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Thema / Archiv | Beitrag vom 13.07.2012

Ingenieur macht Originale fälschungssicher

Oliver Winzenried hilft China beim Kampf gegen Produktpiraterie

Moderation: Joachim Scholl

Auch der iPod wird gerne kopiert. Wie man Technik schützt, weiß Oliver Winzenried.
Auch der iPod wird gerne kopiert. Wie man Technik schützt, weiß Oliver Winzenried. (picture alliance / dpa - Maximilian Haupt)

Bislang gilt China als Hochburg der Produktpiraten. Als aufstrebender Technologiehersteller leidet die Volksrepublik aber selbst unter Fälschungen - und wehrt sich. Der deutsche Ingenieur Oliver Winzenried hilft den Chinesen dabei, ihre Technik zu schützen - per Softwareverschlüsselung.

Joachim Scholl: Immer stärker geht China gegen Produktpiraterie vor. Das mag paradox klingen vor dem Hintergrund, dass China als der größte Hafen solcherlei Piraten gilt - ein schlechter Ruf, den das Land nur schwer wieder loswird.

Doch längst hat China das Problem im eigenen Haus, denn immer mehr chinesische Markenartikel werden gefälscht, und damit ist ein neues Geschäftsfeld abgesteckt, auf dem der deutsche Ingenieur Oliver Winzenried erfolgreich ist: Mit zwei Niederlassungen seiner Softwarefirma "Wibu" in Shanghai und Peking hilft er den Chinesen, ihre Produkte zu schützen. Oliver Winzenried ist jetzt am Telefon. Guten Tag!

Oliver Winzenried: Guten Tag, Herr Scholl!

Scholl: Nanu, mag sich mancher Hörer jetzt gedacht haben, seit Jahren hört man die Klagen der deutschen Industrie, dass gerade die Chinesen klauen wie die Raben - jetzt jagen sie selber Piraten. Wie erklärt sich denn dieser Umschwung?

Winzenried: Nun ja, also in der Tat wird in China natürlich auch noch viel nachgebaut und abgekupfert, aber das ist kein rein chinesisches Problem, sondern das passiert überall auf der Welt, und in China wird in der Zwischenzeit, wie wir das auch vor 20, 30 oder noch mehr Jahren in Japan hatten, sehr viel selbst entwickelt. Die Hochschulen bringen große Anzahlen an Studienabgängern hervor, unter denen natürlich auch so und so viele Prozent [unverständlich] sind, die dann wirklich gute Sachen machen, und so kommt es eben, dass auch die Chinesen ihre Produkte vor dem Nachbau, vor dem Nachbau vom eigenen Wettbewerber, vom eigenen Nachbar schützen müssen und auch international.

Scholl: Die Patentanmeldungen chinesischer Firmen legen beständig zu, sie liegen schon auf dem vierten Platz hinter den USA, Deutschland und Japan, das heißt, die chinesische Wirtschaft setzt immer mehr auf Innovation als auf Nachahmung.

Winzenried: Das ist korrekt, also beides. Da wird sicherlich das Rad nicht immer neu erfunden, die Chinesen schauen sich sehr genau an, was denn die Wettbewerber im Ausland schon haben, um den Vorsprung, den wir in Europa oder den auch die amerikanischen Unternehmen haben, möglichst schnell nachzuholen mit möglichst geringem Aufwand, überlegen dann aber auch selbst, was sie für das Produkt an Innovationen, vielleicht auch zielgerichtet auf die Anwendungen im eigenen Land, leisten können.

Und da passiert schon eine Menge, und Sie haben es gesagt mit den Patentanmeldungen: Auf Gebrauchsmuster trifft das noch viel stärker zu, die Gebrauchsmusteranmeldungen von chinesischen Unternehmen in China sind gigantische Zahlen, also ein mindestens Hundertfaches oder noch mehr, wie alle Gebrauchsmusteranmeldungen von ausländischen Firmen in China, was schon bedenklich ist.

Scholl: Pardon, was sind Gebrauchsmuster?

Winzenried: Gebrauchsmuster bezeichnet man auch so ein bisschen als das kleine Patent, also da sind die Hürden nicht ganz so hoch wie beim Patent: Es muss neu sein, es muss eine Innovation haben - also ein ähnliches rechtliches Schutzrecht wie auch das Patent, das auch bei den Patentbehörden einzureichen ist.

Scholl: Ist das auch auf Ihrem Gebiet der Softwaretechnologie der Fall, dass chinesische Produkte also konkurrenzfähig und weltmarktfähig werden?

Winzenried: Ja, bin ich überzeugt davon, ganz klar. Also wir selbst, wir bieten ja technische Lösungen zum Produkt- und Know-how-Schutz an, und wir haben auch in China in diesem Bereich zwei Wettbewerber, zwei chinesische Unternehmen, die aktuell, denke ich, noch nicht so weit sind wie wir, aber deren Produkte für einige Anwendungen auch schon sehr gut sind und die eben überwiegend in China verkauft werden.

Scholl: Bislang war es ja so, dass man aus China auch philosophische Begründungen der Piraterie hörte, so nach Konfuzius' berühmten Regeln, wie der Mensch klug handele: erstens durch Nachdenken, zweitens durch Erfahrung, drittens durch Nachahmung der großen Meister. Also Firmen wie Apple, Microsoft oder Nokia werden sich wenig geschmeichelt dadurch fühlen. Hat diese Philosophie jetzt so als Ausrede auch ausgedient?

Winzenried: Ich glaube schon, ich glaube schon, und die Interpretation von Konfuzius, dass das der Freibrief wäre, Innovationen von anderen zu stehlen und direkt eins zu eins nachzumachen, ist auch sehr fragwürdig.

Scholl: Beim Kampf gegen diese inländische Piraterie im Softwarebereich kommen Sie nun ins Spiel, Herr Winzenried, mit Ihrer Firma. Wie hat das eigentlich angefangen? Sind Sie auf die Idee gekommen? Kamen die Chinesen zu Ihnen?

Winzenried: Nein, wir sind auf die Idee gekommen. Wir hatten 2002 das erste Mal auf einer "CeBIT" in China ausgestellt, haben uns da den Markt angeguckt intensiv, gemeinsam mit der Außenhandelskammer auch Recherchen gemacht, und da gab es eben schon einen unserer amerikanischen Wettbewerber, der in China aktiv war, und da haben wir gesagt: Jawohl, der Markt ist so groß und interessant, da müssen wir starten. Wir haben dann 2003 ein Representative Office gegründet und 2005 eine echte Tochtergesellschaft, nicht als Joint Venture, sondern als 100-prozentige Tochter der deutschen AG.

Scholl: Wie China gegen Produktpiraterie im eigenen Land vorgeht - Deutschlandradio Kultur im Gespräch mit dem Softwarespezialisten Oliver Winzenried. Wie müssen wir uns denn jetzt Ihre Arbeit konkret vorstellen? Also Sie helfen Chinesen gegen Fälschungen digitaler Produkte. Was heißt das genau?

Winzenried: Genau. Im Fall von Software verschlüsseln wir die Software, und zur Laufzeit - also wenn man am Computer dann das Programm ausführen will - wird das Programm, wenn die passende Lizenz, wenn das passende Recht vorhanden ist, wird es entschlüsselt und kann dann verwendet werden. Also der rechtmäßige Nutzer merkt eigentlich in der Benutzung keinen Unterschied.

Diesen Schlüssel zur Nutzung der Lizenz, den speichern wir entweder wiederum in einer Datei, die an das Gerät gebunden ist, das kennt der eine oder andere Hörer vielleicht von Software von Microsoft oder von Adobe, wo man Software aktiviert und kann die dann auf dem einen Gerät nutzen. Das ist eine Möglichkeit.

Die andere Möglichkeit mit noch wesentlich höherem Schutzlevel ist, dass diese Schlüssel und digitalen Rechte in einer Art Dongle, also so einem kleinen USB-Stick gespeichert werden, den man dann am Gerät anschließt und dann kann man die Software nutzen, hat auch den Vorteil, dass ich die Software auf verschiedenen Geräten nutzen kann, weil ich meine Rechte einfach mobil mitnehmen kann.

Scholl: Welchen Firmen haben Sie denn da zum Beispiel geholfen? Hätten Sie vielleicht ein oder zwei Beispiele für uns?

Winzenried: Jetzt aus China zum Beispiel die Firma Qingqi oder UF Soft, UFIDA, das sind Unternehmen, die stellen EAP- und Buchhaltungssoftware her, auch schon relativ große Unternehmen in China, vielleicht nicht ganz so groß und international natürlich nicht so berühmt wie SAP, aber in der gleichen Branche und in China sehr stark verbreitet.

Scholl: Nun denkt man bei Fälschungen ja meistens an, ja, vielleicht an Handys oder auch an Kleidung, Lacoste, oder an Turnschuhe. Dass digitale Produkte gefälscht werden können, das erscheint einem jetzt nicht so offensichtlich. Aber kommt vor?

Winzenried: Ja, natürlich. Ja, Software-Piraterie ist weltweit ein ganz großes Thema, und das Problem bei Software-Piraterie ist auch, dass die Kopie sich vom Original qualitativ nicht unterscheidet. Sonst sind ja Nachbauten von Geräten oder Textilien, die dann vielleicht ein Lacoste-Logo drauf haben, eventuell von nicht gleich guter Qualität.

Aber wir schützen in der Tat auch nicht nur diese Software, sondern wir schützen auch Geräte, indem nämlich die Software, die ja mehr und mehr Funktionalität in einer Maschine, in einer Anlage, in einem Medizingerät realisiert, geschützt wird, kann man auch den Nachbau von Geräten erschweren. So haben wir in China auch Kunden, die Medizingeräte herstellen, von so tragbaren Langzeit-EKG-Geräten bis zu Röntgengeräten, oder wir haben Kunden, die Spielautomaten herstellen, die natürlich auch die Spiele ja in Form von Software enthalten. Also da gibt es eine ganze Reihe Anwendungen, wo man im ersten Moment gar nicht an Software denkt.

Scholl: Wie reagieren denn die Chinesen auf diese Art der Hilfestellung von Ihnen? Wie groß ist die Nachfrage?

Winzenried: Die Nachfrage ist recht groß. Was uns ein bisschen bremst, ist, dass unsere Produkte gegenüber dem chinesischen Wettbewerb sehr teuer erscheinen, aber da muss man eben die richtigen Kunden finden, bei denen der Mehrwert durch unsere Lösungen groß genug ist. Und dann ist die Bereitschaft der Chinesen, mehr Geld auszugeben für ein sehr hochwertiges Produkt, die ist vorhanden. Das ist also kein Problem. Made in Germany als Qualitätsmerkmal hilft auf dem chinesischen Markt auch, es genießt einen sehr guten Ruf und man bekommt sehr einfach die Möglichkeit, seine Lösungen und Produkte vorzustellen. Im zweiten Schritt muss man natürlich beweisen, dass die Lösung, die man anbietet, tatsächlich auch den Preis rechtfertigt.

Scholl: Glauben Sie denn, Herr Winzenried, dass sich dieses neue Bewusstsein gegenüber Produktpiraterie in China auch dahingehend durchsetzt, dass die großen Fälschungswellen gegen westliche Technologie und Produkte zurückgehen?

Winzenried: Ich denke ja. Also das wird natürlich nie ganz verschwinden, aber man sieht es schon ein bisschen: Der VDMA, der Verband deutscher Maschinen- und Anlagenbauer, macht alle zwei Jahre eine Studie aus einer Umfrage unter den Mitgliedsunternehmen, und da kam zum Beispiel raus: Das Herstellerland der Plagiate, das war 2010 noch - in 79 Prozent der Fälle wurde da China angegeben, in 2012 nur noch in 72 Prozent der Fälle, während zum Beispiel Deutschland als Herstellerland für Plagiate in 2010 mit 19 Prozent angegeben wurde und in 2012 mit 26. Also man sieht da schon, dass es sich auch verschiebt. China ist immer noch im Nachbauen natürlich in einem höheren Prozentsatz vertreten als westliche Länder, aber es verschiebt sich eben vom reinen Nachbauen zum Entwickeln eigener Produkte und Lösungen.

Scholl: Es wäre ja dann noch mal dieser Trend vorstellbar: Wenn immer mehr chinesische Markenartikel weltmarktfähig werden, protestiert eines Tages der chinesische Staatspräsident bei Angela Merkel gegen die zunehmenden Fälschungen chinesischer Waren durch deutsche Fälscher. Werden wir mal solche Meldungen lesen, was meinen Sie?

Winzenried: Ich weiß nicht, vielleicht, ja, vielleicht, wer kann schon 30, 40 Jahre in die Zukunft sehen, aber für ausgeschlossen halte ich es nicht.

Scholl: Er hilft mit seiner Firma den Chinesen gegen Produktpiraten: Das war der Ingenieur Oliver Winzenried aus Karlsruhe, ich danke Ihnen für das Gespräch!

Winzenried: Danke ebenfalls, Herr Scholl!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


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