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Integratives Weihnachtsfest

Lale Akgün: "Kebab-Weihnacht", Aufbau Verlag, Berlin 2011, 109 Seiten

Plätzchen, Geschenke, Tannenbaum - der Protagonist in Lale Akgüns Buch wünscht sich ein typisches Weihnachtsfest
Plätzchen, Geschenke, Tannenbaum - der Protagonist in Lale Akgüns Buch wünscht sich ein typisches Weihnachtsfest (AP)

Die ehemalige SPD-Islambeauftragte Lale Akgün beschreibt in diesem Büchlein eine schöne türkisch-deutsche Weihnachtsgeschichte über einen jungen Muslim, der wahnsinnig gerne Weihnachten feiert - sehr zum Entsetzen seines konservativen Vaters.

Umut ist ein Weihnachtsfreak. Der 17-jährige Türke ist zwar Muslim, doch schon als kleiner Junge liebte er Weihnachten über alles: den Glanz der Lichter, die Wärme, die Schönheit des Weihnachtsschmucks. In seiner konservativen Familie hat der Kaufhaus-Azubi es damit schwer. Sein strenggläubiger Vater wettert gegen den christlichen Brauch. Damit, so argwöhnt er, sollten Muslime missioniert werden.

Seine Mutter Hülya und seine Schwester Ayla wagen es nicht, dem Familienoberhaupt zu widersprechen, das seit ein paar Jahren unter den Einfluss religiöser Eiferer geraten ist. Nur bei den deutschen Nachbarn der türkischen Einwanderer aus der Osttürkei darf sein Sohn Umut jedes Jahr den geliebten Weihnachtsbaum schmücken.

Doch eines Tages verfällt der sanfte junge Mann auf eine waghalsige Idee. Er mietet sich in einer WG ein, um sich endlich seinen Traum zu erfüllen. Und weil seine Mutter eines Tages beschließt, sich von ihrem Mann nicht länger bevormunden lassen will, feiert sie den Heiligen Abend zusammen mit ihrem Sohn dort mit drum und dran: Weihnachtsbaum, Kerzen und Geschenken.

"Kebab-Weihnacht", der Titel des kleinen Bändchens der 1953 in Istanbul geborenen Lale Akgün, die heute in Köln lebt, führt etwas in die Irre. Denn das Fest, das in dieser Geschichte schließlich doch gefeiert wird, ist gar keine Kreuzung aus muslimischen und christlichen Bräuchen. Sondern ein typisch deutsches Weihnachten. Umut schmückt seinen Weihnachtsbaum ganz klassisch: grün, gold und rot.

Das klingt nach einem schweren Fall von Assimilation. Jener vollständigen Anpassung, die der türkische Ministerpräsident Erdogan einmal als Verbrechen an der Menschlichkeit geißelte. Doch in Akgüns Geschichte kriecht der Muslim nicht dem christlichen Ritus zu Kreuze. Wenn er während des Weihnachtsgeschäfts das beglückende Gefühl hat, "Teil eines Ganzen" zu sein, entpuppt sich sein Fetisch als reines Symbol: für seinen Wunsch nämlich, dort "dazuzugehören", wo er lebt.

Und wenn er seiner, ob seines Weihnachtsfetischs irritierten Mutter freudestrahlend erklärt, Weihnachten sei "für alle" da, entchristianisiert er dieses Symbol ganz nebenbei mit derselben entwaffnenden Freundlichkeit, mit der er auch die Kunden im Kaufhaus bei ihren Weihnachtseinkäufen berät.

Man sieht schon: Ganz ohne pädagogische Hintergedanken schreibt diese Autorin nicht. Von 2002 bis 2009 saß Akgün für die SPD im Deutschen Bundestag. In ihrer Heimat Nordrhein-Westfalen kämpft sie für Gleichstellung und Integration. Und wenn sich am Ende dieses "muslimischen Weihnachtswunders" ein Neubeginn in Umuts Familie abzeichnet, übertreibt sie es ein wenig mit der beabsichtigten Signalwirkung.

Trotzdem hat das Buch der einstigen Islambeauftragten ihrer Partei nichts von einem Pamphlet. Sondern ist eine wunderbar leicht und warmherzig geschriebene kleine Erzählung. Deren Protagonisten die psychologische Ausbildung ihrer Erfinderin zu Gute kommt, so feinfühlig sind sie gezeichnet. Akgüns Buch ist eine literarische Ermutigung zur Emanzipation und zur friedlichen Koexistenz der Religionen. In der sich Weihnachten in eine wunderbar gottlose Metapher für transreligiöse Freude verwandelt.

Besprochen von Ingo Arend

Lale Akgün: Kebab-Weihnacht
Aufbau Verlag, Berlin 2011
109 Seiten, 12,99 Euro

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