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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 28.10.2011

Integration als dritte Deutsche Einheit

50 Jahre Anwerbeabkommen mit der Türkei

Von Armin Laschet

Türkische Gastarbeiter kommen im November 1961 auf dem Flughafen in Düsseldorf an. (picture alliance / dpa /Wolfgang Hub)
Türkische Gastarbeiter kommen im November 1961 auf dem Flughafen in Düsseldorf an. (picture alliance / dpa /Wolfgang Hub)

Als der Zug mit türkischen Männern auf Gleis 11 des Münchner Hauptbahnhofs einrollte, spielte eine Blaskapelle: "Das Wandern ist des Müllers Lust" und "Auf in den Kampf, Torero". Nach 3 Tagen im Zug aus Istanbul über den Balkan hatten die türkischen Männer bereits mehrere Passagen hinter sich gelassen.

Ihr Weg hat begonnen in den Außenstellen der deutschen Arbeitsämter in der Türkei. Hier wurden ihre Bewerbungen entgegengenommen und geprüft. Schlosser, Schweißer, Schneider – tausende Türken bewerben sich Anfang der 1960er Jahre um eine Stelle in der jungen Bundesrepublik. Überstanden sie auch die ärztliche Untersuchung, ging es auf die mehrtägige Zugreise Richtung Deutschland.

"Gastarbeiter" nannte man sie. Eine urdeutsche Wortschöpfung, denn kein Land der Erde würde Gäste arbeiten lassen. Im Gepäck hatten sie eine Broschüre aus ihrer Heimat. Herausgegeben vom türkischen Arbeitsamt mit dem Titel "Wie geht man als Arbeiter nach Deutschland?". Das Heftchen sollte Tipps geben, wie man sich in dem neuen Land zu verhalten hat: "Arbeitet fleißig und lernt schnell ", steht da geschrieben, "kommt pünktlich und geht pünktlich. Lasst euch nie krankschreiben, außer wenn es gar nicht anders geht."

Das am 30. Oktober 1961 in Bonn - Bad Godesberg unterzeichnete deutsch-türkische Anwerbeabkommen markiert den Beginn der Einwanderung aus der Türkei. Deutschland brauchte Arbeitskräfte in der boomenden Nachkriegswirtschaft. Das, was so fröhlich begann, hat jahrelang funktioniert. Integration fand durch Arbeit statt. Noch zu Beginn der 70er Jahre war die Ausländerarbeitslosigkeit geringer als die der Deutschen.

Was aber ist dann schief gelaufen? Mit dem Anwerbestopp 1973 und dem Nachzug der Familien begann die Geschichte der Versäumnisse. Niemand kümmerte sich um Bildungs- und Aufstiegschancen der Kinder. Türkische Kinder wurden in türkischen Klassen unterrichtet in der Fehlannahme, sie müssten nicht deutsch, sondern gut türkisch können, da sie ja irgendwann zurückkehren.

Deshalb ist es umso erstaunlicher, welche Erfolgsgeschichten es trotz widriger Bedingungen gegeben hat und wie viele Menschen türkischer Herkunft heute fester Bestandteil unserer Gesellschaft sind. Erst in den letzten Jahren sind wir in der Realität eines Einwanderungslandes angekommen.

Es dauerte bis 2005, als in Nordrhein-Westfalen das erste deutsche Integrationsministerium gegründet wurde. Es dauerte bis 2006, ehe eine Bundeskanzlerin Migranten zum ersten Integrationsgipfel ins Kanzleramt einlud. Mit Bund, Ländern und Kommunen, Sportverbänden, Wirtschaft und Gewerkschaften erarbeitete man gemeinsam einen nationalen Integrationsplan. 50 Jahre zu spät.

Unsere älter werdende Gesellschaft braucht unabhängig von der Herkunft der Eltern jedes einzelne Kind. 40 % der Kinder in den Kindergärten haben heute eine Zuwanderungsgeschichte. Sie müssen in zehn bis 15 Jahren unser Land tragen.

Nach der Integration von zwölf Millionen Vertriebenen und Flüchtlingen in der jungen Bundesrepublik und der staatlichen Einheit 1990 müssen wir jetzt eine dritte Deutsche Einheit gestalten, in der die Zuwanderer Träger des eigenen und Motor des gesellschaftlichen Aufstiegs werden. Durch diese dritte Deutsche Einheit kann Deutschland zur Aufsteigerrepublik werden.

Der Journalist, Jurist und Politiker Armin Laschet (Andreas Herrmann)Armin Laschet (Andreas Herrmann) Armin Laschet, geboren 1961 in Aachen, studierte Rechtswissenschaften und arbeitete zunächst als Journalist, bevor er als Abgeordneter in den Deutschen Bundestag (1994-1998) und später ins Europaparlament (1999-2005) ging. 2005 wurde er in Nordrhein-Westfalen Landesminister für Generationen, Familie, Frauen und - als Erster in Deutschland – für Integration. Gemeinsam mit dem früheren SPD-Bundesverteidigungsminister Peter Struck leitet er heute die hochrangige Konsensgruppe "Fachkräftebedarf und Zuwanderung", einem Projekt mehrerer Stiftungen. Er ist Mitglied im Bundesvorstand der CDU.

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