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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 22.10.2015

Integration durch Arbeit"Nicht als Flüchtling betrachtet, sondern als Kollege"

Nasir aus dem Niger arbeitet in Berlin beim Übungswerkstätten-Parkour der Kampagne "Arrivo". (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)
Nasir aus dem Niger arbeitet in Berlin beim Übungswerkstätten-Parkour der Kampagne "Arrivo". (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)

Das Berliner Projekt "Arrivo" hilft Flüchtlingen dabei, beruflich auf eigenen Beinen zu stehen. Sie müssen oft zahlreiche gesetzliche und bürokratische Hürden überwinden. Dabei gilt ein Arbeitsplatz als die beste Integration.

Daniel Wittmann läuft durch den dunklen Flur eines Hochhauses in Berlin-Reinickendorf. Eine Wohnung im fünften Stock wird gerade saniert. Der Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik will dort die alten Steckdosen und Lichtschalter gegen neue austauschen.

Achmed Salihu nickt, nimmt eine Lichtschalterdose, macht sich sogleich an die Arbeit. Daniel Wittmann lässt ihn in Ruhe machen. Seit sieben Wochen sind die beiden ein Team. Wechseln Schalter, tauschen Dosen, anschließen, abklemmen.

"Also ich hatte schlimme Lehrlinge, die gar nichts konnten. Und er macht sich wirklich gut, ich bin froh, dass ich ihn habe. Für mich hat er verdient den Ausbildungsposten bekommen."

Vor vier Jahren ist Achmed Salihu aus Nigeria geflohen. Eine Gruppe marodierender Fundamentalisten hatte über Nacht seine ganze Familie umgebracht. Noch immer dauert sein Asylverfahren an.

"Sie haben mir erzählt, dass Deutschland Elektriker braucht. Auch in Berlin fehlen Elektriker. Viele von uns Geflüchteten haben ja eine Ausbildung gemacht oder studiert. Wir sind einfach müde, dass wir zum Rumsitzen verdammt sind und nicht arbeiten können. Immerhin gibt es jetzt Projekte, die uns dabei helfen, eine Arbeit zu finden. Wer wirklich Interesse hat, der kann dort zeigen, was er für Fähigkeiten hat."

Umdenken in der Politik

Seit dem ersten September macht Achmed Salihu bei der Fletwerk GmbH eine Ausbildung zum Elektroniker. Das Unternehmen saniert Wohnungen und bietet Hausmeisterdienste an. Für Achmed hat somit ein neuer Lebensabschnitt begonnen. Ein ziemlich guter, sagt er stolz.

"Ja, natürlich ist das gut, ich werde hier von den Kollegen nicht als Flüchtling betrachtet, sondern eben als ein Kollege. Du kriegst einen Job, und darin musst du dich beweisen und vielleicht wirst du nach drei Jahren Ausbildung dann sogar übernommen."

Integration durch Arbeit. Dass das eine gute Idee ist, weiß inzwischen auch die Politik. Die Parlamentarier beschlossen im vergangenen Jahr, dass Flüchtlinge bereits nach drei Monaten arbeiten dürfen. Berater der Arbeitsagenturen sollen künftig in den Erstaufnahmeeinrichtungen präsent sein. Mit dem Ziel, die Flüchtlinge möglichst schnell in einen Job zu vermitteln. Eine schwierige Aufgabe - dazu braucht es qualifiziertes Personal, das geübt ist im Umgang mit Flüchtlingen aus anderen Kulturkreisen.

Werkstattleiter David Jansen steht an einer Werkbank in Kreuzberg, in der Hand ein Hobel. Er erklärt einem jungen Syrer, wie man das Werkzeug auf keinen Fall halten sollte.

"... das muss nur wegkippen und du musst nur abrutschen und dann haust du dir das in den Körper rein. Glaub mir, dass kann tödlich enden."

Das beste Mittel, um Flüchtlinge zu integrieren

Die Werkstatt gehört Arrivo Berlin. David Jansen und seine Kollegen helfen geflüchteten Menschen, beruflich auf eigenen Beinen zu stehen. Berliner Senat und Handwerkskammer unterstützen das Projekt. Außer dem jungen Syrer gibt es 14 weitere Teilnehmer. Zwei Wochen lang testen sie ihre handwerklichen Fähigkeiten in der Holzwerkstatt.

David Jansen vermittelt ihnen Soft Skills wie Pünktlichkeit oder Ordnung am Arbeitsplatz. Er glaubt, Arbeit sei das beste Mittel, um Flüchtlinge zu integrieren.

"Gib den Leuten Beschäftigung, sie dürfen sich nicht beschäftigen und das ist das Problem. Aus Langeweile wird ganz ganz viel Potential falsch ausgelebt."

Nach der Holzwerkstatt durchlaufen die Migranten eine Art Lern-Parcours und besuchen sechs Berliner Innungen. So lernen sie nicht nur verschiedene Handwerksberufe kennen, sondern verbessern auch ihre Sprachkenntnisse. Die ganze Zeit über werden sie dabei von Sozialpädagogen betreut. Einer der wohl wichtigsten Aspekte des Projekts, sagt Anton Schünemann:

"Es ist sehr wichtig für die Teilnehmenden des Projekts, weil es einfach keine zentralen Ansprechpartner gibt. Das heißt, die Menschen sind zum aktuellen Zeitpunkt darauf angewiesen geradezu, entweder Ehrenamtler zu finden, die sich dann für sie einsetzen, ein soziokulturelles Zentrum zu finden, dass sich für sie einsetzt oder eben an so ein Projekt angedockt zu werden wie unseres."

"Dafür brauchen wir eine Rechtssicherheit"

Mehr als 20 geflüchtete Menschen konnten durch das Arrivo-Projekt ein Ausbildungsverhältnis in unterschiedlichsten Berliner Betrieben beginnen. Einer von ihnen ist Achmed Salihu. Fletwerk-Geschäftsführer Wolfgang Liedtke suchte für sein Unternehmen händeringend Elektroniker und ist froh, ihn gefunden zu haben. Also eine Win-Win-Situation? Fast, sagt Liedtke. Denn Achmed Salihu ist über Italien eingereist, fällt also unter das Dublin-III-Abkommen.

Achmed Salihu besitzt zwar eine Duldung, hat aber keine Aufenthaltserlaubnis. Sein Fall liegt jetzt der Härtefallkommission vor. Wolfgang Liedtke hofft auf einen schnellen, positiven Bescheid.

"Hier haben wir einen Fall, wo alle Beteiligten eigentlich froh sein könnten, wenn dieser Status legalisiert wird. Wir hätten einen engagierten Auszubildenden, einen künftigen Facharbeiter für unser Unternehmen. Er könnte sich über die Arbeit hier sehr gut integrieren. Das ist eigentlich die beste Integrationsarbeit, die man machen kann. Aber dafür brauchen wir eine Rechtssicherheit."

Die gibt es in Achmed Salihus Fall aber nicht. Zumindest noch nicht. Liedtke hofft, dass die Bundesregierung die gesetzlichen und bürokratischen Hürden für eine Arbeitserlaubnis weiter senken wird. Denn er würde gerne mehr Flüchtlinge einstellen. Egal ob aus Syrien, Afghanistan, Nigeria oder Somalia, egal ob mit einer Aufenthaltserlaubnis oder nur einer Duldung.

"Ich denke, dass es an der Zeit ist, hier von diesem üblichen Verfahren abzugehen und andere gesetzliche Regelungen zu schaffen, die vor allem diejenigen betreffen, die schon Monate hier sind, hier nicht arbeiten können, letztendlich der Allgemeinheit zur Last fallen, obwohl sie jung, motiviert und fähig sind, hier eine Arbeit aufzunehmen."

Aus seiner Sicht und der von Achmed Salihu wäre dies eine echte Win-Win-Situation.

Länderreport

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