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Radiofeuilleton - Kino und Film / Archiv | Beitrag vom 10.07.2011

Iranisches Gesellschaftspanorama

Mit "Nader und Simin" schaut Regisseur Ashgar Farhadi in die Abgründe seines Landes

Von Anke Leweke

Sareh Bayat und Sarina Farhadi (rechts) mit dem Silbernen Bären in der Kategorie "Beste Darstellerin" (dapd)
Sareh Bayat und Sarina Farhadi (rechts) mit dem Silbernen Bären in der Kategorie "Beste Darstellerin" (dapd)

Selten waren sich Publikum und Kritik so einig. "Nader und Simin - Eine Trennung" bekam nach seiner Galavorführung während der Berlinale Standing Ovations und wurde verdienterweise mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet. Nächsten Donnerstag startet das Scheidungsdrama in den Kinos.

Unmittelbarer kann man nicht ins Geschehen geworfen werden. Wir lernen Nadar und Simin vor Gericht kennen, sie hat die Scheidung beantragt.

"Was Sie hier anführen sind noch keine Gründe für eine Scheidung, wenn sie noch andere Gründe haben, tragen Sie sie bitte vor.

Welche andere Gründe?

Zum Beispiel, das ihr ihr Mann süchtig ist oder nicht für ihren Aufenthalt aufkommt-

Er ist weder süchtig, noch schlägt er mich.

Er ist ein guter und anständiger Mann.

Warum wollen Sie sich dann scheiden lassen?

Weil er nicht mit mir mitkommen möchte!"

Simin  möchte auswandern. Aber ihr Ehemann Nader will seinen an Alzheimer erkrankten Vater nicht alleine lassen. Scheidung scheint der einzige Ausweg aus dem Dilemma zu sein, das die Familie zerreisst. Es ist nicht die Ehe, die hier nicht funktioniert. Es ist das Land, das in Simins Augen keine Perspektive für ihre Tochter bietet.

"Bedeutet Dir Deine Tochter etwa nichts. Ist Dir unsere Tochter
vollkommen egal?

Was hat denn unsere Tochter jetzt damit zu tun?

Darf ich das so verstehen, dass die vielen Kinder, die in diesem Land groß
werden, alle keine Zukunft haben?

Ich möchte mein Kind hier jedenfalls nicht unter den Umständen aufwachsen lassen, das Recht habe ich jawohl als Mutter."

Schon ist man mittendrin in den Widersprüchen des heutigen Iran. Und einem Film, der den Zuschauer mitnimmt in ein Land, das Lichtjahre entfernt scheint von den gängigen Medienbildern, die uns von dort erreichen. Wie auch in seinen früheren, preisgekrönten Filmen porträtiert der Regisseur Asghar Farhadi die aufgeklärte iranische Mittelschicht:  Er zeigt an welche Grenzen sie stößt, bei ihrem Versuch, ein modernes, säkularisiertes Leben zu führen.

Gleichzeitig porträtiert Farhadi auf hochlebendige Weise den Alltag der ärmeren Schichten seines Landes. Naders Hausangestellte ist eine traditionell eingestellte Frau aus dem Süden Teherans. Sie weiß nicht, ob die Pflege seinen kranken Vaters mit den Regeln des Koran im Einklang zu bringen sind. Nach Rat suchend ruft sie den Imam an.

"Guten Tag. Ich hätte gerne eine Auskunft. Ich arbeite hier in einem Haushalt und soll einen alten Mann pflegen, der sich nicht mehr helfen kann. Ich wollte fragen, wie soll ich sagen, weil er sich nass gemacht hat, ob es nach dem Koran, ob es als gläubige Muslimin eine Sünde ist, wenn ich ihn sauber mache. Verstehen Sie?"  

Die Stärke von Asghar Farhadis Kino liegt in einem genauen Blick. Alle Konflikte seines packenden Films sucht er im ganz konkreten Lebensumfeld seiner Figuren. Das Drama ist der iranische Alltag selbst. Auch die Eskalation der Geschichte hat zunächst ganz lebenspraktische Gründe: So sieht sich die Haushaltshilfe mit der Pflege überfordert und streitet sich mit Nader, der sie rauswirft. Zudem beschuldigt er sie irrtümlich, Geld geklaut zu haben. Die tiefgläubige Frau fühlt sich nun in ihrer religiösen Ehre verletzt. Es kommt zu einer folgenschweren, dramatischen Auseinandersetzung. Und plötzlich überstürzen sich die Ereignisse.

"Du sollst sie geschlagen haben.

Die Frau redet Unsinn.

Warum liegt Sie dann im Krankenhaus?

Das wollte ich Dich fragen.

Ich habe sie gestossen, weil sie im Türrahmen stand.

Ihre Schwägerin hat mich am Telefon wüst beschimpft. wenn sie stirbt, würde Blut an deinen Händen und kleben und solche Sachen."

"Nader und Simin - eine Trennung" ist ein spannendes Drama und ein Blick in die Abgründe eines Landes. Und eine Art soziale Detektivgeschichte. Nach und nach offenbart der Film die folgenschweren Lügen, mit denen sich hier alle voreinander zu schützen glauben müssen. Am Ende steht kein einzelner Schuldiger, sondern ein Gesellschaftspanorama, wie man es aus dem Iran noch nicht gesehen hat.

Interview mit Asghar Farhadi als MP3-Audio

Links auf dradio.de:

15.2.2011: Kammerspiel mit starker Bildsprache - Iranischer Film "Die Scheidung von Nader und Simin" auf der Berlinale

Kultur heute vom 20.2.2011: Jury hatte keine Wahl - Zur Preisverleihung der 61. Berlinale (DLF)

"Aktuell" vom 19.2.2011: Goldener Bär geht erstmals in den Iran - Favorit "Nader und Simin, Eine Trennung" räumt ab

Radiofeuilleton - Kino und Film

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