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"Irgendwo müssen sie ja bleiben, die Pferde"

Der Rossschlachter von Genthin bekommt Tiere, die niemand mehr haben will

Von Verena Kemna

Pferde auf einem Reiterhof
Pferde auf einem Reiterhof (Deutschlandradio - Daniela Kurz)

In Deutschland werden 11.000 Pferde pro Jahr geschlachtet - nicht alle aus ehrenwerten Motiven. Pferde sind teuer im Unterhalt, und der Schlachter bezahlt sogar für das Tier.

Mario Walter, 48 Jahre alt, trägt Berufskleidung, weiße Hose, weißer Kittel, weiße Mütze, die Füße stecken in weißen Gummischuhen. Er sitzt im Büro und wartet auf einen Anruf. Ein Kunde will noch am Abend zwei Pferde zum Schlachten vorbeibringen. Wir schlachten einmal pro Woche, acht oder manchmal auch zehn Pferde, sagt Mario Walter. Er ist fast zwei Meter groß, kräftig gebaut, sein Gesichtsausdruck ist sanft. Der gelernte Pferdemetzger erzählt stolz, dass er die Rossschlächterei in Genthin bereits in der fünften Generation betreibt. Eine von gerade einmal 50 Rossschlächtereien in ganz Deutschland:

"Früher bin ich mal geritten, heute fahre ich gerne noch Kutsche, weil man ja doch etwas schwerer und ungelenkiger geworden ist. Ich habe selber zwei Pferde. Mein Großvater hat immer gesagt, wenn du es nicht machst, macht es ein anderer und irgendwo müssen sie ja bleiben, die Pferde."

Über dem Bürotisch hängt ein etwa DinA4 großes schwarz-weiß Foto aus den 20er-Jahren. Das da ist Urgroßvater Otto Walter, sagt Mario und deutet auf das Bild. Männer in weißen Kittelschürzen stehen im Kreis um ein kräftiges Kaltblut. Solche Arbeitspferde haben früher den Pflug gezogen, heute sind sie auch in der ländlichen Altmark im Norden Sachsen-Anhalts selten. Mario Walter schlachtet in Genthin vor allem Sport-, Reit- und Freizeitpferde, egal ob Stute oder Hengst, egal wie alt das Tier ist:

"Heute werden auch noch ein paar gebracht. Die melden sich jetzt mittags und dann sagen sie, wenn sie hier sind. Na der eine, der hat sich ein junges Pferd angelernt und das andere, das geht lahm. Das ist der Grund, warum die Pferde weg sollen."

Pferdehaltung - ein teures Hobby

Artgerechte Pferdehaltung kostet mindestens 200 bis 300 Euro im Monat, egal ob der Reiter das Pferd reiten kann oder nicht. Wenn Pferde lahmen, dann ist der Anruf beim Schlachter die billigste Lösung. Eine Behandlung beim Tierarzt kann schnell einige hundert oder auch mehrere tausend Euro kosten. Mario Walter nimmt jedes Pferd zum Schlachten, auch wenn es gesund aussieht:

"Na, so was gab es noch nicht, dass man deshalb ein Pferd nicht mitnimmt. Ich sage, dann holt ein anderer das Pferd, dann wird es woanders geschlachtet."

Mario Walter blättert in einem roten Pferdepass, der auf seinem Schreibtisch liegt. Auf den hinteren Seiten steht, ob das Pferd zur Schlachtung bestimmt ist. Wenn ja, muss der Tierarzt bestimmte Medikamente im Pass eintragen. Die Würste und Steaks kann Mario Walter nur verkaufen, wenn die Angaben im Pferdepass stimmen:

"Wenn das Pferd jetzt hier angeliefert wird oder ich hole es, bevor es geschlachtet wird, kommt der Amtstierarzt, kontrolliert die Sache, was im Pass drinne steht, ob es behandelt wurde, kontrolliert, ob die Standarderklärung von dem Besitzer vorliegt und dann darf es erst geschlachtet werden."

Ein Blick zum Telefon, noch immer haben sich die Kunden aus dem Dorf mit den zwei Pferden nicht gemeldet.

Mario Walter ist bekannt in der Region, auch im Stall von Dagmar Muschert. Bei ihr stehen etwa 30 Pferde in den Boxen. Dagmar Muschert fegt die Stallgasse, das tut sie jeden Tag, wenn sie Stroh und Heu gefüttert hat. Die erfahrene Reiterin betreibt seit vielen Jahren einen eigenen Pensionsstall. Im Winter sind die Pferde tagsüber fast immer draußen, im Sommer stehen die Pferde Tag und Nacht in verschiedenen Herden auf insgesamt 30 Hektar Weideland. Dagmar Muschert spricht voller Leidenschaft über ihre Pferde und meint damit alle auf dem Hof, die eigenen und die der Kunden:

"Ein Bekannter von mir, der hat einen dreijährigen Hengst, 1 Meter 70 groß, der wird jetzt geschlachtet. Wenn es kranke Pferde sind, die nicht mehr können, die das Bein gebrochen haben, oder aus Alters- oder Krankheitsgründen, ok, aber ein dreijähriges gesundes Pferd, da kann ich mich nicht mit identifizieren, dass die geschlachtet werden.""

Gulasch aus Pferdefleisch in einem Laden in BremenGulasch aus Pferdefleisch in einem Laden in Bremen (dpa / Ingo Wagner)Züchter, die ihre eigene Nachzucht schlachten lassen, auch das kommt vor, erzählt die Stallbetreiberin. Nur gesunde Pferde mit guten Röntgenbildern lassen sich verkaufen. Pferde mit Veränderungen am Knochenbild haben kaum eine Chance. Im Internet sind Pferde schon für wenige Euro zu haben, manche werden sogar verschenkt. Auch Dagmar Muschert erzählt von Kunden, die die monatlichen Unterhaltskosten nicht mehr zahlen konnten. Manche Pferdebesitzer verschwinden einfach:

"Wir hatten hier ein Pferd, der sollte hier geritten werden, haben wir auch gemacht und da kam der ein zwei Mal und hat geguckt, wusste dann aber gar nicht mehr, ob er ein Wallach oder eine Stute hatte, und auf einmal war der Mann verschwunden, für uns nicht mehr auffindbar, keiner wusste, wo der Mann abgeblieben ist. Und das Pferd blieb dann bei uns. "

Gnadenbrot statt Schlachthof

Sie streicht einem großen Braunen über die Nase. Das Pferd ist inzwischen 21 Jahre alt und bekommt auf dem Hof das Gnadenbrot. Bei guter Haltung können Pferde 30 Jahre und älter werden. Dagmar Muschert ist das egal, sie würde keines ihrer Pferde aus finanziellen Gründen zum Schlachter bringen:

"Dann haben wir noch ein Pferd, der Askania, der Schwarze, die Besitzerin hatte den auch bei uns, mit einmal ist sie umgezogen, hat sich nicht mehr gemeldet, ist auch unserer dann gewesen, schon seit zehn Jahren. Der ist schon 24 und noch fit."

Wenn ein Pferd krank ist und nicht mehr ohne Schmerzen laufen und fressen kann, dann ruft sie lieber den Tierarzt, der das Pferd einschläfert, als den Metzger Mario Walter.

Auch Lydia Skierwidersky reitet seit Jahren regelmäßig und kümmert sich um ihren Wallach. Sie streicht mit der Hand über die Kruppe:

"Also erstens ist es ein Tabuthema in Reiterkreisen, kein Geld zu haben, und das zweite Tabuthema ist, das Lebensende eines Pferdes zu bestimmen. Wenn ich mich entscheide, ein Tier zu halten, übernehme ich damit auch die Verantwortung für den Tod, das ist ein Tabu, da wird nicht drüber geredet."

Auch für sie ist der Tod eines Pferdes aus finanziellen Gründen unvorstellbar:

"Also ich würde sehr viel tun, um es mir leisten zu können, das wäre jetzt nur, wenn ich todkrank wäre und keinerlei Möglichkeit mehr hätte, noch Geld zusammen zu bekommen und überhaupt niemanden fragen könnte, der mir da weiterhelfen könnte."

Wenige Kilometer weiter haben die Kunden von Rossschlächter Mario Walter inzwischen ihren Auftrag bestätigt. Ein lahmes und ein altes Pferd sollen geschlachtet werden. Mario Walter muss die beiden nur noch abholen.

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