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Interview / Archiv | Beitrag vom 27.09.2011

Interesse an Frankreich "deutlich angestiegen"

DFJW: Jugendaustausch unverzichtbar für nachbarschaftliche Beziehungen

Eva Sabine Kuntz mit André Hatting

Der deutsch-französische Freundschaftsvertrag von 1963 ist noch immer einzigartig, meint Eva Sabine Kuntz. (AP)
Der deutsch-französische Freundschaftsvertrag von 1963 ist noch immer einzigartig, meint Eva Sabine Kuntz. (AP)

Die Co-Generalsekretärin des Deutsch-Französischen Jugendwerks (DFJW), Eva Sabine Kuntz, kann sich nicht beklagen: Obwohl Französisch mit dem Ruf kämpfe, nicht einfach zu erlernen zu sein, erreiche der Jugendaustausch zwischen Frankreich und Deutschland Rekordzahlen.

André Hatting: Spanisch ist cool, wird in Europa und in Lateinamerika gesprochen. Das klingt nach Zukunft und Freiheit. Französisch dagegen klingt abgehoben und weltfremd. Das finden immer mehr Schüler und sie wählen als zweite Fremdsprache nach Englisch lieber Spanisch. Fast 40 Prozent mehr waren das im letzten Jahr, verglichen mit 2005. Und vielleicht wäre der Zuwachs noch größer, wenn die Schüler immer die Wahl hätten. Haben sie aber nicht, denn viele Gymnasien bieten Spanisch gar nicht an. Das ist politisch gewollt, sagen die Spanisch-Fans. Sie klagen über eine Gallier-Lobby in den Landesministerien.

Im Studio ist jetzt Eva Sabine Kuntz, sie ist Co-Generalsekretärin des Deutsch-Französischen Jugendwerks DFJW. Guten Morgen, Frau Kuntz.

Eva Sabine Kuntz: Guten Morgen.

Hatting: Seit 1963 fördert das Deutsch-Französische Jugendwerk den Austausch mit Frankreich. Stimmt das, dass immer weniger Jugendliche Interesse am Französisch haben?

Kuntz: Was wir bei uns feststellen ist, dass das Interesse am Austausch, an Frankreich in den letzten Jahren ganz deutlich angestiegen ist. Wir haben im Deutsch-Französischen Jugendwerk im vergangenen Jahr 211.000 junge Menschen ausgetauscht zwischen Deutschland und Frankreich. Das ist eine Rekordzahl, die wir seit den 60er-Jahren – das Jugendwerk wurde 1963 gegründet – nicht mehr erreicht haben.

Aus unserer Sicht stellt sich das so dar, dass die politische Message dahinter eigentlich eine sehr beeindruckende ist. Deutschland und Frankreich interessieren die jungen Menschen im jeweils anderen Land immer noch und vielleicht so sehr wie schon lange nicht mehr.

Hatting: Und wie haben sich in den letzten Jahren oder Jahrzehnten die Art der Programme verändert bei Ihnen?

Kuntz: Es hat sich sicherlich sehr viel verändert, und das ist vielleicht für mich auch die größte Leistung des Jugendwerks, dass es auf die Veränderungen in der politischen Situation in dem Leben der jungen Menschen flexibel reagiert hat, ohne Abstriche bei der Qualität der Programme zu machen. Es ist Europa entstanden in der Zwischenzeit, der Kontext, in dem junge Menschen leben, ist komplizierter geworden, der Berufseinstieg, die Adoleszenz hat sich verschoben, das Freizeitangebot ist ein ganz anderes geworden: Sie können heute für 29 Euro nach Ibiza fliegen. Und wir vertreten trotzdem, dass es mehr bringt, mehr Spaß macht, in einen zweiwöchigen Austausch zu gehen, und stellen fest, dass wir die Basis da auch erheblich verbreitern konnten.

Das heißt, sie haben heute Azubis, die teilnehmen am Austausch, junge Bäckerlehrlinge, wir haben junge Berufstätige, die teilnehmen, wir haben junge Benachteiligte, junge Literaturübersetzerinnen, also die Basis ist sehr viel breiter geworden, so breit, dass wir im vergangenen Jahr, um Ihnen eine Zeit zu nennen, Projekte in Höhe von zweieinhalb Millionen nicht fördern konnten, weil wir kein Geld mehr dafür haben.

Hatting: Dann gibt es aber eine komische Divergenz, denn andererseits ist es so, dass immer mehr Leute Spanisch, immer mehr Jugendliche Spanisch lernen wollen an den Schulen, das Interesse an Französisch stagniert. Wie erklären Sie sich diese Divergenz?

Kuntz: Ich kenne die Zahlen bei den Spanischlernern nicht. Ich weiß, dass die Zahlen bei den Französischlernenden stabil sind. Unser Hauptinteresse liegt auf dem Austausch. Das heißt, wir wollen, dass junge Menschen aus Deutschland und Frankreich sich treffen. Im Abkommen damals von 63 hieß es poetisch und ein bisschen altertümlich, die Bande zwischen der deutschen und französischen Jugend enger zu knüpfen. Das heißt, wir wollen, dass die beiden sich kennenlernen, miteinander reden, und dieses Interesse ist ungebrochen am Austausch miteinander. Das ist das, was wir bei uns sehen. Und wir fördern sowohl schulischen Austausch als auch außerschulischen Austausch.

Hatting: Aber dazu muss man natürlich die Sprache lernen. Es ist ja nützlich, wenn man in Frankreich ist, wenn man auch Französisch sprechen kann. Und tatsächlich ist es so, Sie haben recht, die Zahlen stagnieren, sie nehmen nicht stark ab von Französischlernern, sie stagnieren. Aber die, die Spanisch lernen wollen, diese Zahl nimmt rapide zu. Ich hatte das vorhin gesagt: in den letzten sechs Jahren um 38 Prozent. Und es wären wahrscheinlich viel mehr, wenn mehr Spanisch angeboten würde. Hat die französische Sprache ein Image-Problem in Deutschland?

Kuntz: Französisch ist eine Sprache, die sicherlich auch mit dem Ruf kämpft, dass sie nicht einfach zu erlernen ist. Insofern mag man da vielleicht den Weg des geringeren Widerstands gehen, oder der bessere Noten verspricht. Bessere Noten, gute Noten sind etwas, was sehr wichtig ist. Oder aber man hört auch manchmal das Argument, dass Spanisch die Türen nach Lateinamerika öffnet, wobei man im Deutsch-Französischen natürlich argumentiert, man wird sehr viel öfter mit dem direkten Nachbarn zusammenarbeiten als mit Lateinamerika, wo überdies die größte Volkswirtschaft kein Spanisch spricht, sondern Portugiesisch. Aber es ist sicherlich etwas, was ein Argument ist, das eher in Richtung der Eltern überzeugt, dass Französisch lernen später für das Berufsleben vielleicht nützlicher ist und eine interessantere Entscheidung für die Kinder ist, als Spanisch zu lernen.

Hatting: So ein ganz ähnliches Argument gab es damals zu meiner Zeit immer mit Latein und Französisch, für den Berufsweg später sei Französisch wichtiger als Latein, weil letztere eben eine tote Sprache sei. Jetzt machen Sie mal Werbung. Warum ist Französisch gut zu lernen und vielleicht gar nicht mal unbedingt schwieriger zu erlernen als Spanisch?

Kuntz: Da kommt natürlich der Austausch wieder ins Spiel, denn wir sehen, die jungen Menschen, die in den Austausch gehen, die haben keine Schwierigkeiten, die stellen fest, ich kann mich verständigen, ich kann kommunizieren, da kommt was zurück, ich werde verstanden, und es ist überhaupt nicht so schwer, wie ich mir das vorgestellt habe, und es ist auch nicht nervig, die Sprache zu lernen, um mal mit den jungen Leuten zu reden. Ich glaube, gerade deswegen ist Austausch etwas, was sehr wichtig ist, weil sie vor Ort feststellen, es ist was anderes, als es in der Schule zu lernen, ich kann es anwenden, ich kann mich verständlich machen, ich kriege was zurück und es macht sogar Spaß.

Hatting: Die Befürworter von mehr Spanisch an den Schulen argumentieren so, dass die Ministerien vor allem das nach Personal besetzen. Das heißt, wenn ein Lehrer pensioniert wird, dann wird diese Stelle neu besetzt. Sie gehen aber nicht nach Nachfrage. Das klingt so ein bisschen nach Bestandssicherung oder Artenschutz für Französisch. Gibt es auch einen politischen Grund, das Französische weiter stark zu fördern und das Spanische vielleicht an den Schulen nicht ganz so stark zu fördern?

Kuntz: Es gibt sicherlich politische Gründe, das Französische zu fördern. Es gibt kein anderes Land auf der Erde, mit dem Deutschland einen Élysée-Vertrag abgeschlossen hätte, den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag, der 1963 unterzeichnet wurde und mit dem auch das Deutsch-Französische Jugendwerk gegründet wurde. Und wenn man sich einig ist, dass Deutschland und Frankreich noch immer eine sehr wichtige Rolle in Europa spielen, auch im 27er-Europa, dann ergibt sich daraus fast automatisch, dass wir nie werden darauf verzichten können, eine bestimmte Anzahl von jungen Menschen in Deutschland und Frankreich zu haben, die Kultur und Sprache des Nachbarn gut kennen. Insofern gibt es sicherlich einen wichtigen Grund: Wir sind Nachbarn, wir sind aber auch der größte Wirtschaftspartner für das jeweils andere Land. Das heißt, es gibt ganz unterschiedliche Gründe. Es gibt eine spannende Literatur, Musik, Kino. Also die Gründe sind vielfältig und sicherlich auch politischer Art.

Hatting: Spanisch wird bei den deutschen Schülern immer beliebter und könnte vielleicht langfristig Französisch den Rang als Nummer zwei ablaufen. Darüber sprach ich mit Eva Sabine Kuntz, sie ist Generalsekretärin des Deutsch-Französischen Jugendwerks. Vielen Dank für den Besuch im Studio, Frau Kuntz.

Kuntz: Vielen Dank.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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