Mittwoch, 1. Oktober 2014MESZ18:16 Uhr

Buchkritik

Digitalisierung Friedliche Koexistenz

Der Einsatz von Robotern und Computern verändert immer mehr unsere Arbeitswelt und bereitet vielen Unbehagen. Der Journalist Nicolas Carr plädiert in "Abgehängt" dafür, den Computer nicht als Feind, sondern als eine Art helfende Hand zu betrachten.Mehr

SachbuchKompetenz statt Bildung
Ein Schüler der dritten Klasse einer Grundschule  meldet sich, aufgenommen am 14.01.2009.

Die Beweislast ist erdrückend. Mit der Streitschrift "Praxis der Unbildung" seziert Konrad Paul Liessmann den Schul- und Unialltag. Als Kardinalfehler macht der Philosoph einen Kompetenz-Wahn aus, der die Bildung ersetzt hat.Mehr

weitere Beiträge

Literatur

Frankfurter BuchmesseBücherherbst

Unsere Veranstaltung Bücherherbst auf der Frankfurter Buchmesse mit Lesungen und Gesprächen mit Sherko Fatah, Nino Haratischwili, Judith Hermann, Thomas Hettche, Bodo Kirchhoff, Andrej Kurkow, Teresa Präauer, Heinrich Steinfest und Ulf Erdmann Ziegler. Mehr

weitere Beiträge

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 18.07.2012

Intellektueller Leuchtturm des Protestantismus

Philipp Gessler: "Wolfgang Huber - Ein Leben für Protestantismus und Politik", Kreuz Verlag, Freiburg im Breisgau 2012, 279 Seiten

Der ehemalige EKD-Vorsitzende Wolfgang Huber
Der ehemalige EKD-Vorsitzende Wolfgang Huber (picture alliance / dpa / Maurizio Gambarin)

Als Bischof und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche wurde Wolfgang Huber im ganzen Land bekannt. Das Buch über den Theologen zeichnet das Psychogramm eines Vordenkers und bürgerlichen Royals mit einem gespaltenen Verhältnis zu den eigenen Eltern.

Die erste Biografie über den protestantischen Kirchenmann versucht ein Psychogramm des Theologen, gewissermaßen ein "Theo"-Psychogramm, eine Herleitung seiner theologischen Themen aus Familiengeschichte und Stationen seiner Karriere. Dabei zeichnet Philipp Gessler den späteren Bischof (1998-2009) und Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) (2004-2009) als lebendiges Beispiel einer Verbürgerlichung des Protestantismus und als einen offensiv in die Öffentlichkeit drängenden Theologen.

Wolfgang Huber wird in Straßburg als letzter von fünf Söhnen geboren. Sein Vater Ernst Rudolf war einer der Star-Staatsrechtler im faschistischen Deutschland und rechtfertigte die nationalsozialistische Diktatur. Gessler beschreibt das lebenslang zerrissene Verhältnis des Sohnes zu seinem Vater unter dem Stichwort "Schatten der Vergangenheit". Seine Mutter Tula Huber-Simons ist die Tochter des Juristen Walter Simons, der in der Weimarer Republik Außenminister und Präsident des Reichsgerichts war. Das ihr gewidmete Kapitel kennzeichnen die Worte "Härte gegen sich selbst". Körperliche Nähe gab es zwischen Mutter und Sohn nicht. Huber hat seine Sozialisation der frühen Kindheit selbst mit den Worten "lebenstauglich durch Brutalisierung" beschrieben. Kritische Begleiter, aber auch Freunde und enge Kollegen sehen darin einen Grund für Hubers Durchsetzungsfähigkeit, für die Effizienz und den unbedingten Willen, Einfluss auszuüben.

Erstaunlich ist, wie die großbürgerliche Prägung Hubers ihn in allen Lebenslagen einholt, begleitet und trägt. Er ist ein Mann der deutschen Adelsfamilien, der bürgerlichen Royals. Eingebettet ist die Familie in ein Geflecht großer Familiennamen –"protestantische Mafia" (Ulrich Raulff) – wie Weizsäcker, Heimpel, Raiser, aber auch die Bildungsforscher Becker und Picht. Viele davon waren durch große Nähe zum Nationalsozialismus geprägt – und werden später zu Leitfiguren im deutschen Protestantismus.

Gessler beschreibt die Karrierestationen und die mit ihnen verbundenen öffentlichen Auftritte Hubers. Seine Voten zu großen politischen Themen schaffen oft Verwirrung im eigenen Verein. Er lobt zur Freude des damaligen Kanzlers Gerhard Schröder dessen Agenda 2010 und verteidigt die Hartz-IV-Gesetze. Dies bringt ihm wütende Proteste der diakonischen Verbände ein und setzt ihn dem Vorwurf aus, er, der sogenannte Linksprotestant, der Kirchentagstheologe, sei im Amt des Bischofs und Ratsvorsitzenden stark "nachgedunkelt", wie sein Biograf unentschieden anmerkt.

Als Präsidiumsmitglied und Präsident des Kirchentags stand Huber zwischen 1981 und 1985 für eine kritische Fragehaltung im Verhältnis zu Staat und Gesellschaft, zum Beispiel beim Thema Nachrüstung. Er brachte mit dem Papier "Kirche der Freiheit", einer Art kirchlicher Agenda 2010, den dringend notwendigen Reformprozess in der Evangelische Kirche auf den Weg, verprellte aber mit der harschen Kritik an der gegenwärtigen Gottesdienstpraxis viele Pfarrerinnen und Pfarrer.

Eine wirkliche Niederlage erlebt er nach Ansicht Gesslers als Bischof von Berlin, von 1994 -2009. Es gelingt der Evangelischen Kirche nicht, in der Volksabstimmung für einen verbindlichen Ethik/Religionsunterricht die nötige Stimmenanzahl zu erreichen: Hubers Kirche kann die eigenen Leute nicht zum "Pro-Reli"-Wahlgang motivieren.

Wolfgang Huber war und ist ein intellektueller Leuchtturm im Protestantismus der Gegenwart. Aber am Fuße des Leuchtturms scheint wenig Licht. Das legt Philipp Gesslers Biografie nahe. Huber war immer eher vordenkender Antreiber als kollegialer Begleiter. Seine Erfahrungen zeigen aber auch – dies kommt etwas kurz in dieser kritischen Biografie –, dieser Theologe ist bei aller kühlen Brillanz und mutmaßlich "aufgesetzten Herzlichkeit" einer von uns. Nichts Menschliches ist ihm fremd, aber er hat es geistig durchdrungen, er hat Niederlagen standgehalten, sie bewältigt und in ethische Maximen umgesetzt. Ethiker wie er sind uns im Leben näher als Dogmatiker.

Besprochen von Herbert A. Gornik

Philipp Gessler: Wolfgang Huber. Ein Leben für Protestantismus und Politik.
Kreuz Verlag, Freiburg im Breisgau 2012, 279 S., 19,99 Euro

Archiv-Links bei dradio.de:

Huber: Wulffs Rede keine "Beruhigungspille" <br> Debatte als Mittel gegen Rechtspopulismus empfohlen (DKultur)

"Vertrauen wieder hergestellt" - Bischof Wolfgang Huber betrachtet Streit zwischen christlichen Kirchen als beigelegt

"Tag der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung" - Wolfgang Huber, Ratspräsident der Evangelischen Kirche, verteidigt den Sonntag