Seit 12:07 Uhr Studio 9
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 12:07 Uhr Studio 9
 
 

Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 19.09.2007

Inquisition 2007

Von Erik von Grawert-May

Eva Herman  (AP)
Eva Herman (AP)

Kaum hatte Eva Herman die verdächtige Formulierung über die Hitlersche Familienpolitik getan, da brach schon das Gewitter los. Das neue Buch, das sie vorstellte und das sie über jeden Vorwurf erhebt, hatte bis dahin offenbar niemand gelesen. Schon bei den Diskussionen über das vorangegangene "Eva-Prinzip" war festzustellen, dass die meisten Teilnehmer sich die Lektüre ersparten. Ihrer Kritik schien das nur umso mehr Flügel zu verleihen.

Der Verdacht, dass die beim Fernsehpublikum beliebte Moderatorin mit ihrem Plädoyer für eine neue Mütterlichkeit nationalsozialistisch angehaucht sei, wurde schon gleich nach dem Erscheinen des "Eva-Prinzips" geäußert. Ihre jetzige Formulierung schien dies auf einmal in eklatanter Weise zu erhärten. Man wartete geradezu auf einen Fauxpas und glaubte, sie in flagranti ertappt zu haben. Es nützte ihr gar nichts, sich von Hitler zu distanzieren. Sie tat es mehrmals schriftlich wie auch mündlich. Ihr Versuch, seiner Mutterkreuzkampagne etwas Gutes abzugewinnen, darin eine Familienidylle zu isolieren, die jenseits von rasse- und kriegsbezogener Politik Bestand haben könnte, musste in diesem Klima der Verdächtigung von vornherein misslingen.

Nach ersten Schätzungen ist das Echo auf Eva Hermans Äußerungen in Leserbriefen zu mehr als 50 Prozent zustimmend. Alles braune Schreiberlinge? Als Sebastian Haffner in seiner einschlägigen Analyse bestimmte Seiten der Politik Hitlers positiv hervorhob, war zwar auch eine gewisse Entrüstung in den Medien zu spüren, aber einem Historiker seines Ranges ließ man das gerade noch einmal so durchgehen. Ob man die Familienpolitik ähnlich differenzieren kann, wie Haffner es etwa mit der Wirtschaftspolitik machte, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ein Versuch in dieser Richtung nicht gleich verboten werden sollte. Wir tun uns gar keinen Gefallen, auch schon den Ansatz zu einem solchen Versuch automatisch zu unterbinden. Mag sein, es kommt dabei heraus, dass es nicht möglich ist, aber wir wären danach allesamt klüger. Für unsere hyperkorrekten Besserwisser vom Dienst allerdings steht bereits alles längst fest. Der Pawlowsche Hund lässt grüßen. Geht man so mit Existenzen um?

Von hellsichtigen Mitarbeitern aus den Medien wird die Entpflichtung der früheren Nachrichtensprecherin als inquisitorische Maßnahme gewertet, die an mittelalterliche Hexenverfolgungen erinnert. Von Gesinnungspolizei, von medialer Gehirnwäsche ist die Rede. Es wird sogar für möglich gehalten, dass Eva Herman wieder mit früheren Funktionen betraut wird, wenn die Wogen sich etwas geglättet haben.

Diejenigen, die sie jetzt verhöhnen und ihr einen Kurs in Geschichte empfehlen, haben nichts, aber auch gar nichts gelernt. Sie sind nur Verleumder mit gutem Gewissen. Um beim Mittelalter zu bleiben: Sie würden gute Femerichter abgeben. Und diejenigen, die jetzt nichts Eiligeres zu tun haben, als Hermans frühere Funktionen einzunehmen, werden hoffentlich bald in sich gehen und die Dreistigkeit ihres Verhaltens erkennen. Man traut seinen Augen nicht, wer alles dazugehört. Smarte Leute. Leute, die von anderen Bürgern gern Zivilcourage im Kampf gegen Rechts einfordern. Wo ist ihre eigene? Zivilcourage besteht in unserem Kontext darin, sich dem Klima der Verdächtigung vernehmbar zu widersetzen.

Wo es nicht mehr ausreicht, sich von Hitler und seinem grausamen Regime zu distanzieren, ohne gleich in Bausch und Bogen alles zu verdammen, was unter ihm geschah, wo man schon wegen der kleinsten Abweichung von der politisch korrekten Linie der freien Ausübung seines Berufes nicht mehr sicher ist, da kann Freiheit nicht gedeihen. Schon gar nicht angesichts einer Säuberungsaktion, die Schlimmstes befürchten lässt. Die Sprecher jüdischer Verbände der Bundesrepublik können so etwas schon gar nicht wollen. Auch ihnen ist nicht verboten, sich kundig zu machen, bevor sie jemanden in Acht und Bann tun.

Die Bücher der Autorin sind überall erhältlich. Es ist ausdrücklich erlaubt, ja, es wird dringend empfohlen, sie zu lesen, ehe man sein Urteil fällt! Ich wage zu behaupten, dass der über das Buch Gebeugte nach gründlicher Lektüre einen Moment innehält, um sich des Ganzen noch einmal zu vergewissern. Danach muss er den aufgenommenen Stoff keineswegs gutheißen, aber er wird wenigstens den ungeheuerlichen Vorwurf fallen lassen, es handele sich um eine mit dem Nationalsozialismus liebäugelnde Autorin.


Erik von Grawert-May, Publizist, Romanist, Wirtschaftswissenschaftler. 1944 in Lauban/Niederschlesien geboren, studierte Romanistik und Wirtschaftswissenschaften in Paris, Tübingen und Berlin. Er habilitierte sich über den Barockbegriff "Theatrum Belli", ist seit 1994 Professor für Unternehmensethik und -kultur an der Fachhochschule Lausitz und leitet seit 1999 das "Hanns von Polenz Institut für regionalgeschichtliche Studien, Senftenberg".

Politisches Feuilleton

Gülen-BewegungSchulen gründen, warum nicht?
Fethullah Gülen (dpa/picture-alliance)

Schulen gründen, die Heilige Schrift studieren, Einfluss auf die Gesellschaft nehmen: Die Bewegung des Predigers Fetullah Gülen steht dafür im Kreuzfeuer der Kritik. Für den Jesuitenpater Klaus Mertens klingen die Anliegen der Bewegung jedoch vertraut - und gar nicht anrüchig. Eine Verteidigung.Mehr

AlleinerziehendeRecht für Väter ist Pech für Mütter
Eine Mutter sitzt mit ihren zwei Kindern auf einer Bank und hält ein Buch in den Händen. (Deutschlandradio / Sabine Demmer)

Alleinerziehende werden in Deutschland allein gelassen. Es gibt noch zu viele bürokratische Lücken, die Unterhaltszahlungen aushebeln, meint die Schriftstellerin und Journalistin Susanne Schädlich. Die Konsequenzen tragen vor allem Mütter und Kinder.Mehr

PolenEine wichtige Freundschaft für Deutschland
Im deutsch-polnischen Eurokindergarten in Frankfurt (Oder) umarmen sich die Freundinnen Domenika Rzeznikiewicz (l) aus Polen und Mara Behnke aus Deutschland, (picture-alliance/dpa/Patrick Pleul)

Die Freundschaft Deutschlands zu Polen verdient es, intensiver gepflegt zu werden, meint der Coach Klaus-Dieter Kottnik. In seinem "Politischen Feuilleton" berichtet er von seinen Erlebnissen in Polen. Dort habe er einen europäischen Geist erlebt, von dem er immer geträumt habe.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur