnen zu glauben.

Mehr zum Thema:

Islamfeindlichkeit - Montags gehe ich nicht raus
(Deutschlandfunk, Das Wochenendjournal, 24.01.2015)

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(Deutschlandfunk, Aktuell, 06.01.2015)

Pegida-Demonstrationen - "Es gibt einen Extremismus der Mitte"
(Deutschlandradio Kultur, Studio 9, 15.12.2014)

Islamfeindlichkeit - "Menschen islamischen Glaubens werden homogenisiert"
(Deutschlandfunk, Interview, 02.11.2014)

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(Deutschlandfunk, Informationen am Abend, 19.09.2014)

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