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Interview / Archiv | Beitrag vom 09.12.2014

IntegrationRezepte für eine bessere Welt

Das Projekt "Über den Tellerrand kochen" von Berliner Studenten

Ninon Demuth im Gespräch mit Korbinian Frenzel

(Über den Tellerrand kochen)
Impressionen aus einen Kochkurs mit Flüchtlingen in Berlin. (Über den Tellerrand kochen)

Die Idee ist simpel: Studenten kochen mit Flüchtlingen zusammen Gerichte aus deren Heimat. Kochen sei der "Schnittpunkt der Kulturen", erklärt die Initiatorin des Projekts, Ninon Demuth. So komme man ganz einfach in Kontakt zu den Menschen.

Korbinian Frenzel: Weit über 300.000 Flüchtlinge leben zurzeit in Deutschland. Das sind an der Zahl genug, dass wir alle eigentlich schon mal einen kennengelernt haben könnten. Aber wahrscheinlich geht es Ihnen nicht anders als mir, wenn Sie das verneinen müssen. Das liegt natürlich wie immer an den Verhältnissen, aber es liegt – und das zeigt die Initiative einer Gruppe junger Leute – zuallererst auch an uns selbst. Es zu ändern, liegt in unserer Hand. „Warum nicht mal über den Tellerrand kochen?" So heißt das Projekt, das einer ganz simplen Idee folgt: Lasst uns zusammen mit Flüchtlingen kochen, ihre Rezepte kennenlernen und dabei natürlich auch ihre Geschichten. Ninon Demuth ist eine der Gründerinnen, Studentin an der TU Berlin und jetzt am Telefon. Guten Morgen!

Ninon Demuth: Einen schönen guten Morgen!

Frenzel: Liege ich richtig, wenn ich vermute, dass diese Idee in einer WG-Küche entstanden ist?

Demuth: Da liegen Sie zumindest nicht ganz falsch. Also die Gründer von „Über den Tellerrand kochen" sind alle Studenten und es ist tatsächlich so, dass wir mittlerweile bestimmt ein halbes oder ganzes Jahr innerhalb einer WG-Küche gearbeitet haben. Die Idee kam aber tatsächlich bei einem Uni-Wettbewerb.

Frenzel: Was genau machen Sie denn, also was bieten Sie an? Laden da einfach einzelne Leute Flüchtlinge aus Flüchtlingsheimen dann in ihre Küche ein?

Kochbuch mit Rezepten von Flüchtlingen

Demuth: Ja. Wir haben da unterschiedliche Ebenen, auf denen Menschen zusammenkommen. Also es geht immer um das Thema kochen, und zum einen veranstalten wir Kochkurse, in denen ein Flüchtling ungefähr zehn bis zwölf Teilnehmern ein typisches Menü aus seiner Heimat vorstellt und gleichzeitig über seine Geschichte und seine Kultur redet. Wir haben aber auch die Möglichkeit, dass wir eben Menschen vor Ort mit Flüchtlingen in Verbindung setzen, indem wir ihnen Kontakte geben und ihnen so ein bisschen beiseite stehen und ihnen helfen. Und wir bringen gerade ein Kochbuch raus mit Rezepten von Flüchtlingen, in dem natürlich auch viel ums Thema Essen geht.

Frenzel: Über das müssen wir gleich noch sprechen, über das Kochbuch. Aber mich würde erst mal interessieren: Wie erfolgreich sind Sie denn damit? Wen erreichen Sie?

Demuth: Zuerst einmal kriegen wir unheimlich viel positives Feedback, sowohl von Flüchtlingen als auch von der Bevölkerung hier in Deutschland. Also Menschen freuen sich, dieses Thema Asyl mal von so einer positiven Seite zu betrachten. Und letztendlich ist ja kochen etwas, das macht unheimlich viel Spaß und das ist der Schnittpunkt aller Kulturen, wenn man so will. Und deshalb stoßen wir wirklich immer auf Begeisterung, und das ist superschön.

Frenzel: Da sind ja Menschen, die Geschichten mitbringen, die häufig ganz schwierige Geschichten mitbringen. Ist das nicht ein manchmal schwerer Kontrast, wenn man da gemeinsam fröhlich in der Küche steht und es sind ganz grausame Geschichten dahinter? Kommen die raus oder sind die eher ausgeblendet?

Demuth: Die Geschichten kommen definitiv raus. Es ist auch so, wenn man zusammen kocht, dass man eben wirklich nicht nur Geschmäcker und Gerüche teilt, sondern auch wirklich Emotionen und man dann wirklich über Stock und Stein kommt und letztendlich sich mit der Person sehr, sehr stark beschäftigt. Und es ist nicht immer fröhlich. Was wir aber mit diesem Kochen erreichen möchten, ist, die Menschen, die hier nach Deutschland kommen, in irgendeiner Art kennenzulernen und aufzufangen und ihnen die Möglichkeit zu geben, hier Anschluss zu finden und letztendlich dadurch eben auch ihr neues Leben zu starten. Und damit hat es natürlich auch was sehr Tröstendes und was sehr Positives, was unabhängig von der Geschichte steht.

(Über den Tellerrand kochen)Es geht exotisch zu beim Kochkurs mit Flüchtlingen. (Über den Tellerrand kochen)

Frenzel: Sie haben dieses Kochbuch erwähnt, das Sie jetzt herausgeben, „Rezepte für ein besseres Wir".

Demuth: Genau.

Frenzel: Mal ganz direkt an Sie gefragt: Haben Sie da ein Lieblingsrezept, eine Sache, die Sie vorher überhaupt nicht kannten, wo Sie sagten: Wow?

Lieblingsrezept ist eine Art Milchreis

Demuth: Es gibt unheimlich viele Rezepte, die mich total begeistern und die ich vorher nie so geschmeckt habe wie afrikanische Eintöpfe, aber mein Lieblingsrezept ist tatsächlich eine Art Milchreis, der ja eigentlich in Deutschland relativ bekannt ist, das ist ein pakistanischer Milchreis, der heißt Kheer, und was ich an dem so toll finde, ist, dass da so viele exotische Gewürze drin stecken, die das Ganze noch mal total anders schmecken lassen, als man es eigentlich von diesem deutschen Zucker-und-Zimt-Milchreis so kennt.

Frenzel: Kriegt man denn diese exotischen Gewürze bei Kaisers oder Penny um die Ecke?

Demuth: Da muss man immer mal schauen. Also in Berlin kriegt man sicherlich wirklich alles, was das Herz begehrt. Wenn man die in einer kleineren Stadt aber nicht bekommt, die Zutaten, dann haben wir das in dem Buch immer genauer erklärt, was man vielleicht für Substitute verwenden könnte und sind aber auch auf die einzelnen Zutaten ein bisschen drauf eingegangen: Was ist das überhaupt, eine Okra-Schote zum Beispiel?

Frenzel: Nun machen Sie das noch nicht so lange. Vielleicht muss sich da auch noch etwas entwickeln. Aber erwächst da etwas aus diesen Kursen? Ist das eine einmalige Begegnung oder haben Sie da schon erfahren, dass daraus wirklich Verbindungen entstehen?

Demuth: Eigentlich ist Letzteres tatsächlich der Fall. Also wir sind so erstaunt darüber, wie viel sich Menschen dann doch hinterher noch mal miteinander treffen oder im Kontakt bleiben. Es ist wirklich so, dass viele der Flüchtlinge, mit denen wir zusammenarbeiten, feste Kontakte knüpfen konnten durch unsere Kochkurse oder durch andere Kochevents, die wir zusammen veranstalten und letztendlich auch Freundschaften entstehen, wo die Flüchtlinge insofern auch profitieren, dass einfach ihnen geholfen wird bei Behördengängen oder Arztbesuchen, dass einfach da jemand ist, der sie so ein bisschen an die Hand nimmt, und das ist superschön zu sehen, und wir hoffen natürlich, da so viele Freundschaften wie möglich ins Leben zu rufen oder so viele Begegnungen wie möglich.

Frenzel: Ich hatte da in Vorbereitung auf unser Gespräch diese kleine Gefahr gesehen, dass da möglicherweise Leute kommen, um auch vielleicht so ein bisschen ihr Gewissen zu beruhigen, ich koche mal mit Flüchtlingen, und dann war es das auch, also fast schon böse gesagt, vielleicht auch so ein bisschen Zoocharakter, man schaut sich an, wer ist das so und dann bleibt nichts. Aber das haben Sie nicht erlebt?

Demuth: Das haben wir überhaupt nicht erlebt. Es ist aber tatsächlich so, dass wir wirklich Menschen erreichen möchten, die mit dem Thema Flucht und Asyl bisher noch wenig Berührungspunkte hatten und auch sich nicht besonders sozial eingesetzt haben. Und es ist wirklich so, dass durch dieses Kochen so eine Art Klick im Kopf entsteht. Also auf einmal sieht man dieses Thema als eine Art Chance und nicht vielmehr als Problem. Und dadurch wird eigentlich jeder, der vielleicht auch einfach nur sein Gewissen stillen wollte, irgendwie involviert in dem Thema. Und das ist superschön.

Frenzel: Ninon Demuth, vielen Dank für dieses Gespräch!

Demuth: Ja, gerne!

Frenzel: Und ich mache jetzt den Kardinalfehler eines Journalisten, ich mache mich mit einer Sache gemein, mit dieser hier nämlich. Schauen Sie sich das mal an, ueberdentellerrandkochen.de ist die Adresse.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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