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Thema / Archiv | Beitrag vom 26.11.2013

InterviewMuseen im Umbruch

Internationale Konferenz "Museum Reloaded" in Berlin

Marion Ackermann im Gespräch mit Christine Watty

Taxis vor dem Guggenheim-Museum in New York (picture alliance / dpa / Sergi Reboredo)
Für die Konferenz "Museum Reloaded" reisen auch die Direktoren des New Yorker Guggenheim und des Moma an. (picture alliance / dpa / Sergi Reboredo)

Die Museen der Welt sollten künftig noch mehr auf Mäzenatentum setzen und marktferne Künstler unterstützen –wünscht sich die Direktorin der Kunstsammlung NRW, Marion Ackermann anlässlich der Konferenz "Museum Reloaded" in Berlin.

Christine Watty: Für die Teilnehmer der Konferenz "Museum Reloaded", die in dieser Woche in Berlin stattfindet, könnte man eigentlich einen roten Teppich ausrollen. Immerhin treffen sich hier die bedeutendsten Chefs öffentlicher Museen, aus New York reisen die Direktoren des MoMA und des Guggenheim Museum an, aus Deutschland die der Kunstsammlung Dresden und des Museum Ludwig in Köln, ebenso die Direktorin der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen. Und sie alle reden dann über das Museum der Zukunft. Und darunter könnte man sich vieles vorstellen, durchdigitalisierte Hitech-Orte, ganz neue Inhalte hinter den ehrwürdigen Mauern, und natürlich auch die Antwort auf die ein oder andere große oder kleine Finanzierungsfrage, denn die öffentlichen Mittel, die werden nicht mehr, auch für die Museen nicht.

Wir freuen uns, dass eine der Teilnehmerinnen der Runde, nämlich die Direktorin der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, jetzt bei uns zu Gast ist, guten Tag, Marion Ackermann!

Marion Ackermann: Ja, guten Tag!

Watty: Zunächst mal zum schönen Motto dieser Diskussion in Berlin: Ein "Museum Reloaded", das ist natürlich ein aktualisiertes Museum. Bedeutet das, das Museum der Zukunft muss neue Aufgaben übernehmen, statt einfach nur zu sammeln, zu bewahren und am Ende auszustellen und zu vermitteln?

Marion Ackermann: Ja, ich würde sagen, man spürt doch deutlich, dass wir uns in einer Art Übergangs- und Umbruchsituation befinden. Es sind rasante Veränderungen um uns herum und auch in den Museen zu spüren seit etwa drei, vier, fünf Jahren, auf die wir natürlich reagieren und die wir vielleicht sogar antizipieren. Dazu gehört der Anspruch an die großen Museen, global zu denken, die Kunst der Welt in den Blick zu nehmen. Dazu gehört natürlich auch nicht nur, dass wir unsere Kunstschätze digitalisieren, sondern dass wir eigentlich mit einem zweiten, internationalen Publikum rechnen, eben dem Publikum, was virtuell über das digitale Netz zugänglich ist und natürlich auch angesprochen werden muss.

Dazu gehören die Aufgaben des Sozialen, wie können wir reagieren auf die immer stärker auseinanderdriftenden Verhältnisse in der Gesellschaft von Arm und Reich, wie können wir noch effektiver mit Bildung arbeiten. Vielleicht noch ein weiterer Punkt, das Green Museum, darüber diskutieren wir sehr viel, und als Letztes vielleicht noch zu nennen, dass wir durch diesen gesellschaftlichen Wandel und durch die knapper werdenden finanziellen Mittel noch stärker als früher unsere Relevanz, unsere öffentliche Bedeutung begründen müssen, und was das genau heißt für uns und für unsere Arbeit, darüber sprechen wir auch gerade sehr viel.

Globalisierung bringt engen Zusammenhalt der Museumsleiter

Watty: Ich wollte gerade sagen, Sie brauchen, glaube ich, nicht einen Tag einer Konferenz, sondern für diese ganzen Umbruchsituationen, die Sie geschildert haben, wahrscheinlich mehrere Monate, um die zu bewältigen. Gibt es denn eine Art der zumindest kleinen Reihenfolge, vielleicht auch speziell für Sie, was als Nächstes angegangen werden muss, tatsächlich die Globalisierung der Welt, die Digitalisierung der Welt oder der Versuch der Vermittlung an eine sich verändernde Gesellschaft?

Ackermann: Es wäre einfacher, man könnte sagen, man widmet sich einem Thema nach dem anderen! Aber das ist gar nicht möglich. Eben auch durch die Geschwindigkeit – es gibt ja so eine Art Turbo-Globalisierung im Moment – können wir nicht sagen, wir warten jetzt erst mal zehn Jahre ab und kümmern uns jetzt erst mal um die Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts, die vielleicht noch nachzuholen wären, sondern dann würden wir in der Tat gerade in Deutschland auch abgehängt.

Nehmen Sie nur als ein Beispiel: Das Tate, Centre Pompidou, Guggenheim oder MoMA haben alle extrem strategische Globalisierungsprogramme, oft gefördert durch wichtige europäische Sponsoren, also UBS, BMW, Volkswagen et cetera, wo es wirklich darum geht, in wenigen Jahren große Teile der Weltkunst in die Sammlung zu überführen. Wenn man das abwarten würde, dann würde da ein ganz neuer Kanon sich ausprägen. Also, man muss schon aktiv jetzt eigentlich selber die Weichen mit stellen.

Aber was ein sehr schöner Nebeneffekt der Globalisierung ist: Es gibt einen ganz, ganz engen Zusammenhalt der internationalen Museumsleiter. Also, die sind eine große Familie und diskutieren eigentlich permanent über diese wichtigen Themen der Zukunft gemeinsam.

Watty: Steckt denn das moderne Museum vor allem in einem Dilemma – und damit kommen wir natürlich jetzt mal zumindest auf einen dieser Punkte –, weil es auch schwierig ist, auf all diese Entwicklungen zu reagieren, selbst wenn man großzügig miteinander darüber spricht, weil der Ankaufsetat immer weiter gekürzt wird und weil man auch einfach nicht so zeitnah reagieren kann, wie man vielleicht gerne möchte?

Ackermann: Ja, also, natürlich, das ist, Sie sprechen das an, das große Thema. Was natürlich auch zu spüren ist leider in Deutschland, dass das klassische Mäzenatentum unglaublich zurückgegangen ist. Also Mäzenatentum in dem Sinne, dass einfach geschenkt wird ohne Gegenleistung, einfach losgelassen wird, abgegeben, vererbt wird und so weiter. Und das wäre natürlich ein guter Ausgleich für die knapper werdenden öffentlichen Mittel. Man müsste das klassische Mäzenatentum sicher noch mal versuchen, auf neue Weise zu inspirieren, weil, die Museen stehen ja für einen wunderbaren Wert. Sie sind ohne zeitliche Begrenzung. Also, letztlich könnte man sagen, sie stehen für die Ewigkeit in gewisser Weise.

Und was die öffentlichen Kassen und die öffentlichen Gelder betrifft, finde ich, dass wir eine ganz wichtige Aufgabe haben, immer wieder unsere Bedeutung zu erklären. Und es ist ja so, dass gerade eben in Umbruchzeiten Künstler und Kulturinstitutionen eine ganz wichtige Rolle haben, weil sie ja doch durch ihre große Sensibilität stärker in die Zukunft weisen und auch mögliche Lösungen für die Zukunft anbieten können. Und durch dieses sozusagen permanente Ringen um eigentlich Verständnis in der Gesellschaft dafür, wie notwendig und essenziell die Museen sind, müssen wir eben in den demokratischen Systemen dafür sorgen, dass uns auch die entsprechenden Gelder zur Verfügung gestellt werden.

Unverkäufliche Kunst präsentieren

Watty: Marion Ackermann, die Direktorin der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, im Gespräch im Deutschlandradio Kultur anlässlich der Konferenz "Museum Reloaded". Haben Sie damit aber jetzt nicht gerade noch mal auch wirklich stark hingewiesen auf diesen großen Widerspruch? Denn wenn sich die Museen einerseits als Archive erklären, andererseits sich der Kunstmarkt so verändert, dass einzelne Werke so teuer werden, dass auch das Museum sie nicht mehr erwerben kann, andererseits aber die Archivfunktion eines Museums nicht zur zeitgenössischen, jungen Kunst so einfach passt, dass da vielleicht auch noch mal so ein Bedeutungswandel oder ein Bedeutungswechsel innerhalb der Museen stattfinden müsste, weil weder das eine noch das andere ganz gut aufzulösen ist?

Ackermann: Ja, aber ich würde schon sagen, ich würde es als was Positives sehen. Sonst wären ja die großen Museen Dinosaurier, wenn sie sich jetzt nur auf die Archivfunktion zurückziehen würden. Gerade aus der Spannung von archivierter Kunst und neu entstehenden Kunstwerken, die wir ja in den Museen auch durch besondere Installationen oft auch geradezu anreizen, entstehen ja wunderbare neue Werke, aus diesem Spannungsverhältnis von Geschichte und Gegenwart. Das ist unsere zentrale Aufgabe.

Und was die so teuren Kunstwerke betrifft, die eben jetzt diese nicht mehr vorstellbaren Rekordhöhen auf den Auktionen erreicht haben gerade in letzter Zeit, da muss ich einfach auch sagen, wahrscheinlich haben die öffentlichen Institutionen in Zukunft viel mehr die Aufgabe, die marktfernen Künstler zu unterstützen. Also, es gibt ja ganz viel Kunst, die ist gar nicht verkäuflich, aber die ist hervorragend. Ich könnte Ihnen ganz viele Beispiele von Künstlern nennen, die sind hoch verschuldet, weil sie überhaupt nichts verdienen können und immer nur hineingeben, aber die haben wahrscheinlich kunsthistorisch eine viel wichtigere Bedeutung als so manche andere, die auf dem Markt gehandelt werden. Deshalb müssen wir eigentlich genau hier ausgleichend tätig werden.

Watty: Was ist die Schwierigkeit, genau das zu tun? Weil, das klingt ja nach einem sehr praktikablen und auch sinnvollen Vorschlag angesichts der Kunstmarktlage, genau das eben zu machen! Ist das ein schwieriger Schritt für die Museumswelt?

Ein undatiertes Foto der Plastik "Balloon Dog" des US-amerikanischen Künstlers Jeff Koons. Es wurde im November 2013 für 58,4 Millionen Dollar versteigert. (picture alliance / dpa / CHRISTIE'S IMAGES LTD)Das derzeit teuerste Kunstwerk eines lebenden Künstler: "Balloon Dog" von Jeff Koons (picture alliance / dpa / CHRISTIE'S IMAGES LTD)

Ackermann: Das Dilemma besteht nur darin, dass wir eben oft Sponsoren nur dann bekommen – ich nehme jetzt mal Jeff Koons als Beispiel – dass wir Sponsoren nur dann bekommen, wenn wir so einen publikumsträchtigen Namen haben, der oft zugleich durch den Kunstmarkt mit einer gewissen Star-Bedeutung noch aufgewertet worden ist. Wenn wir aber uns auf Performance-Kunst oder ephemere Kunstarten oder von unbekannten Künstlerinnen oder von Installationskünstlern wie, sagen wir mal, Christoph Büchel, der immer sehr, sehr gesellschaftskritisch arbeitet und unbequem ist, wenn wir uns darauf konzentrieren, haben wir natürlich sehr viel mehr Schwierigkeiten, hohe Besucherzahlen zu erreichen. Und wir brauchen die hohen Besucherzahlen, um unsere Bilanzen ins Gleichgewicht zu bringen, wir brauchen die Einnahmen. Wir müssen ja damit wirtschaften. Und das ist eben dieses permanente Abwägen.

Wobei ich versuche, schon mit klassischer Moderne zu arbeiten, im Moment mit Calder, nächstes Jahr Kandinsky, Malewitsch, Mondrian, aber dann wirklich nur mit dem Aspekt neue Forschung, neue Fragestellung, Ungekanntes in den Vordergrund stellen, nicht die anbiedernden Blockbuster, und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass das Haus auch als Marke so stark wird, dass die Menschen einfach kommen, um alles zu sehen. Das ist eigentlich das Ziel. Und dann eben auch Neues kennenlernen!

Watty: Und dass alle kommen, oder? Also gerade die Frage nach der Zielgruppe müsste dann ja auch noch mal in den Raum gestellt werden, dass auch wirklich alle kommen wollen, auch die, die sich kunstferner fühlen?

Ackermann: Ja, wir können, im öffentlichen Auftrag müssen wir uns und wollen wir uns auch an alle Menschen richten. Wir fangen mit zwei bis drei Jahren an, mit der Frühpädagogik, und es gibt keinen Ausschluss von irgendjemand, das wäre ja auch schlimm. Das bedeutet aber, dass man natürlich auch eine sehr ausdifferenzierte Form hat, das Publikum mit den unterschiedlichen Bedürfnissen und Vorbedingungen anzusprechen.

Watty: Dankeschön an Marion Ackermann, Direktorin der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, die in dieser Woche an der Konferenz in Berlin "Museum Reloaded" teilnimmt. Und ich glaube, uns ist allen klargeworden, es gibt dort einiges zu besprechen! Danke, dass Sie Zeit für uns hatten!

Ackermann: Ja, vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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