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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 07.03.2008

Intimer Blick auf die Fab Four

Astrid Kirchherr und Max Scheler: "The Beatles - Wie alles begann". Collection Rolf Heyne. 176 Seiten

Die Beatles 1964 im Fernsehstudio (Hinweis: Foto entstammt nicht dem besprochenen Band) (AP)
Die Beatles 1964 im Fernsehstudio (Hinweis: Foto entstammt nicht dem besprochenen Band) (AP)

Die Fotografin Astrid Kirchherr traf die Beatles erstmals im November 1960 bei einem ihrer Auftritte im Rotlichtviertel Hamburgs. Die damals 22-jährige Kunststudentin freundete sich mit ihnen an und machte kurze Zeit später die ersten professionellen Fotos von der Gruppe. 1961 verlobte sie sich mit dem "fünften Beatle", dem Bassisten Stuart Sutcliffe, der in Hamburg blieb, um Kunst zu studieren und 1962 verstarb.

Nicht viel später waren die Beatles bereits weltberühmt; Kirchherr reiste 1964 mit ihrem Kollegen Max Scheler im Auftrag eines großen deutschen Magazins nach Liverpool, um die Beatlemania zu dokumentieren und die Gruppe während der Dreharbeiten zu ihrem ersten Kinofilm fotografisch zu begleiten. Aufnahmen dieser Reise werden jetzt in einem Fotobuch veröffentlicht.

"A Hard Days Night", der erste Kinofilm der Beatles, sollte den Aufstieg der Band aus Liverpool und die ungehemmte Begeisterung der Fans nachstellen. Einer der Drehorte war ein Zug, in dem die Band zu Fernsehaufnahmen nach London fuhr, und dort begann auch die Fotoreportage von Kirchherr und Scheler. Auf den Fotos erlebt man die Beatles während der Drehpausen, ausgelassen und völlig unbeobachtet in den Abteilen, im Speisewagen, beim Text lernen und Schminken. Den Fotografen gelangen Aufnahmen, die die Musiker noch fast unberührt von der Euphorie um ihre Person zeigen und schon aus diesem Grund Seltenheitswert haben.

Nach dem Ende der Dreharbeiten wohnten die beiden Deutschen in der gemeinsamen Wohnung von Ringo und George und dokumentierten die Musiker auch in diesem häuslichen Rahmen. Die beiden Hamburger Fotografen gehörten zum engen Freundeskreis, was ihnen erlaubte, auch abseits der Öffentlichkeit einzigartige Aufnahmen zu machen. Kein anderer Fotograf hatte je wieder einen solchen Zugang zum privaten Bereich der Band.

Kirchherr und Scheler reisten mit den Beatles in deren Heimatstadt Liverpool und durften die Eltern der Musiker besuchen. Auch dabei eröffneten sich ihnen Einblicke, die sonst keinem Außenstehenden gestattet wurden, die jedoch keinerlei voyeuristischen Boulevard-Charakter tragen, sondern fast an gewöhnliche Familienbilder erinnern.

Neben diesen sehr privaten Fotos sind Aufnahmen vom wichtigsten Musikgeschäft der Stadt, dem legendären Cavern Club, und von einigen anderen Beat-Bands zu sehen. Vor allem ragen dabei jene heraus, die auf den Straßen und Hinterhöfen der trostlosen Arbeiterviertel von Liverpool entstanden, wo den Fotokünstlern eindringliche und ausdrucksstarke Bilder der dort lebenden Kinder und Jugendlichen gelangen.

In dem bei der Collection Rolf Heyne erschienenen Band sind die besten Fotos dieser Reise versammelt und lassen eine verrückte, wilde, hoffnungsfrohe Zeit in Schwarzweiß-Aufnahmen wieder aufleben.

Die teilweise mit Sepiafarben unterlegten Fotos aus dem Cavern Club und vom Set zu "A Hard Days Night" sind eine gelungene grafische Lösung, die Spannung aufbaut und das Dokumentarische der Momentaufnahmen noch hervorhebt. Bereits in Hamburg hatte Kirchherr Fotos von den Beatles gemacht, die eine gewisse Inszenierung verraten, woran sich exemplarisch der am Existenzialismus orientierte Stil Kirchherrs zeigt.

Derartiges war damals in der Musikszene noch vollkommen unüblich; Astrid Kirchherrs Fotografien sind deshalb bis heute unvergleichlich geblieben. Die Musikfotografie steckte, außer im Jazz, zu jener Zeit noch in den Kinderschuhen - meist wurden Musiker und Bands nebenbei von Freunden oder uninspirierten Pressefotografen ideenlos auf der Straße abgelichtet. Astrid Kircherr hat mit ihren Aufnahmen eine Vorreiterrolle für die stilistische Entwicklung der späteren Musikfotografie eingenommen.

"The Beatles - Wie alles begann" ist ein Buch voller Erinnerungen, zusammengestellt von zwei großartigen Fotografen, die in den frühen sechziger Jahren aus dem engen Umfeld der Beatles heraus einen intimen Blick auch auf die Heimatstadt der Fab Four erlauben, die letztendlich vom Erfolg ihrer berühmtesten Söhne profitierte.

Rezensiert von Uwe Wohlmacher

Astrid Kirchherr und Max Scheler: The Beatles - Wie alles begann
Collection Rolf Heyne 2008
176 Seiten. 29,90 Euro

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