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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 08.08.2008

Innovator des Jazz

Ben Ratliff: "Coltrane: Siegeszug eines Sounds", Verlag Hannibal, 262 Seiten

Akribisch, fast ausufernd folgt der Musikkritiker Ben Ratliff dem Weg der Jazz-Legende John Coltrane durch seine verschiedenen Schaffensperioden. Der Leser muss bei "Coltrane: Siegeszug eines Sounds" einige Faktenberge und viel Fachjargon hinter sich lassen, um dem Menschen Coltrane näher zu kommen.

Nichts lag Ratliff ferner als eine Biografie zu schreiben. Also keine herkömmliche Musiker-Biografie zu schreiben, sich einer Musik-Legende auf dem direkten Weg zu nähern, den Sound, den Klang, fass- und greifbar werden zu lassen, ist eine schwierige Aufgabe, wenn man sich nur der Sprache bedienen kann - erst recht aber, wenn dieser Musiker John Coltrane war.

Ben Ratliff, Musikkritiker der New York Times, hat sich an die Sisyphos-Arbeit gemacht Coltrane, dem letzten, großen Innovator des Jazz, auf dessen Schlichen zu folgen. Und er tut dies auf zwei Wegen. So behandelt der erste Teil des Buchs die persönliche Suche Coltranes, Teil zwei folgt den Spuren der Adepten.

Ratliff nimmt seine Leser mit auf einen Trip zwischen Bürgerlichkeit, wirklich aufregend war Coltranes Leben - außer in seiner Musik - nie, vielleicht abgesehen von den Jahren seiner Heroinsucht, seinem Selbstentzug und Coltranes scheinbar ewiger Suche nach Spiritualität.

Was machte Coltrane zu einer Legende, zu einer Legende schon zu Lebzeiten? Einer, der - folgt man Ratliff - auf der stetigen Suche nach Perfektion war, nach Vollkommenheit, letztlich nach einer immerwährenden Wahrheit in der Musik ist eigentlich nicht beschreibbar - und so besinnt sich Ratliff dann auch auf die beschreibbare Seite des Genies.

Akribisch, zum Teil sogar schon ausufernd und fast ermüdend wird Coltranes Weg durch die verschiedenen Perioden in den Studio-Sessions, bei Konzerten in Clubs oder Hallen und letztlich anhand der veröffentlichten Schallplatten und Filme in Worte gefasst. Doch wer Coltrane nicht kennt, noch nie auch nur eine Aufnahme oder vielleicht nur Aufnahmen einer bestimmten Periode gehört hat, der hat es schwer den Gedanken und peniblen Ausführungen Ratliffs zu folgen.

Sein Bemühen, dem Sound Coltranes auf die Schliche zu kommen, kann nur folgen, wer das Oeuvre des Meisters kennt, am Besten sogar in- und auswendig. Ratliff hat im Großen und Ganzen ein Buch für Kenner geschrieben, wobei er uns auch nicht Ausflüge in die Fachtermini der Musik erspart. Das macht das Ganze für viele sicher zu einem schweren Brocken.

Erstaunlich dabei aber ist, versucht der Leser sein musikalisches Wissen hinter sich zu lassen, abstrahiert sämtliche Fakten und konzentriert sich auf das Wesen Coltranes, dann tritt der Mann und seine Musik in den Vordergrund. Dieses fast schon Manische in der Suche Coltranes von den ersten Aufnahmen mit einer Navy-Combo bis hin zu den letzten, in denen sich Trane schon längst von harmonischen Fesseln und Strukturen gelöst hat.

Die Essenz dessen, was Coltrane so einzigartig werden ließ, findet man im zweiten Teil des Buchs. Hier widmet sich Ratliff dem Einfluss Coltranes auf die Musiker und seine Umwelt. Dass ihm noch immer - 40 Jahre nach seinem Tod - Musiker folgen, wundert nicht. Zu viel hat Coltrane in seiner Musik aufgeworfen, zu viel, um es in letzter Konsequenz selbst beantworten zu können. Das, was er losgetreten hat, hat er selbst zwar nicht mehr erleben können, aber er hätte es sicher goutiert.

Mit seiner Suche nach dem Sound Coltranes hat Ratliff sein Scherflein zur Diskussion um Coltranes Beitrag zu einer Ästhetik des Jazz geleistet. Die Abkehr vom wohltemperierten Klavier, die Abkehr von modalen Systemen, kathedralhafte Soundgebirge mit rasenden Glissandi - alles dass, kann nun wieder neu diskutiert werden, bringt uns aber Coltrane nicht einen Deut näher.

Der Free Jazz ist längst in Rente gegangen, Minimal-Music findet sich in der Filmmusik wieder und die junge Generation der Jazzer sucht in der Mehrzahl den Kommerz und nicht die musikalische Wahrheit und Transzendenz. So ist Ratliffs Buch ein faszinierendes Buch für Gleichgesinnte, die sich ihres Intellekts nicht schämen. Was Wahrhaftigkeit, eine wirkliche Durchdringung des Klangs angeht, muss jeder- ob Musiker oder Konsument - zu seiner ganz eigenen Wahrheit finden.

Rezensiert von Uwe Golz

Ben Ratliff: Coltrane: Siegeszug eines Sounds
Aus dem Englischen von Henning Dedekind
Verlag Hannibal 2008
262 Seiten, 24,90 Euro

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