Seit 11:05 Uhr Lesart
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 11:05 Uhr Lesart
 
 

Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 10.12.2014

IS-TerrormilizMuslime, distanziert Euch!

Warum sich auch friedliche Gläubige bewusst vom "Islamischen Staat" abgrenzen sollten

Von Michael Lösch

Die türkische Sehitlik-Moschee am Columbiadamm in Berlin. (picture alliance / dpa / Maja Hitij)
Öffnet Eure Moscheen, fordert Michael Lösch: Für einen ökumenischen Gottesdienst, gegen pauschale Islamophobie. (picture alliance / dpa / Maja Hitij)

Er distanziere sich nicht vom Islamischen Staat, weil er mit dessen Terror nichts am Hut habe, meint der Politikwissenschaftler und Blogger Imad Mustafa. Nichts da, entgegnet ihm der Schriftsteller Michael Lösch. Auch dann sei es wichtig, ein Zeichen zu setzen.

Imad Mustafa ruft deutschen Muslimen zu: Distanziert Euch nicht! Nicht vom sogenannten "Islamischen Staat"! Nun, ich widerspreche dem Blogger und Politologen und sage ausdrücklich: Distanziert Euch!

Deutschland ist ein Rechtstaat. Jeder Rechtstaat ist eine Utopie, um die sich seine Bürger bemühen müssen. Die einen sollten die berechtigte Forderung akzeptieren, Moscheen errichten zu wollen. Die anderen die Sorge, die vielleicht auch dumme Sorge verstehen, in diesen Gebetshäusern könnten Gedankenverkünder mächtig sein, die eine freie, auch "gottlose" Lebensführung ablehnen.

Auch wenn Katholiken nicht gedrängt wurden, sich von sexuellem Missbrauch in ihren Reihen zu distanzieren, so sind doch viele aus der Kirche ausgetreten. Sie haben sich also von sich aus distanziert, auch davon, dass Kirchenleitungen nicht rechtzeitig und angemessen reagiert haben. Sie setzten ein Zeichen, vielleicht nur ein schwaches.

"Öffnet Eure Gotteshäuser!"

Sicher müssen sich Pfarrer, Ordensleute und Bischöfe dem Vorwurf doppelter Moral stellen. Und sicher haben die konkret beschuldigten Amtsträger ihre religiöse Autorität missbraucht. Doch keiner von ihnen berief sich auf Gott oder behaupte, seine menschenverachtenden Taten im Namen Gottes auszuführen. Das aber tun die Anhänger des sogenannten "Islamischen Staates".

Ein islamophober Diskurs, so argumentiert Imad Mustafa, schließe "den Muslim" aus unseren Reihen aus, stelle ihn vor die Wahl: entweder auf unserer Seite der Zivilisation und der Demokratie zu sein oder eben gegen uns auf der Seite der Barbarei.

Ich antworte: Ja, wir sind islamophob. Aber was unternehmen wir gemeinsam gegen diese Dummheit? Helft uns doch, da heraus zu finden. Öffnet Eure Gotteshäuser! Öffnet Euch für ökumenische Gottesdienste! Sie wären ein Signal an die, die eine bunte Gesellschaft gut und richtig finden.

Imad Mustafa hält uns vor, wir würden allzu häufig vergessen, dass fast alle Opfer des Dschihad selbst Muslime seien. Das wäre ja erst recht ein Grund, erwidere ich, ein Zeichen zu setzen, ein Zeichen des Friedens freiheitlicher Muslime gegen die Gewalt eines vorgeblich "Heiligen Krieges". Das wäre erst recht ein Grund, uns alle aufzufordern, solidarisch zu sein mit denen, die sich unter Einsatz ihres Lebens gegen den Terror des "IS" wehren.

Mut unter erhitzten Gemütern haben

Es sieht doch eher so aus, als hielten wir uns – ob Muslime oder Christen - im friedlichen Deutschland aus diesem fernen, brutalen Bürgerkrieg raus, weil dies bequemer ist – anscheinend auch für die Moschee-Vereine hier im Lande. Denn ich höre kein Wort der Empörung gegen Bekenntnisse, die kämpferisch zum "rechten Glauben" aufrufen, die aggressiv die Freiheiten einer nicht religiösen Gesellschaft ablehnen.

Was sollten wir denn anders tun, als uns zu distanzieren? Wollen wir zusehen, wie sich Fanatikern – und nicht nur islamistische - weiter radikalisieren und ihre Nachbarn bedrohen, weil sie nicht in ihrem Sinne "korrekt" denken oder handeln. Wer widerspricht, wird schnell zum "Verräter" gestempelt.

Imad Mustafa, dem ich eben noch widersprochen habe, will durchaus nicht zusehen. Er sucht den Diskurs und unterhält im Internet einen offenen und moderaten Blog. Auch wenn ich in vielem seine Meinung nicht teilen kann, vor seinem Engagement habe ich Respekt. Ich wüsste nicht, ob ich unter erhitzten Gemütern seinen Mut hätte.

Michael Lösch (Stephan Paul Stuermer)Michael Lösch (Stephan Paul Stuermer)Michael Lösch lebt und arbeitet in München - als Schriftsteller und DJ. Er stammt aus Hermannstadt, siedelte 1973 von Rumänien nach Deutschland aus und studierte Deutsch, Geschichte und Sozialkunde. Zurzeit beendet er den ersten Band der Romantrilogie "Die Geschichte der Seiten", die über hundert Jahre hinweg aus zwei Teilen einer Welt erzählt, aus einer östlich-balkanischen und einer westlich-bundesrepublikanischen.

Mehr zum Thema:

Islam - Distanziert Euch nicht!
(Deutschlandradio Kultur, Politisches Feuilleton, 14.11.2014)

Politisches Feuilleton

PolenEine wichtige Freundschaft für Deutschland
Im deutsch-polnischen Eurokindergarten in Frankfurt (Oder) umarmen sich die Freundinnen Domenika Rzeznikiewicz (l) aus Polen und Mara Behnke aus Deutschland, (picture-alliance/dpa/Patrick Pleul)

Die Freundschaft Deutschlands zu Polen verdient es, intensiver gepflegt zu werden, meint der Coach Klaus-Dieter Kottnik. In seinem "Politischen Feuilleton" berichtet er von seinen Erlebnissen in Polen. Dort habe er einen europäischen Geist erlebt, von dem er immer geträumt habe.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur