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Thema / Archiv | Beitrag vom 01.02.2011

"Iran wird ein großes Thema bei der Berlinale sein"

Berlinale-Chef stellt Programm der Filmfestspiele vor

Dieter Kosslick im Gespräch mit Ulrike Timm

Berlinale-Chef Dieter Kosslick bei der Vorstellung des Programms der 61. Berliner Filmfestspiele (AP)
Berlinale-Chef Dieter Kosslick bei der Vorstellung des Programms der 61. Berliner Filmfestspiele (AP)

Neben vier iranischen Filmen sei auf der Berlinale auch eine große Demonstration auf dem roten Teppich für die Meinungsfreiheit im Iran geplant, sagt Dieter Kosslick, Leiter der Filmfestspiele Berlin. Eröffnet wird das Festiveal mit "True Grit", der neuesten Produktion der Coen-Brüder.

Ulrike Timm: Der bunte Schal ist sein Markenzeichen und im Berliner Winterwetter auch absolut notwendig. Dieter Kosslick, Chef der Berlinale, stellt heute das Programm der Filmfestspiele vor, die vom 10. bis zum 20. Februar die Stadt, die Filmwelt und ihn in Atem halten werden. So ein Festival hält man nur durch, wenn man gut Yoga-gestählt ist, hat er mal gesagt. Jetzt ist er uns zugeschaltet. Dieter Kosslick, schönen guten Tag!

Dieter Kosslick: Hallo, guten Tag!

Timm: Herr Kosslick, das Festival wird eröffnet mit dem neuesten Film eines berühmten amerikanischen Regieduos: Die Coen-Brüder stellen ihre neueste Produktion "True Grit" vor. In Deutschland lief zuletzt mit ziemlich großem Erfolg bei Kritik und Publikum "A Serious Man" von den beiden Regisseuren, diesen Stars. Sind Sie stolz, das an Land gezogen zu haben?

Kosslick: Ja, ich war aber schon stolz, das an Land gezogen zu haben, als ich noch gar nicht wusste, wie der Film aussieht, weil das ist ja schon längere Zeit her. Und als ich in New York war und mit denen geredet hab und dann in Los Angeles, um das festzumachen, da gab es diesen Film noch gar nicht, ich hatte ihn gar nicht gesehen. Ich hab mir dann das Original angeguckt und habe gedacht: Hui, das wird aber ein langsames Remake. Das ist ja 41 Jahre alt, mit John Wayne, so einem Marshal, der damals übrigens auch einen Oscar bekommen hat. Aber jetzt ist man natürlich viel schlauer, jetzt ist der Film zehnmal zum Oscar nominiert, hat eine zehnfache Nominierung, und alle finden diesen Film supergut, und ich hoffe, dass das auch das Berlinale-Publikum so tut. Ich bin überzeugt davon.

Timm: Und Sie haben ihn sozusagen auf dem Halm gekauft, wie man bei den Buddenbrooks sagt, und den richtigen Riecher bewiesen.

Kosslick: Auf dem Halm eben, na ja. Also jetzt wollen wir es nicht übertreiben, bei den Coen Brothers kann auch mal ein Film schiefgehen, aber die meisten sind natürlich super. Und ich bin eigentlich mehr an den Coen Brothers die letzten Jahre dran gewesen, weil die Frau von Joel Coen – Frances McDormand war ja bei uns Jurypräsidentin 2004 –, und seither arbeiten wir mit vereinten Kräften dran, dass mal ein Coen-Film wieder nach Berlin kommt – der letzte war 1998, "The Big Lebowski" –, und von daher war das eine Gesamtoperation. Aber dass das jetzt so gut ausgegangen ist, ist natürlich nicht schlecht.

Timm: Herr Kosslick, wie zieht man überhaupt Stars an die Spree – im Februar im Nieselregen, wenn etwas später Cannes an die Côte d'Azur lockt und eine vorverlegte Oscar-Preisverleihung auch einen Teil des Spektakels wegschnappt –, wie füllen Sie den roten Teppich?

Kosslick: Ja, das ist jetzt nicht einfacher geworden in den letzten Jahren, aber trotzdem hat es ja immer wieder geklappt. Letztes Jahr wurde ja geschrieben, dass es sogar zu viel war, weil dieses Jahr ist die Berlinale ja auch etwas kompakter, das stimmt. Und was aber hilft bei diesem Vorgang, ist, dass die Berlinale wirklich ein gutes Renommee hat, das ist ja nun wirklich ein anerkanntes Filmfestival über 61 Jahre. Man geht gerne hin nach Berlin, das darf man auch nicht vergessen. Berlin ist hipp, und wer die Berlinale kennt – und die meisten von denen waren schon auf der Berlinale –, die haben keine Angst davor und die sagen dann: Na ja, also wenn der Film dort läuft, dann gehen wir da auch hin.

Meine Rolle ist da eher bescheiden einzuschätzen. Ich versuche das alles zu arrangieren, wie sich das für einen Direktor gehört, und wenn es sich dann, wie man in Norddeutschland sagt, wo Sie gerade zitiert haben, zurechtläuft, dann ist es sehr schön.

Timm: Hollywood kommt weniger – ich habe mir sagen lassen, wenn man herkommt, einen Hollywoodstar mitbringt und eine standesgemäße Fete schmeißt, dann sind eine Million Dollar fix verfeiert. Kommt Hollywood auch weniger, weil den krisengebeutelten Amerikanern das Geld ein bisschen ausgeht?

Kosslick: Nein, das glaube ich nicht, aber man hat das Gefühl, dass es weniger Filme gibt, überhaupt, also wenige dieser klassischen Filme gibt. Das hat ja auch Thierry Fremaux, mein Kollege aus Cannes letztes Jahr gesagt, dass es irgendwie ein schwieriges Jahr war, hat er gesagt und so. Das hängt natürlich zusammen, dass die Filmwelt auch im Umbruch ist und dass die Filme viel schneller ausgewertet werden. Das ist die eine Sache. Die andere Sache ist –das ist sehr viel schwieriger zu erklären: Natürlich gibt es viele Filme, die wir ja auch nicht nehmen. Ich kann die ja jetzt nicht schildern, aber es gibt ja auch Filme ... Wir zeigen ja nicht jeden Film.

Timm: Da lassen Sie uns mal bleiben. Wenn man nach Auswahlkriterien fragt, dann ist das meist ja ganz schwierig zu beschreiben, und es stellt sich immer der Eindruck ein, da ist ganz viel Herz und Bauch beteiligt, das ist schwer fassbar. Drehen wir es mal rum: Gibt es klare K.o.-Kriterien für Filme, die Sie ablehnen?

Kosslick: Ja! Es gibt klare K.o.-Kriterien, aber das heißt noch nicht, dass wir die dann ablehnen. Es gibt natürlich ab und zu auch die Situation, dass wir Filme zeigen, wenn sie nicht jetzt ganz neben der Mütze sind, weil wir schon möchten, dass ein bestimmter Star auch nach Berlin kommt. Aber das ist natürlich die Schwierigkeit: Wenn man diesen Weg geht – das ist ein steiniger Weg –, dann ist es besser, man erträgt lieber den Hohn und Spott, und dann sagen sie, ja, da sind ja nicht genügend Stars. Übrigens, ich mach das ja erst seit zehn Jahren, aber es war jedes Jahr immer irgendwie nicht so, wie es eigentlich sein sollte. Also es gibt überhaupt gar kein Jahr ...

Timm: Überraschung gehört ja auch dazu, aber die K.o.-Kriterien haben Sie uns noch nicht genannt.

Kosslick: Nein, es gibt nur K.o.-Kriterien, wenn der Film schlecht ist, und das heißt, wenn er eine Geschichte schlecht erzählt, dramaturgisch schlecht erzählt, wenn kein Sinn und Verstand drin ist, wenn man sich einfach langweilt. Ich meine, dann muss man so einen Film nicht zeigen, da ist dann egal, wie er gemacht ist und so. Jeder kennt solche Filme, und wir haben da auch keine anderen Kriterien beim Anlegen von Filmen, außer, wir müssen natürlich beachten, dass wir die ganze Welt repräsentieren, dass im Wettbewerb nicht so viel Platz ist und wen wir da zeigen. Da gibt es dann neben den K.o.-Kriterien noch viele andere, wann ein Film gezeigt wird und wann ein Film nicht gezeigt wird.

Timm: Deutschlandradio Kultur, das "Radiofeuilleton" im Gespräch mit Berlinale-Chef Dieter Kosslick, heute hat er das Programm offiziell vorgestellt. Und, Herr Kosslick, ich bin die Wettbewerbsfilme mal durchgegangen und kannte aus dem Stand nur Wolfgang Murnberger, der mit seinem gewitzt-bitterbösen Krimi "Der Knochenmann" einen Erfolg hatte und auch auf der Berlinale schon mal war – ist das eine richtige Entdeckungs-Berlinale diesmal, macht man aus der Not eine Tugend, dass weniger Stars und bekannte Namen da sind?

Kosslick: Nein. Also erst mal haben wir ja keine Not, sondern wir haben genügend Leute, genügend Stars, die da kommen werden. Wir wollen schon eine Tugend draus machen, neue Leute zu zeigen, aber in den Filmkreisen kennt man schon einige. Man kennt Wim Wenders, man kennt Béla Tarr ...

Timm: Ich meine jetzt den Wettbewerb.

Kosslick: Ja, die sind ja auch da. Also die kennt man schon, man kennt auch Ralph Fiennes, auch wenn es sein Nachwuchsdebüt quasi ist als Filmemacher, aber man kennt ihn als Schauspieler. Aber es ist richtig, es gibt auch viele Leute, die noch nie bei der Berlinale waren, auch Frauen. Zum Beispiel gleich am ersten Wochenende, Samstagnacht, gibt es einen Film, "Yelling to the Sky", mit der Tochter von Lenny Kravitz, diesem Rockmusiker, die da die Hauptrolle spielt, und das ist ein ganz eindringlicher Film aus einem Gewaltzyklus in einem Schwarzengebiet in Amerika, wo diese Hauptdarstellerin beziehungsweise diese Schauspielerin in ihrer Rolle da ausbrechen will.

Ja, ich hoffe, dass man auch solche Leute anguckt wie – die ist ein bisschen bekannt hier, Miranda July, das ist eine Schriftstellerin, die macht auch Filme, die macht Kunstinstallationen. Da gibt es einen Film, eine deutsch-amerikanische Koproduktion, der sehr künstlerisch angehaucht ist. Andere Leute waren schon auf der Berlinale, die aus Lateinamerika und andere waren schon im Forum und im Panorama, also die Leute kennen wir, die zeigen wir jetzt im Wettbewerb. Aber ich meine, wenn Sie der Meinung sind, wir machen aus der Not eine Tugend, dann bin ich auch okay.

Timm: 3D-Filme, Herr Kosslick, die waren der Kinoschlager des vergangenen Jahres, haben am meisten Geld eingespielt, "Avatar" ist nur das berühmteste Beispiel. Jetzt nutzen diese Technik zunehmend auch Autorenfilmer. Wim Wenders zum Beispiel ist mit einem 3D-Film auf der Berlinale vertreten. Wissen Sie, was ihn an dieser Technik besonders fasziniert?

Kosslick: Ja, wir haben uns ja auch schon die letzten zwei Jahre eigentlich überlegt, können wir und sollen wir denn eigentlich 3D-Filme zeigen. Das war ein bisschen schwierig, weil da, mit Ihren berühmten K.o.-Kriterien, die Sie erwähnt haben – also wir haben jedenfalls nichts gefunden, was für uns relevant gewesen wäre, auch von der künstlerischen Seite. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich finde "Avatar" auch einen künstlerischen Film, also ohne dass ich jetzt ironisch bin, das ist ein großes Kunstwerk, aber es gibt natürlich auch 3D-Filme, die wären besser auf 2D anzugucken, und vor allen Dingen in diesem Arthouse-Bereich, in diesem Programmkino-Bereich, wo wir ja sehr viele Filme zeigen, da ist es doch ein bisschen spärlicher.

Nun haben wir große Filmemacher wie Werner Herzog und Wim Wenders, die zeigen hier ihre Filme mit dieser neuen Technik, die sind sehr, sehr unterschiedlich. Also der Werner Herzog macht zum Beispiel einen Dokumentarfilm über eine 30.000 Jahre alte Höhle in Frankreich, da kann man sich schon vorstellen, dass das mit 3D anders aussieht als mit 2D. Und der Tanzfilm "Pia" von Wim Wenders, der die Weltpremiere hier hat, der sieht auch natürlich anders aus, wenn man sich vorstellt, dass eine Bühne ja letztendlich durch die Tiefe eine dritte Dimension bekommt und dass man das dann in diesem Film sieht.

Diese Filme sehen schon anders aus, und da macht 3D einen Sinn. Und wer sich jetzt angucken will, was man da, sag ich mal, mehr in künstlerischer Hinsicht mit dieser Technik anfangen will, der soll an diesem Sonntag sich Zeit nehmen und alle drei 3D-Filme sehen. Dann gibt es sogar noch einen vierten im Panorama, und dann hat man, glaube ich, so den Überblick, was man im Moment machen kann.

Isabella Rossellini auf der Berlinale 2006 (AP)Isabella Rossellini auf der Berlinale 2006, in diesem Jahr wird sie Jurypräsidentin sein. (AP)Timm: Die Jury wird angeführt von Isabella Rossellini. Einer kann ihre Einladung nicht annehmen: der iranische Regisseur Jafar Panahi, der dem Festival sehr verbunden ist. Er erhielt 2006 einen Silbernen Bären. Panahi ist zu sechs Jahren Haft und 20-jährigem Berufsverbot verurteilt, weil er einen Film drehte über die iranischen Wahlen und die anschließenden Unruhen wegen der Wahlfälschungen. Wie gehen Sie denn damit um?

Kosslick: Na, das wissen wir ja noch nicht. Wir haben jedenfalls jetzt geplant, dass wir an diesem Freitag eine große Demonstration auf dem roten Teppich machen für die Meinungsfreiheit im Iran, für ihn und seinen Kollegen. Alle seine Filme zeigen wir noch mal im Programm, wir werden wieder eine große Diskussion machen. Und wir haben auch vier neue iranische Filme im Programm – also Iran wird ein großes Thema bei der Berlinale sein, auf verschiedensten, wie gesagt, in verschiedensten Sektionen. Und ich habe auch an den Minister geschrieben im Iran, habe an den Botschafter geschrieben, habe auch eine Antwort bekommen. Bisher, wie gesagt, lassen sie ihn nicht raus, aber Sie müssen wissen, ein kleines Quäntchen Hoffnung bleibt da immer, man weiß nie, was da passiert, es kann sich über Nacht ändern, und vielleicht können wir doch den Stuhl besetzen. Ansonsten lassen wir eine Lücke frei, und jeder sieht, dass er nicht da ist.

Timm: Dieter Kosslick bleibt ein Optimist. Ich danke Ihnen fürs Gespräch!

Kosslick: Ja, vielen Dank und kommen Sie zur Berlinale, dass Sie all diese Leute entdecken.

Timm: Dieter Kosslick, Leiter der Filmfestspiele Berlin. Vom 10. bis 20. Februar wird er wieder überall gleichzeitig sein auf der Berlinale. Jetzt genießt er die Ruhe vor dem Sturm und stellte uns das Programm vor.

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