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Interview / Archiv | Beitrag vom 12.06.2013

Ingenieure und Juristen auf Friedensmission

Tag des Peacekeepers: Bei militärischen Friedenseinsätzen ist auch zivile Expertise gefragt

Almut Wieland-Karimi im Gespräch mit Jan-Christoph Kitzler

UNO-Blauhelmsoldaten: Polizisten und Militärs allein können den Frieden nicht wiederherstellen.  (picture alliance / dpa / Orlando Barria)
UNO-Blauhelmsoldaten: Polizisten und Militärs allein können den Frieden nicht wiederherstellen. (picture alliance / dpa / Orlando Barria)

Wer als Richter, Politikwissenschaftler, Logistiker oder Verwaltungswissenschaftler am Wiederaufbau kriegszerstörter Länder teilnehmen möchte, kann sich beim Zentrum für Internationale Friedenseinsätze des Bundes bewerben, sagt Direktorin Almut Wieland-Karimi.

Jan-Christoph Kitzler: "Frieden schaffen ohne Waffen" – dieses Motto aus den 70er-Jahren leben ganz aktuell zum Beispiel Deutsche, die als Zivilisten an einem internationalen Friedenseinsatz teilnehmen. Bei den Blauhelm-Einsätzen deutscher Soldaten, den Polizeimissionen gerät manchmal etwas aus dem Blick, dass auch viele Zivilisten in Friedensmissionen im Einsatz sind, in Afghanistan, im Süd-Sudan, im Kongo oder in Haiti. Heute aber bekommen sie, die Zivilisten, ein Forum: Erstmals werden am "Tag des Peacekeepers uniformierte und Leute ohne Uniform in Berlin gemeinsam geehrt. Darüber habe ich mich mit Almut Wieland-Karimi unterhalten, sie ist Direktorin des Zentrums für Internationale Friedenseinsätze in Berlin. Zuerst habe ich sie gefragt, wie sie denn aussieht, die deutsche Peacekeeperin oder der deutsche Peacekeeper.

Almut Wieland-Karimi: So allgemein kann man das nicht sagen. Aber es gibt verschiedene Gruppen, die in Friedenseinsätzen arbeiten. Das eine sind die Soldaten, die natürlich alle kennen, und das andere sind die Polizisten, die die meisten Menschen kennen. Es gibt eine weitere große Gruppe, das sind die zivilen Expertinnen und Experten, die sehr unterschiedliche Aufgaben haben. Manche sind zum Beispiel als Richter unterwegs im Kosovo, wo sie auch Recht sprechen mit kosovarischen Kollegen. Andere überwachen eine Grenze, zum Beispiel die Grenze zwischen Russland und Georgien. Andere sind als Rechtsberater in Afghanistan. Also da gibt es eine große Bandbreite von Aufgaben.

Kitzler: Das Verhältnis zwischen Zivilisten und Militärs und Polizisten im Friedenseinsatz ist ja nicht immer ganz unproblematisch. Es gibt ja zum Beispiel Kritik von Hilfsorganisationen, die sagen, dass es problematisch ist, dass die Grenzen zwischen militärischem Engagement und zivilem Einsatz oft nicht so ganz einfach zu ziehen sind und dass das auch eine Gefahr bedeutet für die zivilen Hilfskräfte. Was sind da Ihre Erfahrungen?

Wieland-Karimi: Unsere Erfahrungen sind, dass diejenigen, die gemeinsam in Friedensmissionen arbeiten, dass die sehr gut miteinander arbeiten. Nun muss man sich vorstellen, dass die Friedensmissionen oder Friedenseinsätze, von denen wir sprechen, die sind halt mandatiert entweder von den Vereinten Nationen, von der Europäischen Union und der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa. Und in diesen Missionen arbeiten die verschiedenen Gruppen zusammen.

Das kann man sich so vorstellen: Wenn es einen akuten Konfliktkrieg gibt, dann sind natürlich die Soldaten mehr gefragt, während wenn es um den Aufbau von Institutionen geht, um Friedensverhandlungen, dann ist die zivile Expertise sehr viel stärker gefragt. Die Gruppe, die Sie ansprechen, das sind eher diejenigen, die im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit tätig sind oder der humanitären Hilfe, die also nicht unter der Schirmherrschaft einer Friedensmission stehen. Das ist eine andere Gruppe, die sich natürlich gerne auch ihre Unabhängigkeit bewahrt.

Kitzler: Wie kann man eigentlich als Deutscher jetzt an so einem internationalen Friedenseinsatz, an einer Friedensmission teilnehmen? Was für Voraussetzungen muss man mitbringen und was kann man vielleicht noch lernen?

Wieland-Karimi: Das ist tatsächlich ein ganz neuer Bereich. Der ist entstanden eigentlich aus den Erfahrungen durch die Kriege auf dem Balkan. Und da hat man gesehen, dass Polizisten und Militärs alleine nicht Frieden wiederherstellen können und vor allen Dingen den Frieden auch nicht bewahren können - deshalb das Wort des Peacekeepers – und dass man da diese zivile Expertise braucht. Wie gesagt: Es können Richter sein, Logistiker, Juristen, es werden aber auch Verwaltungswissenschaftler gesucht, natürlich Politikwissenschaftler, Leute mit Medienexpertise. Das ist ein relativ breites Berufsbild, wo es darum geht, Frieden herzustellen und Institutionen aufzubauen.

Wenn man in Deutschland so einen Einsatz machen möchte, dann bewirbt man sich beim ZIF, dem Zentrum für Internationale Friedenseinsätze. Das ist eine Einrichtung der Bundesregierung, des Auswärtigen Amtes. Und die Voraussetzungen, die man mitbringen muss, sind fünf Jahre Berufserfahrung, sicherlich die Bereitschaft, in Krisen- und Konfliktsituationen zu arbeiten, eine hohe Anpassungsfähigkeit und soziale Kompetenz, weil man ja in multilateralen internationalen Teams zusammenarbeitet, also nicht nur mit Militär und Polizei, sondern auch in einem ganz interkulturellen Kontext.

Und man muss sich vorstellen, dass man natürlich viel Kontakt hat zu den Menschen in dem betroffenen Konfliktland. Insofern muss man da eine gewisse Sensitivität mitbringen, möglichst Sprachkenntnisse, Voraussetzung ist fließendes Englisch. Und wenn Sie dann aufgenommen werden, dann können Sie bei uns Trainings machen und dann können Sie in einen solchen Friedenseinsatz gehen.

Kitzler: Wie sind denn Ihre Bewerberzahlen, eher zu hoch oder eher zu niedrig?

Wieland-Karimi: Das kommt darauf an. Wir haben zurzeit ungefähr 200 zivile Expertinnen und Experten in solchen Einsätzen. Wir senden aber auch im Jahr ungefähr 300 Menschen zur Wahlbeobachtung in verschiedene Ländern. Bei der Wahlbeobachtung haben wir sehr hohe Bewerberzahlen, obwohl es ein Ehrenamt ist, während bei den längerfristigen Einsätzen, die mindestens ein Jahr dauern, aber auch zwei, drei, vier Jahre dauern können, wir in bestimmten Bereichen eigentlich noch Nachwuchs suchen, vor allen Dingen im Bereich von Leuten mit einem juristischen und einem administrativen Hintergrund, sicherlich auch Ingenieure. Und da gibt es durchaus Chancen.

Und wenn man sich bei uns die zivilen Expertinnen und Experten anguckt, dann ist das eine sehr heterogene Gruppe. Manche fangen erst an, mit Ende 50 in so einen Einsatz zu gehen, andere beginnen das schon früher in ihrem Berufsleben, und idealerweise gehen Menschen für zwei, drei Jahre in so einen Einsatz und dann wieder zurück in ihren ursprünglichen Beruf.

Kitzler: Almut Wieland-Karimi, Direktorin des Zentrums für Internationale Friedenseinsätze in Berlin. Haben Sie vielen Dank für das Gespräch, einen schönen Tag.

Wieland-Karimi: Ja Ihnen auch – vielen Dank – auf Wiederhören.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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