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Lesart / Archiv | Beitrag vom 30.05.2015

Islam-DebatteScharfsinniges und Emotionales

Ayaan Hirsi Ali (picture alliance / dpa / Foto: Juan Vrijdag)
"Der Islam ist keine Religion des Friedens." Diesen Satz formuliert Ayaan Hirsi Ali gleich zu Beginn ihres neuen Buches. (picture alliance / dpa / Foto: Juan Vrijdag)

Die Kurzkritiken dieser Woche zeigen die vielen Facetten der islamischen und der arabischen Welt: Eine ganz und gar säkulare Graphic Novel entwirft den Araber von morgen, eine Undercover-Dschihadistin berichtet und Ayaan Hirsi Ali fordert eine Reformation des Islam.

Blau ist das französische Meer, gelb die Wüste Libyens, rosa die Straßen Syriens. Wenige Farben und wenige Striche genügen dem Comic-Zeichner Riad Sattouf, um ein klares und komisches Bild seiner internationalen Kindheit zu zeichnen.

(Knaus Verlag)"Der Araber von morgen" von Riad Sattouf (Knaus Verlag)Die Eltern lernen sich beim Studium an der Sorbonne kennen und ziehen nach der Promotion von Frankreich nach Libyen, das angeblich fortschrittlichste Land der Welt. So läuft der kleine Riad mit seinen langen, platinblonden Haaren wie ein fremder Engel durch das ihm fremde Land, er bestaunt die Nachbarn und wird von den Nachbarn bestaunt.

Die Geschichte der arabischen Welt als Familiengeschichte

Parallel kommentiert der erwachsene Comiczeichner die naive Sicht des Kindes. Mit liebevollem Spott schildert er den Vater, dessen Größenwahn und Minderwertigkeitskomplex, und die hinreißend geduldige Mutter, die nur einmal als Radiosprecherin einen Lachanfall bekommt, als sie die absurden Propagandareden al-Gaddafis verlesen soll. Aber einmal gelacht ist natürlich zu viel. In kleinen Episoden voller Seitenhiebe erzählt Riad Sattouf die Geschichte einiger arabischer Länder in Form einer Familiengeschichte. Dieses scharfsinnige Buch kann man nicht genug loben.

Riad Sattouf: Der Araber von morgen. Eine Kindheit im Nahen Osten (1978-1984). Graphic Novel.
Knaus Verlag, München 2015, 160 Seiten, 19,99 Euro

 

(Droemer Verlag)"Undercover Dschihadistin" von Anna Erelle (Droemer Verlag)Melodie ist 20 Jahre alt und lebt als muslimische Konvertitin in Frankreich. In sozialen Netzwerken sympathisiert sie mit dem Islamischen Staat in Syrien und Irak. Über Facebook nimmt ein IS-Kämpfer Kontakt zu ihr auf. Er schmeichelt ihr und will sie zu sich und in den angeblich heiligen Krieg nach Syrien holen. Einen Monat lang skypen Melodie und der Terrorist fast täglich. Doch dann wird der Kontakt zur Gefahr, denn Melodie ist in Wirklichkeit die Journalistin Anna Erelle.

Diskrepanz zwischen IS-Propaganda und IS-Realität

Unter Pseudonym recherchiert sie, wie der IS Kinder und Jugendliche für den Heiligen Krieg anwirbt. Ihr unfreiwilliger Informant ist dabei kein geringerer als die rechte Hand von IS-Anführer al-Baghdadi. Nach Veröffentlichung der Recherche fliegt die Doppelrolle auf und die Journalistin lebt seitdem unter Polizeischutz. Der Name Anna Erelle ist, natürlich, auch ein Pseudonym. Ihr Buch lebt von der Intensität des Kontaktes zwischen Melodie und dem Terroristen, von der Diskrepanz zwischen Propaganda und Realität des IS. Wer jedoch auf der Suche nach politischer Einordnung und echter Analyse ist, wird sie hier nicht finden.

Anna Erelle: Undercover Dschihadistin. Wie ich das Rekrutierungsnetzwerk des Islamischen Staats ausspionierte
Droemer-Verlag, München 2015, 268 Seiten, 19,99 Euro (als Ebook 17,99)

 

(Knaus Verlag)"Reformiert euch!" von Ayaan Hirsi Ali (Knaus Verlag)"Lassen Sie es mich ganz einfach formulieren: Der Islam ist keine Religion des Friedens." Diese beiden Sätze formuliert Ayaan Hirsi Ali gleich zu Beginn ihres neuen Buches und macht ein paar Zeilen später ihr Anliegen klar: „Mit diesem Buch beabsichtige ich, vielen Menschen Unbehagen zu bereiten." Wobei "Unbehagen" ein zartes Wort ist für das, was dann auf rund 300 Seiten folgt. Die Schärfe ist nachvollziehbar, schließlich lebt sie unter ständiger Todesdrohung aufgrund ihrer Islamkritik – und musste zusehen, dass solche Drohungen durchaus ernst gemeint sind – als der niederländische Filmemacher Theo van Gogh vor mehr als zehn Jahren ermordet wurde. Mit ihm gemeinsam hatte sie einen kritischen Film gedreht, mit ihm verband sie eine Freundschaft.

Der Islam braucht eine Reformation

Ayaan Hirsi Ali wiederholt nicht den Fehler, ihr persönliches Erleben zu verallgemeinern. Sie schildert Beispiel um Beispiel, um ihre These zu belegen: der Islam braucht mehr als eine Reform: er braucht eine Reformation. Doch dann vermischt sie Fakten und Meinungen, gibt Ansichten als Tatsachen aus und schwächt damit die eigenen Argumente. Trotzdem lautet die Empfehlung: Lesen Sie dieses Buch. Mit Unbehagen, aber auch mit Gewinn.

Ayaan Hirsi Ali: Reformiert euch! Warum der Islam sich ändern muss.
Knaus Verlag, München 2015,304 Seiten, 19,99 Euro (als Ebook 15,99 Euro)

 

Mehr zum Thema:

Irak - Der wiederkehrende Hass auf das Kulturerbe
(Deutschlandradio Kultur, Politisches Feuilleton, 13.05.2015)

Islam - Eine breite Bewegung gegen die Terroristen
(Deutschlandfunk, Interview, 02.05.2015)

Islamkritikerin Ayaan Hirsi Ali - Freiheit und Demokratie statt Dogmatismus und Gewalt
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 20.04.2015)

"Die Undercover-Dschihadistin" - Skypen mit dem IS
(Deutschlandfunk, Andruck - Das Magazin für Politische Literatur, 04.05.2015)

Rekrutierung über Facebook - Die Undercover-Dschihadistin
(Deutschlandradio Kultur, Studio 9, 04.05.2015)

Islam als neue Jugendkultur - Ich liebe Allah!
(Deutschlandradio Kultur, Zeitfragen, 16.02.2015)

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