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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 14.06.2012

Irgendwo in Afrika

Katherine Rundell: "Zu Hause redet das Gras", Carlsen Verlag, 256 Seiten

Mit "Zu Hause redet das Gras" hat Katherine Rundell ein starkes Debüt vorgelegt.  (AP)
Mit "Zu Hause redet das Gras" hat Katherine Rundell ein starkes Debüt vorgelegt. (AP)

Literarische Debüts sind immer interessant. Melden sich da doch neue Stimmen mit neuen Themen und Ideen zu Wort. So auch im Fall der 1987 geborenen Engländerin Katherine Rundell, die in London, Brüssel und Südafrika aufwuchs.

Ihr erster Jugendroman – "The girl savage" – ist gerade auf Deutsch unter dem sehnsüchtig klingenden Titel "Zu Hause redet das Gras" erschienen.

Zu Hause, das ist für Wilhelmina Silver, genannt Will, Südafrika. Sie lebt auf der Tabak-Farm von Captain Browne in Simbabwe ein glückliches und vollkommen ungebundenes Leben. Tagelang verschwindet Will mit ihrem Pferd im Busch, ernährt sich von Früchten und spielt mit ihrem Affen. Um sie herum gibt es nur Männer: ihren geliebten Vater, ihren schwarzen Freund Simon, den Boss und viele Arbeiter.

Doch von heute auf morgen ist Wills Wildkatzenleben zu Ende. Ihr Vater stirbt, und eine Frau, die ein Auge auf den Boss und sein Vermögen geworfen hat, hält Einzug auf der Farm. Sie will die Männerwirtschaft ordnen und Will zu einem "richtigen Mädchen" erziehen. Zu einem Mädchen, das Blumengestecke flechten und sich benehmen kann, statt in der Wildnis zu kochen und unter freiem Himmel zu schlafen. Sie schickt Will nach England in ein privates Internat, und hier herrscht eine brutale Hackordnung: Die wilde Will mit dem noch wilderen Haar wird gequält und gemobbt, bis sie es nicht länger aushält und abhaut. Tagelang kämpft sie sich durch den Dschungel der Großstadt London, friert, hungert und wird von der Polizei verfolgt wie ein wildes Tier. Bis eine kleine alte Dame mit dem Herz auf dem rechten Fleck ihr klarmacht, dass es keinen Zweck hat, weiter vor ihrem Schicksal davon zu laufen.

Katherine Rundell hat einen ungeheuer sinnlichen Roman geschrieben. Mit Will hört der Leser das Gras rauschen und reden, riecht den Staub, die Erde, die Kräuter des Farmlandes. Wie Will erlebt er die Lebendigkeit von Feuer und Wasser, freut sich an kleinen und großen Tieren, über Wind, Regen oder die Freundschaft zu Simon. Mit allen Sinnen lebt und liebt Will ihr Leben in Afrika, doch ihre großen Gefühle für ihr Land und seine Menschen wirken niemals sentimental. Und ihre Empörung über die Behandlung im Internat kommt nie pathetisch rüber. Denn alle Gefühle sind geerdet, durch Erlebnisse und Bilder belegt und vollkommen authentisch.

Stark sind nicht nur Wills Gefühle, sondern auch die Figuren in Katherine Rundells Roman. Will selbst ist schlau, mutig und selbstironisch. Ihr Vater ein Naturbursche, sein Boss ein liebevoller alter Kauz und Simon ein ebenso herzlicher wie frecher Freund. Die kratzbürstig-kluge alte Dame, die Mitschülerinnen und Leiterinnen des Internats – sie alle sind mit starken Strichen überzeugend gezeichnet. Und sie alle tragen auf ihre Weise dazu bei, dass am Schluss zwar kein Happy End möglich wird, aber eine Lösung voller Hoffnung.

Katherine Rundells Debütroman erzählt eine dramatische Geschichte von Glück und Trauer, Heimatverlust und Neuanfang. Wills Schicksal bewegt, weil es so ganz weit weg ist von Kitsch und Klischee. Sicherlich verstärkt auch der Kontinent Afrika den Zauber des Romans. Eine Welt, in der Freiheit und Abenteuer noch immer möglich sind – im Gegensatz zur Welt der Jugendlichen hierzulande. Ein Kontinent voller faszinierender Menschen, Tiere und Lebensweisen – nicht nur für Reisende, auch für Leser!

Besprochen von Sylvia Schwab

Katherine Rundell: Zu Hause redet das Gras
Aus dem Englischen von Henning Ahrens
Carlsen Verlag, Hamburg 2012
256 Seiten, 14,90 Euro, ab 12 Jahren