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Signale / Archiv | Beitrag vom 05.02.2006

"Integration"

Oder: Der Fragebogen an uns selbst

Von Josef Schmid

Gibt es in Deutschland ein schlüssiges Integrationskonzept? (AP)
Gibt es in Deutschland ein schlüssiges Integrationskonzept? (AP)

Wir kennen die Großbaustellen im Lande und haben auch eine Vorstellung von Bauplan und Ziel einer Politik für Renten, Gesundheit und Beschäftigung. Wo wir noch immer weder ein noch aus wissen, ist der Großkomplex Zuwanderung und Ausländerfrage, die inzwischen in das Wort "Integration" gehüllt wird. Selbst noch so kleine Vorschläge, diese Sache nicht länger treiben zu lassen wie bisher, rufen Großkritiker auf den Plan.

So geht’s bei Fragen um Deutschkurse, deutsch im Schulhof, um Leitkultur, den Fragebogen in Baden-Württemberg, Parallelgesellschaft, Jugendprobleme in zweiter und dritter Generation – sie gehen regelmäßig unter in einem öffentlichen Gezeter. Die Meinungslager belauern sich gegenseitig. Es geht um das seelische und sprachliche Sauberbleiben der Meinungslager und erst in zweiter Linie um die Lösung der Probleme.

An diesem inneren Status quo hat auch das Zuwanderungsgesetz nicht viel ändern können. Integration kommt darin auch kaum vor, weil sie – wie die Einbürgerung – größtenteils Sache der Länder ist. Das ist an sich gut so, denn der so genannte Migrationshintergrund soll dort regiert werden, von wo aus er am besten überblickt werden kann.

Wie kam es zu dem Status quo der 7,4 Millionen ausländischer Mitbürger, von denen wir eigentlich nur die Hälfte von ihnen, aus der EU und dem übrigen Europa stammend, als von vornherein unproblematisch einstufen. Von den drei Millionen Menschen hierzulande aus der Türkei und außereuropäischen, so genannten Drittstaaten sind unsere Kenntnisse lückenhaft bezüglich Umgangssprache, Kindererziehung und Einschulung, Folgen des Familiennachzugs, Beziehungen zu Politik und Religion des Herkunftslandes, ihrer Gruppenbindungen hier im Lande, - am Ende solche, die sich der westeuropäischen Moderne bewusst entziehen oder die zur Gänze im Sold des Herkunftslandes stehen.

Dieses Wissen wäre aber notwendig, wenn man schon meint, man wäre längst ein Einwanderungsland. Die Leugnung, Einwanderungsland zu sein, wurde belächelt mit dem Hinweis auf das Bild, das die Fußgängerzonen in unseren Städten bieten. Dass dieses Bild bunter ist, als einem lieb sein kann und wenig von Integration in westliche Lebensform spüren lässt, zeigt nur, dass die angeblichen Realisten einer längst bestehenden Multikultur auch nichts wissen – und selten genug danach befragt, ins universell Gültige, in Rechtsgleichheit und sonstige menschheitsumarmende Naivitäten ausbüchsen.

Als der große Schriftsteller Max Frisch vor 40 Jahren den Ausspruch tat: wir verlangten Arbeitskräfte und es kamen Menschen, da wussten die Anhänger dieser Weisheit noch nicht, wie sehr sie sich einmal gegen sie selbst richten würde. Denn ankommende Menschen tragen auch ein Gepäck in sich, das sie durch Kontrollinstanzen europäischer Aufklärung hindurchschmuggeln: Religion, Familiensinn, Männer-Machismo und Stolz auf ihre Herkunft.

Hier hat nun das bürgerliche Meinungslager zu lächeln, wenn es zusieht, wie auf die linksliberalen Progressiven ein Stück Mittelalter zurollt, das sie so auch nicht haben wollten. Die Wut gegen das unschöne Wörtchen "Leitkultur" ist deshalb so unstillbar, weil es in Kürze auf alle Fehleinschätzungen unserer Deutungselite verweist, auf die pädagogisch motivierten Irrtümer über die Gefahren unkontrollierter Einwanderung, die Rückkehr der Religionen in der außereuropäischen Welt, einschließlich in den USA. Mit der Forderung nach einer Leitkultur wird nur eine wirklichkeitsnahe Balance gegenüber intellektueller Weltfremdheit wieder hergestellt.

Doch gegen die Herkunftsmächte – wie wir das Totgeglaubte und nun Wiederkehrende nennen – sind westliche Heilmethoden nicht unbedingt wirksam. Man kann der nachwachsenden Migrantengeneration die deutsche Staatsbürgerschaft in die Wiege stecken, man kann sie mit westlicher Massenkultur der Herkunftskultur der Eltern endgültig entfremden. Doch was geschieht mit ihnen?

Es gibt einen deutschen Königsweg der Integration. Er lautet "Verbürgerlichung durch Arbeit". Dieser Weg hat die Deutschen aus der bäuerlichen Armut geführt und zur größten Industrienation gemacht, - hat sie auch aus dem Desaster des Zweiten Weltkriegs glänzend hervorkriechen lassen. Die Globalisierung wird das in der Quintessenz nicht ändern, nur erschweren. Wenn es nicht gelingt, die entwurzelte Migrantengeneration in einen zeitgemäßen deutschen Weg der Industrialisierung einzufügen, etwa weil für sie keine Arbeit vorhanden und kein bürgerlicher Lebenszuschnitt mehr vorgelebt und zur Nachahmung empfohlen werden kann, laufen die Migrantenkinder Gefahr, den Weg der Deutschen in der Weimarer Republik zu wiederholen: sie landen im völkisch-religiösen Fanatismus.

Nun solle man ja nicht glauben, man könnte sozialtechnisch nachhelfen, etwa mit einem Programm absichtlicher Bevorzugung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund bei der Arbeitsplatz- und Wohnungssuche. Positive Diskriminierung lautet das verheißungsvolle Gespenst. Frankreich hat es nach den Vorstadt-Krawallen ins Spiel gebracht, um der größeren kriminellen Energie, die man beim Migrantenkind vermutet, die Spitze zu nehmen. Würde ein solches Programm hierzulande die Runde machen, wäre bald eine überfraktionelle Einigkeit darüber erzielt, dass wir nun so weit doch kein Einwanderungsland sind. Und so bleibt weiterhin die Frage an uns, nach welchen Maßstäben wir aufnehmen und einbürgern.

In allen europäischen Ländern ist die Politik unbedarfter, oberflächlicher Toleranz gescheitert – und zwar deshalb, weil Europa nicht beides sein kann: die Wiege der Völker und Kulturen und zugleich Experimentierfeld für deren Auflösung zugunsten von etwas Unbekanntem, was da kommen soll. Das ist der gravierende Unterschied zu Einwanderungsländern in Übersee. In Europa muss sich der Immigrant einer Nationalkultur fügen, im Einbürgerungsfall einfügen, die jahrhundertelang an ihrem Entstehen gebaut und um ihre Existenz gekämpft hat.

Josef Schmid (Maurer-Hörsch)Josef Schmid (Maurer-Hörsch)Josef Schmid, geboren 1937 in Linz/Donau, Österreich, zählt zu den profiliertesten deutschen Wissenschaftlern auf seinem Gebiet. Er studierte Betriebs- und Volkswirtschaft sowie Soziologie, Philosophie und Psychologie. Seit 1980 ist Schmid Inhaber des Lehrstuhls für Bevölkerungswissen-schaft an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Seine Hauptthemen: Bevölkerungsprobleme der industrialisierten Welt und der Entwicklungsländer, Kulturelle Evolution und Systemökologie. Schmid ist Mitglied namhafter nationaler und internationaler Fachgremien. Veröffentlichungen u.a.: Einführung in die Bevölkerungssoziologie (1976); Bevölke-rung und soziale Entwicklung (1984); Das verlorene Gleich-gewicht – eine Kulturökologie der Gegenwart (1992); Sozial-prognose – Die Belastung der nachwachsenden Generation (2000). In "Die Moralgesellschaft – Vom Elend der heutigen Politik" (Herbig Verlag, 1999) wird der Widerspruch zwi-schen Vergangenheitsfixiertheit und der Fähigkeit zur Lö-sung von Gegenwarts- und Zukunftsaufgaben scharfsichtig analysiert.

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