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Thema / Archiv | Beitrag vom 30.04.2014

InklusionKooperation ist besser

Schulleiter über die Chancen von Inklusionsklassen

Winfried Bassmann im Gespräch mit Joachim Scholl

Eine Grundschule praktiziert das Lernen von behinderten und nichtbehinderten Kinder. (picture alliance / dpa / Henning Kaiser)
Behinderte und nichtbehinderte Kinder können viel voneinander lernen, sagt Schulleiter Bassmann - auch auf dem Gymnasium. (picture alliance / dpa / Henning Kaiser)

Auf dem Kurt-Schwitters-Gymnasium in Hannover lernen behinderte und nichtbehinderte Kinder zusammen. Davon profitieren beide Seiten, sagt Schulleiter Winfried Bassmann. Diese gemischten Klassen seien sogar leistungsstärker. Erfolgreiche Inklusion setze aber auch Veränderungen in den Schulen voraus, etwa Doppel- statt Einzelstunden.

Joachim Scholl: Henri lebt in Walldorf bei Heidelberg, ist elf Jahre alt und geistig behindert. Seine Eltern wollen ihn dennoch aufs Gymnasium schicken, wohlwissend, dass dieses Niveau für ihren Sohn zu hoch ist. Die Schule verweigert die Aufnahme, die Empörung darüber ist groß. Aus Baden-Württemberg berichtet unser Korrespondent Michael Brandt, der auch Henris Mutter, Kirsten Ehrhardt, getroffen hat. 

Mitgehört am Telefon hat der Oberstudiendirektor Winfried Bassmann. Er leitet das Kurt-Schwitters-Gymnasium in Hannover-Misburg, und dort sind geistig behinderte Kinder integriert, auch mit Down-Syndrom. Guten Morgen, Herr Bassmann.

Winfried Bassmann: Guten Morgen.

Scholl: Der kleine Henri aus Walldorf macht Schlagzeilen. Haben Sie in Ihrem Ort, Herr Bassmann, in Ihrer Schule ähnliche Aufregung, Diskussionen erlebt, als es darum ging, ein mit Down-Syndrom behindertes Mädchen aufzunehmen?

Bassmann: Nein! Eine solche Aufregung gab es bei uns nicht. Wir haben vor drei Jahren die Anfrage einer Mutter bekommen, deren Tochter – die war damals elf Jahre alt – auch das Down-Syndrom hat und die den Wunsch geäußert hat, dass ihr Kind nach dem Besuch der Grundschule im Rahmen einer Förderschule auf das Gymnasium als weiterführende Schule wechseln darf. Wir haben uns damit befasst. Die Schulleitung hat sich entschieden, dieses Experiment zu wagen, hat auch die Gesamtkonferenz und den Schulelternrat kommuniziert, und wir sind zu dem Ergebnis gekommen, wir lassen uns darauf ein.

Scholl: Wie haben die Mitschüler reagiert? Wie gehen sie mit den behinderten Klassenkameraden um?

Bassmann: Das war das geringste Problem bei den Mitschülerinnen und Mitschülern dieser Klasse. Es war eine fünfte Klasse, die sowieso neu zusammengestellt wurde aus den abgehenden Grundschulen, und wie gesagt, das war das geringste Problem. Kinder gehen sehr schnell ganz normal um mit ihren Mitschülerinnen und Mitschülern, ob sie behindert sind oder nicht behindert.

Nicht behinderte Kinder können sich besser konzentrieren

Scholl: Was war das größte Problem?

Bassmann: Es gab Vorbehalte bei einigen Eltern, sowohl in der Inklusionsklasse als auch allgemein im Schulelternrat, Vorbehalte, die darauf abzielten, werden denn diese Kinder das Bildungsziel des Gymnasiums erreichen können, und vor allem, werden unsere eigenen Kinder nicht behindert in ihrem Lernen, in dem Lernen nach gymnasialen Standards durch die behinderten Mitschülerinnen und Mitschüler. Das hat sich allerdings nach relativ schneller Zeit als nicht zutreffend erwiesen.

Scholl: Das heißt, die "gesunden", die normalen Kinder wurden nicht in ihrem Lernerfolg behindert?

Bassmann: Nein! Wir haben sogar die Erfahrung gemacht – wir haben eine Vierzügigkeit, also vier parallele Jahrgangsklassen -, dass diese Klasse 5a nach einiger Zeit leistungsstärker war im Schnitt als die drei anderen Parallelklassen. Nun fragt man sich, wie das kommt. Ich denke, dass es ganz wesentlich damit zusammenhängt, dass diese Schülerinnen und Schüler, die nicht behinderten gymnasialen Schüler der Inklusionsklasse, gelernt haben, konzentrierter zu arbeiten, auch wenn mal Unterbrechungen des Unterrichts stattfanden, auch wenn der Geräuschpegel mal anders war als gewohnt, dass sie gelernt haben, sich mit ihren behinderten Mitschülerinnen und Mitschülern auseinanderzusetzen, ihnen auch selbst bestimmte Themen und Gegenstände zu vermitteln auf kindliche Art, und dass sie von daher selbst in ihrem Lernfortschritt gefördert worden sind.

Scholl: Geistig behinderte Kinder an allgemeinen Schulen – wir sind hier im Deutschlandradio Kultur im Gespräch mit dem Leiter des Kurt-Schwitters-Gymnasiums in Hannover-Misburg, Winfried Bassmann. – Der Begriff Inklusionsklasse, Herr Bassmann, füllen Sie ihn ein wenig für uns. Es gibt auch spezielle Förderlehrer für diese Inklusionsklassen.

Bassmann: Ja.

Förderschullehrer und andere Sicht auf Themen

Scholl: Wie müssen wir uns den Unterricht vorstellen?

Bassmann: Sie müssen sich vorstellen eine Klasse – wir haben zwei Klassen, zwei Inklusionsklassen jetzt im 5. und im 7. Jahrgang mit jeweils drei und vier geistig beeinträchtigten Schülerinnen und Schülern. Das sind zum Beispiel zwei Mädchen mit Down-Syndrom, zwei Jungen mit einer schweren Form von frühkindlichem Autismus und andere Kinder, die geistig stark zurückgeblieben sind. Daneben, neben diesen Schülern, 23, 24 nicht behinderte Schülerinnen und Schüler. Sie werden in einem Großteil der Stunden gemeinsam unterrichtet.

Wir haben ein Doppelstunden-Prinzip, also nicht die Ablösung des Fachunterrichts nach 45 Minuten, sondern ein Unterricht 90 Minuten. Im Rahmen dieses Doppelstunden-Prinzips werden alle Schüler gemeinsam unterrichtet, allerdings von einem Team. Neben dem normalen gymnasialen Fachlehrer, der Fachlehrkraft, ist jeweils auch noch eine Förderschul-Lehrkraft mit dabei. Es werden Unterrichtsgegenstände, Aufgaben in anderer Art und Weise gestellt an die Inklusionsschüler. Platt gesagt: Sie werden heruntergebrochen auf ein anderes Niveau. Aber auch dieses Herunterbrechen klappt in manchen Fällen nicht, weil ja die Substanz gymnasialen Angebots auch berührt wird.

Dann kann es nur darum gehen, auch ganz andere Aufgaben, ganz andere Themen zu stellen, entweder innerhalb der Gesamtgruppe oder aber, dass auch in Teilgruppenarbeit Teilgruppen einmal herübergehen in einen direkt in der Nachbarschaft des Klassenraumes liegenden Differenzierungsraum, in dem vorübergehend gearbeitet wird, und dann die entsprechenden Lernergebnisse wieder in die Gesamtgruppe zurückgeführt werden. Wie gesagt: Teams, ein Gymnasiallehrer, die gymnasiale Fachlehrkraft, dazu eine Förderschul-Lehrkraft, und in einigen wenigen Fällen auch noch – das hängt von dem Behinderungsgrat ab – eine pädagogische Mitarbeiterin.

"Gymnasiallehrer müssen lernen mit Behinderten umzugehen"

Scholl: Die Aufregung, Herr Bassmann, die nun die Gemeinde Walldorf erfasst hat, die berührt ja diese Grundsatzfrage der Inklusion. Wie weit kann sie gehen? An Ihrem Gymnasium funktioniert der Gedanke, das Prinzip, wie Sie es uns geschildert haben. Wo sehen Sie aber nun selbst auch die Grenzen, auch die Grenzen von Hoffnungen vielleicht, die ja vor allem die Eltern für ihre Kinder hegen?

Bassmann: Ein ganz wichtiger Aspekt aus meiner Sicht ist die Frage der Rahmenbedingungen. Die Rahmenbedingungen müssen stimmen und es müssen gesicherte Ressourcen da sein. Um es ganz kurz zu konkretisieren: Inklusion von geistig beeinträchtigten Kindern kann nicht gelingen, wenn keine professionelle Unterstützung durch speziell ausgebildete Förder-Lehrkräfte beziehungsweise pädagogische Mitarbeiter erfolgt. Hier müssen sich Teams zusammenfinden, auch Gymnasial-Lehrkräfte müssen lernen – das haben sie in ihrer Ausbildung ja nicht gelernt -, mit Behinderten umzugehen. Sie müssen erheblich mehr Zeit haben, als es bisher ist, sich in Team- und Koordinationssitzungen mit den abgeordneten Förderschul-Lehrkräften zusammenzufinden und hier differenzierte Aufgaben, differenzierte Themenstellungen im Team zu erarbeiten.

Scholl: Wenn uns, wenn Ihnen jetzt ein Lehrerkollege aus Walldorf zuhört, Herr Bassmann, und Sie nachher anruft, was raten Sie ihm?

Bassmann: Ich rate ihm, sich zunächst einmal ein Bild zu machen von der eigenen Schule und die Frage zu stellen, gibt es Rahmenbedingungen, die es ermöglichen, Kinder mit geistiger Beeinträchtigung auch zu unterrichten. Also: Gibt es eine Form der Kooperation mit einer benachbarten Förderschule, wo professionelle Unterstützung herkommen kann? Gibt es die Möglichkeit, in der eigenen Schule Differenzierungsräume, besondere Förderräume, besondere Lernmaterialien, für deren Beschaffung der Schulträger zuständig ist, herbeizuführen oder herzustellen?

Gibt es diese Möglichkeiten? Gibt es die Möglichkeit, auch mit Eltern und Lehrkräften über die Säulen des Schulprogrammes zu sprechen? Bei uns ist es so, dass wir auf Sozialkompetenz, auf Heterogenität, auf Menschenrechtsbildung und Menschenrechtserziehung ganz besonderen Wert legen. Inklusion muss man auch unter einem menschenrechtsorientierten Ansatz betrachten. In der Gesellschaft sind wir alle zusammen. Der gemeinschaftliche Gedanke muss durchschlagen, und warum denn dann nicht an der Schule.

Scholl: Wie weit reicht Inklusion und wie sie gelingt – wir haben Winfried Bassmann gehört vom Kurt-Schwitters-Gymnasium in Hannover-Misburg. Herzlichen Dank Ihnen für das Gespräch.

Bassmann: Gerne.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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